Das Ende einer Ära: Nach 24 Jahren tritt Rottweils Landrat Wolf-Rüdiger Michel in den Ruhestand ein. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über große Momente und Krisen.
Von Flüchtlingswellen über die Corona-Krise bis zur Entscheidung für den Bau des neuen Landratsamtes: In 24 Jahren Amtszeit hat Rottweils Landrat Wolf-Rüdiger Michel einige Entwicklungen miterlebt und mitgeprägt. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über wichtige Entscheidungen und erfolgreiche Projekte – aber auch über Krisen und Fehler.
24 Jahre sind eine lange Zeit: Wie ist Ihre Stimmungslage angesichts des baldigen Abschieds?
Ich sehe meinem Abschied ruhig und gelassen entgegen, denn ich habe ja den Zeitpunkt für das Ausscheiden aus dem Amt selbst gewählt. Insofern gab es kein plötzliches Erstaunen.
Zeit für einen Blick in die Vergangenheit: Welche war Ihre wichtigste Entscheidung in den 24 Jahren?
Viele Entscheidungen, die der Kreistag und ich getroffen habe, sind sehr wichtig gewesen. Da denke ich zum Beispiel auch an die Neuordnung der Krankenhauslandschaft vor rund 15 Jahren. Das waren für alle Beteiligten und Betroffenen schwierige und emotionale Zeiten. Aber es gab in weiteren Bereichen große Themen, die dann mit sehr breiten Mehrheiten oder sogar einstimmig entschieden wurden: Ausbau der Kreisschulen, Jugend und Soziales, ÖPNV – Stichworte Regiobus Rottweil-Schramberg-Schiltach und Ringzug – und natürlich auch beim Kreisstraßen- und Radwegebau. Dabei gab es nie ein Gegeneinander von Verwaltung und Kreistag: Gemeinsames Ziel war immer, den Landkreis voranzubringen. Dabei war der Kreistag im positiven Sinne auch offen für Neues. Mit am wichtigsten für die Zukunft ist natürlich das Thema Breitbandausbau. Nimmt man verbautes Geld und zugesicherte Förderung zusammen, sind das rund 180 Millionen Euro, die in dieses Thema fließen. Das ist ein großes Glück und vor allem dem zu verdanken, dass alle Kommunen zusammengearbeitet haben. Das Projekt ist deshalb so erfolgreich, weil alle an einem Strang gezogen haben.
Und was hätten Sie gern noch abgeschlossen?
Die Talstadtumfahrung Schramberg hat mich meine gesamte Amtszeit begleitet – sie hätte ich gerne noch eingeweiht. Aber lange Jahre gab es leider zu wenig Geld im Bundesstraßenbau.
Gab es etwas, das Ihnen stets besonders am Herzen lag?
Kunst und Kultur waren mir immer wichtig. Dank der Stiftungen der Kreissparkasse, deren Träger der Landkreis ist, und des Zweckverbandes Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) konnte da vieles möglich gemacht werden, ohne die Kreiskasse zu behelligen.
Gab es Entscheidungen, die Sie im Nachhinein anders treffen würden?
Als Landrat muss man kritikfähig sein und Fehler korrigieren, wenn das möglich ist. Zu Beginn meiner Amtszeit haben wir aus Finanznot die Schuldnerberatung abgeschafft. Das war, im Nachhinein betrachtet, ein Fehler. Die Entscheidung war schon beim Kreistagsbeschluss nicht unumstritten. Und es zeigte sich dann schnell, dass der Bedarf an Beratung im Landkreis die Kapazitäten freier Träger überstiegen hat. Ich bin dankbar, dass wir die Entscheidung rückgängig gemacht haben und seit vielen Jahren wieder eine Schuldnerberatung im Landratsamt haben.
Welcher war Ihr emotionalster Moment im Amt?
Besonders emotional sind immer Momente, in denen einem für eine konkrete Hilfe in existenzieller Lage oder zur Unterstützung des ehrenamtliches Engagements gedankt wird. Ganz besonders beispielsweise, wenn es um die Blaulichtfamilie geht. Diese Menschen machen so viel und begeben sich dabei in Gefahr. Wenn man sie unterstützen kann und dafür persönlichen Dank – ohne großes Trara – erhält, dann berührt das.
Welche Projekte oder Entwicklungen im Kreis Rottweil erfüllen Sie mit Stolz?
Stolz ist da das falsche Wort. Vielmehr bin ich dankbar, wenn ein komplexes Vorhaben unter der Beteiligung vieler Institutionen mit großer Mehrheit oder sogar einstimmig aufs Gleis gebracht worden ist. Ich denke da zum Beispiel an unsere vielen Breitbandprojekte oder auch an die Modernisierung unserer Kreisschulen, in die viele Millionen geflossen sind. Diese Projekte haben gezeigt, wie man etwas zügig voranbringen kann, wenn man an einem Strang zieht. Oftmals hat man ja den Eindruck, in der Politik wird nur gestritten. Auseinandersetzungen können aber sehr wertvoll sein – erst recht, wenn man dadurch gemeinsam zu einem besseren Ergebnis kommt.
Welche Rolle spielt da eigentlich der Vergleich mit den Nachbarlandkreisen?
Natürlich freut man sich, wenn es bei einem selbst gut läuft, ich denke aber immer regional. Nicht nur, weil mancher Landkreisbewohner beispielsweise in einem Nachbarlandkreis arbeitet. Auch Hochschulen in der Nähe zu haben, ist sehr wertvoll. Dass wir als Landkreise in der Region auf Augen- und Ballhöhe sind, macht unseren Wohlstand aus.
Welche war die größte Krise in Ihrer Amtszeit – und wie haben Sie diese bewältigt?
Es hat mehrere schwierige Momente gegeben. Ich denke da insbesondere an die Flüchtlingskrise 2015/2016, die Corona-Pandemie und die weitere Flüchtlingswelle im Zuge des Ukrainekriegs. Solche Herausforderungen können nur bewältigt werden, wenn die betroffenen Kommunen zusammenstehen und rasch handeln. Bei den Flüchtlingswellen zum Beispiel bei der Wohnraumbeschaffung, bei der Pandemie beim raschen Aufbau von Hilfsstrukturen, wie etwa bei der Beschaffung von Schutzmasken und dem Aufbau von Impfmöglichkeiten. Ohne den Einsatz vieler freiwilliger Helfer aus der Bürgerschaft, von Unternehmen, von der gesamten Blaulichtfamilie im Ehren- und im Hauptamt, der Bundeswehr sowie den engagierten Mitarbeitern des Landratsamts wäre das alles nicht möglich gewesen. Und natürlich auch nicht ohne den hervorragenden Einsatz aller im Gesundheits- und Pflegebereich Tätigen, die oftmals bis zur Erschöpfungsgrenze gearbeitet haben. Hier hat sich gezeigt, dass wir im Landkreis ein sehr gutes Miteinander haben. Dass der Bund manches, wie Kontaktsperren in den Pflegeheimen und die Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegepersonal, heute sicherlich anders handhaben würde, steht auf einem anderen Blatt. Rückblickend ist man immer schlauer.
Und welche sind die größten Herausforderungen, vor denen der Landkreis Rottweil aktuell steht?
Die größte Herausforderung ist sicherlich die angespannte finanzielle Lage, mit der aktuell bundesweit alle Kommunen – ob Gemeinden, Städte oder Landkreise – zu kämpfen haben. Da sind wir im Kreis Rottweil keine Insel der Seligen – auch wenn ich nördlich der Main-Linie gern mal höre: „Eure Schwierigkeiten hätte ich gern“. Die Aufgaben, die uns der Bund zuweist, werden immer mehr, und es ist ärgerlich, dass er uns nicht mit den nötigen Finanzmitteln dafür ausstattet. Berlin beschließt etwas und stellt es sich ins Schaufenster – Stichwort Bundesteilhabegesetz – und die Kommunen müssen sehen, wie sie es finanzieren. Das funktioniert so nicht. Parallel geht das Steueraufkommen zurück, und wirtschaftlicher Aufschwung wäre nötig. Die Schere muss sich wieder von beiden Seiten schließen.
Der scheidende Landrat
Wolf-Rüdiger Michel
ist 67 Jahre alt und lebt in Rottweil. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg samt Promotion arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt, ehe er erst im Landratsamt Ortenaukreis, dann im Landesverkehrsministerium tätig war. Von 1994 bis 2002 arbeitete Michel für das Regierungspräsidium Stuttgart. Seit 1. Mai 2002 ist er Landrat im Kreis Rottweil. 2010 und 2018 wurde er jeweils wiedergewählt. Seine Amtszeit endet am 30. April.
Sein Nachfolger
Christoph Keckeisen, Erster Landesbeamter im Bodenseekreis, wurde am 23. März zum neuen Landrat gewählt. Er wird die Nachfolge am 15. Mai antreten.