Landrat Wolf-Rüdiger Michel wird sein Büro nach 24 Jahren im Amt am 30. April verlassen. Foto: Cools

Endspurt: Ende April tritt Wolf-Rüdiger Michel nach 24 Jahren als Rottweiler Landrat in den Ruhestand ein. In Teil zwei unseres Interviews geht es um Kritik und Pläne für die Zukunft.

Die letzten Wochen im Amt sind für den scheidenden Rottweiler Landrat Wolf-Rüdiger Michel von vielen Terminen geprägt. Dennoch nimmt er sich Zeit für ein Abschiedsinterview mit unser Redaktion. Im ersten Teil haben wir mit dem 67-Jährigen seine 24 Jahre als Landrat Revue passieren lassen und über wichtige Entscheidungen, aber auch Krisen gesprochen. Im zweiten Teil erzählt er uns, wie sich die Arbeit als Landrat gewandelt hat, wie er mit Kritik umgeht, und worauf er sich im Ruhestand freut.

 

Angesichts des nahenden Abschieds: Was werden Sie am meisten vermissen?

Vermissen werde ich vor allem die Begegnungen mit den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die sich ehrenamtlich und im Hauptamt dafür engagieren, dass wir hier im Landkreis ein gutes Miteinander haben. Diese nach besten Kräften zu unterstützen, ja, zu fördern, war mir stets eine Herzensangelegenheit. Und natürlich werde ich auch das tolle Mitarbeiter-Team des Landratsamts vermissen, das sich in allen Dezernaten engagiert dafür einsetzt, dass es sich im Landkreis Rottweil gut leben lässt. Nachdem ich bereits auf allen Verwaltungsebenen tätig war, kann ich sagen: Hier wird Arbeit in hoher Qualität geleistet.

Worauf freuen Sie sich im Ruhestand?

Auf die gemeinsame Zeit, die ich nun mit meiner Familie verbringen kann. Und auf die Freiheit, nicht mehr starr von einem Terminkalender bestimmt zu werden. Auf diese innere und äußere Freiheit freue ich mich sehr.

Und was haben Sie geplant?

Da ich oftmals auch am Wochenende gearbeitet und Termine wahrgenommen habe, war ich in der Freizeit privat nur wenig im Landkreis unterwegs. Im Ruhestand werde ich sicher oft im Garten mitarbeiten und gemeinsam mit meiner Frau viele Spaziergänge in die Stadt unternehmen und Rottweil genießen. Zudem werde ich einige Ehrenämter auch noch im Ruhestand wahrnehmen, zum Beispiel im Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg und im kommunalen Arbeitgeberverband im Land und im Bund.

Was hat Sie persönlich motiviert, so lange im Amt zu bleiben?

Der Ministerpräsident hat mal gesagt, Politik muss keinen Spaß machen, sondern Sinn. Ich bin mit ganzem Herzen Landrat gewesen. Das hat mich stets motiviert, und trotz der 24 Jahre ist die Zeit irgendwie fast wie im Flug vergangen. Ich bin immer gern zur Arbeit gegangen und auch gern draußen bei den Leuten gewesen.

Wie hat sich die Rolle des Landrats in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert?

Als Landrat ist man „öffentlicher“ geworden. Als Kommunalpolitiker steht man nun schneller und häufiger in der Kritik und ist digital viel umfangreicher ansprechbar als noch vor rund 20 Jahren. Das geht ja auch vielen Privatpersonen so: Insbesondere auf junge Menschen prasselt heutzutage einiges ein. Entschleunigung als Gegengewicht gab es für mich daheim – beim Lesen oder bei Gartenarbeit. Gießen beispielsweise ist sehr kontemplativ. Das lädt den Akku wieder auf.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Früher wurde die am Stammtisch geäußert, mittlerweile zunehmend über die Sozialen Medien. Dabei vergessen manche, dass es nicht nur Menschen gibt, die zufrieden sind, sich aber einfach nicht äußern, sondern auch solche, die konstruktiv Kritik üben. Ich war stets mit offenem Visier unterwegs und habe es geschätzt, wenn Tacheles gesprochen und gesagt wird, was einem nicht gefällt. Denn dadurch kann man dazulernen. Berechtigte Kritik ist auch ein Ansporn. Zwar sollte man als Landrat überzeugt von einer Entscheidung sein, dabei ist es aber stets wichtig, zu reflektieren.

Wie sieht es bei der Zusammenarbeit mit dem Kreistag aus: Wird mittlerweile mehr und gegebenenfalls auch kontroverser diskutiert?

Diskussionen gehören dazu, und lange Entscheidungswege sind manchmal erforderlich, um eine gute Lösung zu finden. Einstimmigkeit muss man sich erarbeiten. Schön ist, dass beispielsweise im Schulbereich viele wichtige Investitionen einstimmig oder mit großer Mehrheit durchgegangen sind.

Und haben Sie nach 24 Jahren im Amt alles erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?

In der Kommunalpolitik kann man nie alle Großprojekte abschließen. Das gilt auch für das Ziel, die Infrastruktur im Landkreis zu verbessern – natürlich immer in Zusammenarbeit mit dem Kreistag. Ein Landrat als Ich-AG hat den Beruf verfehlt. Beim Ringzug, der ja nichts Anderes als eine S-Bahn ist, hätten vor 30 Jahren viele skeptisch reagiert. Wir haben anfangs mit 9000 Fahrgästen pro Tag gerechnet, jetzt sind es weitaus mehr. Viele Straßen und Radwege wurden ausgebaut, die Kreisschulen pädagogisch deutlich aufgewertet und jungen Menschen damit gute Chancen gegeben. Und es wird immer etwas zu tun geben. Ziel erreicht? Wir sind noch unterwegs. Der Kreis Rottweil ist sowohl ein guter Wohnort als auch ein guter Gewerbe- und Industriestandort mit vielen Möglichkeiten.

Was raten und wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Ich wünsche ihm vor allem genauso viel Freude am Gestalten der Zukunft unseres schönen Landkreises wie ich sie hatte.

Und welche Botschaft möchten Sie den Bürgern des Landkreises mitgeben?

Ich danke den Bürgerinnen und Bürgern des Landkreises Rottweil für 24 Jahre konstruktive und wenn nötig auch kritische Begleitung. Der gegenseitige Austausch war stets bereichernd. Zudem danke ich für die vielen netten Begegnungen und guten Gespräche – viele davon auch am Rande von Veranstaltungen. Ich wünsche mir, dass auch mein Nachfolger das mir entgegengebrachte Vertrauen erfahren wird.

Der scheidende Landrat

Wolf-Rüdiger Michel
ist 67 Jahre alt und lebt in Rottweil. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg samt Promotion arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt, ehe er erst im Landratsamt Ortenaukreis, dann im Landesverkehrsministerium tätig war. Von 1994 bis 2002 arbeitete Michel für das Regierungspräsidium Stuttgart. Seit 1. Mai 2002 ist er Landrat im Kreis Rottweil. 2010 und 2018 wurde er jeweils wiedergewählt. Seine Amtszeit endet am 30. April.

Sein Nachfolger
Christoph Keckeisen, Erster Landesbeamter im Bodenseekreis, wurde am 23. März zum neuen Landrat gewählt. Er wird die Nachfolge am 15. Mai antreten.