Nach 15 Jahren ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann offiziell mit einem Festakt verabschiedet worden. Seine Amtszeit bezeichnet er als Gnade.
Ist es die trockene Luft des Hochs „Winfried“, das an diesem Tag einen strahlend blauen Himmel über das Neue Schloss gespannt hat oder ist es doch die Rührung? Winfried Kretschmanns Stimme, mit der er schon so viele Reden gehalten hat, klang noch rauer als sonst an diesem Mittwoch – kurz schien sie zu brechen, dann fing sich der 77-Jährige wieder. Zuvor hatte der frühere Bundespräsident Joachim Gauck seine Arbeit gewürdigt, sein Stellvertreter Thomas Strobl und die Wissenschaftsministerin Petra Olschowski hatten Lobesreden gehalten. „Die Worte haben mich sehr berührt“, gestand Kretschmann. „‚Ich gehe ohne Wehmut’ kann ich so nicht mehr sagen.“
Kretschmann Gästeliste ist das „Who ist Who“ aus Baden-Württemberg
Mehr als 300 geladene Gäste waren an diesem Mittwoch im Weißen Saal des Neuen Schlosses versammelt. Nach 15 Jahren im Amt wurde Kretschmann am Mittwoch mit einem Festakt und einer Serenade des Heeresmusikkorps offiziell verabschiedet. Tänzer des Stuttgarter Balletts gaben einen Pas de Deux aus Tschaikowskys Schwanensee, Moritz Kallenberg sang für den Opernfreund Kretschmann die Arie „Il mio tesoro“ aus Mozarts Don Giovanni.
Unternehmerpersönlichkeiten wie Wolfgang Grupp, Reinhold Würth und Nicola Leibinger-Kammüller waren geladen, auch Kretschmanns Amtskollegen wie die frühere Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, und der ehemalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet. Daneben glich die Gesellschaft einem „Who is Who“ der Landespolitik und der grünen Partei. Der frühere Außenminister Joschka Fischer saß in den Reihen ebenso wie Grünen-Urgestein Rezzo Schlauch, Ex-Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der frühere Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer und die frühere Landtagsfraktionsvorsitzende Birgit Bender.
Strobl räumt mit CDU-Idee auf
Sie wissen, dass Kretschmanns Stellvertreter Thomas Strobl (CDU) Recht hatte, als er die Verabschiedung Kretschmann als historischen Moment in der Geschichte des Landes bezeichnete. Strobl stellte wohl auch in Richtung seiner eigenen Reihen klar: Dass Kretschmann so lange im Amt sei, sei kein Zufall. „So etwas passiert mal nicht einfach so.“ Kretschmann war 2011 mit einem knappen Vorsprung der Grünen vor der SPD ins Amt gekommen, obwohl die CDU mehr Stimmen bei der Landtagswahl erhalten hatte. Einige CDU-Politiker bezeichneten seine Amtszeit lange als „Unfall der Geschichte“. Er habe nicht dazu gehört, sagte Strobl: „Kretschmann kam ins Amt, um zu bleiben.“ Wenn Kretschmann im Mai aus dem Amt scheidet, wird er mit fast 5500 Tagen die längste Amtszeit eines Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg hinter sich haben – als erster grüner Ministerpräsident Deutschlands überhaupt.
Unter seiner Führung setzte die Landesregierung Akzente in der Verkehrs- und Klimapolitik. Vor allem aber beschäftigte Kretschmann das Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Bürgerbeteiligung.
Ein Thema, das den früheren Bundespräsidenten Gauck mit Kretschmann verbindet. „Sie verstehen Bürgerlichkeit im Sinne eines verantwortlichen Subjekts“, sagte Gauck in seiner Rede. „So ist ein politisches Werk entstanden, das über die Grenzen des Landes hinaus strahlt.“ Und: Kretschmann habe einen Stil mitgebracht, der Zuhören und Bürgerbeteiligung als Regierungsinstrument verstanden und Vertrauen geschaffen habe. Das, so Gauck, „ist einer der Gründe, warum ihr Regieren so lange währte.“ Schon während Gaucks Amtszeit hatten die beiden mehrere gemeinsame Auftritte. 2023 hatte Kretschmann Gauck (86) zu einem Kongress geladen, bei dem die Folgen des Klimawandels für die Demokratie diskutiert wurden.
Aus dem eigenen Kabinett durfte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) Kretschmanns Politik loben. Kretschmanns Art Politik zu machen, werde unzähligen Menschen im Gedächtnis bleiben, sagte sie. „Sie wird Maßstab bleiben für lange Zeit.“
Kretschmann: „Es ist doch eine Gnade“
Der Gewürdigte antwortete mit einer für seine Verhältnisse kurzen Rede und wirkte mit sich im Reinen als er sagte: „Es ist doch eine Gnade, Ministerpräsident in diesem Land zu sein.“ Seine Sorge über die Zukunft der Demokratie wollte er dennoch ausdrücken. Zweifel und Populismus müsse man Ernst nehmen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sie unsere Demokratie von innen erodieren.“ Mit Blick auf die künftige Landesregierung und seinen designierten Nachfolger Cem Özdemir mache ihm aber Hoffnung, dass bei der Landtagswahl „eine Regierung der Mitte nach 10 Jahren mit 60 Prozent bestätigt“ wurde, wohl auch eine Bestätigung seiner eigenen Politik.
Als das Heeresmusikkorps im Ehrenhof des Neuen Schlosses nach dem Choral „Nun danket allen Gott“, den Marsch „Herzog von Braunschweig“ und eine Sinatra-Medley spielte, entglitt seine Mine nur einen Moment lang. Seine Stimme hatte Kretschmann wieder im Griff. „Wenn ich in einigen Tagen endgültig aus dem Amt scheide, tue ich das in großer Dankbarkeit“, sagte er. Er sei dankbar dafür, dass er diesem Land und seinen Menschen als Ministerpräsident dienen durfte. „Es war mir eine Ehre.“