Wie einst Jesus Christus trugen die Kirchengemeinde das Kreuz aus der Erlöserkirche hinaus – und wie Jesus bekamen sie Hilfe. Foto: Susanne Conzelmann

Ein letztes Mal haben die Glocken der Tailfinger Erlöserkirche am Sonntag zum Gottesdienst geladen – der Abschied vom Gotteshaus, das verkauft ist, wurde nicht wenigen Gemeindegliedern schwer.

Wie endgültig der Abschied war, wurde ganz am Ende beim Auszug der Geistlichen und des Kirchengemeinderats deutlich. Bedächtig und ohne Hast räumten Pfarrer Johannes Hartmann, Pfarrer Gottfried Engele, Vikarin Mareike Kocher und die Ratsmitglieder zuerst den Altar ab und trugen sodann gemessenen Schrittes Parament – die verzierte Stoffdecke am Altar – , Kerzen, Abendmahlsgeschirr und Altarbibel hinaus.

 

Danach hoben, während die Gemeinde den Atem anhielt, drei Kirchengemeinderäte das Altarkreuz aus der Verankerung, um es durch den Mittelgang ins Freie zu bringen. Doch wie einst Christus auf seinem Leidensweg, so wurde auch ihnen die Last zu schwer – ein Gemeindeglied sprang helfend hinzu.

Parament und alle weiteren sakralen Gegenstände trugen Pfarrer Johannes Hartmann (vorne), sein Kollege Gottfried Engele und die Kirchengemeinderäte der evangelischen Kirchengemeinde Tailfingen aus der Erlöserkirche hinaus. Foto: Conzelmann

Unterdessen wurden hier und da verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. Was geschieht mit dem Kreuz? Das soll sich erst in den kommenden Wochen entscheiden.

Das letzte Mal predigten Gottfried Engele, Mareike Kocher und Johannes Hartmann in der Erlöserkirche. Foto: Conzelmann

Indes, und das war sowohl durch die Predigt als auch aus der Abschiedsrede des gewählten Kirchengemeinderatsvorsitzenden Andreas Mader deutlich geworden, ist Gemeinde mehr als ein Gebäude, mehr als Steine und Mauern. „Die Kraft Gottes nehmen wir mit“, sagte Mader.

In seinem Rückblick auf die über 70-jährige Geschichte der Erlöserkirche erinnerte er an die Aufbruchsstimmung der ersten Jahre nach der Republikgründung und daran, wie Tailfingen damals durch die den Zuzug der Heimatvertriebenen, aber auch von auswärtigen Arbeitssuchenden, die auf Beschäftigung in der Textilindustrie hofften, stetig gewachsen war.

Als Folge entstanden unter anderem die „Siedlung“, wie die Langenwand zunächst genannt wurde, und eben die Erlöserkirche, die das bisherige Provisorium, das Turnerheim, als Schauplatz der Gottesdienste ablöste – übrigens bis zum Bau von St. Franziskus Ende der 1960er-Jahre auch der katholischen. Die Erlöserkirche wurde am ersten Advent 1953 eingeweiht; der erste Pfarrer war der des neuen Tailfinger „Pfarramts III“, Adolf Kehrer.

Indes beließ Mader es nicht beim Rückblick, sondern schlug auch den Bogen in die Zukunft. Sakrale Kirchenräume, stellte er fest, würden sehr wohl noch gebraucht, aber eben nicht mehr in der bisherigen Dichte. Stattdessen gelte es neue Wege einzuschlagen, womit die Tailfinger Protestanten auch schon begonnen hätten: Das „Efas“ am Markt sei längst ein beliebter Anlaufpunkt geworden, und das neu gestaltete Gemeindezentrum auf Stiegel soll schon bald seiner Bestimmung übergeben werden. Als Termin für den Beginn der Nutzung nannte Mader November; die feierliche Eröffnung soll am 16. Februar 2025 folgen.

Im Garten war danach Gelegenheit zur Begegnung. Foto: Conzelmann

Die Predigt teilte das Pastoralteam unter sich auf. Pfarrer Gottfried Engele kam auf die „vier Ds“ zu sprechen, die Fußballtrainer Jürgen Klopp einst in einem Interview benannt habe: Demut, Dank, Dienen, Durchhalten – das seien Werte, zu denen sich auch ein Christ bekenne. Demut, so Engele, bedeute, sich auf Gott zu verlassen, zum Dank hält laut Vikarin Kocher der Blick aufs Gotteshaus den Betrachter an: Vieles habe dieses Gebäude erlebt, „jede Macke erzählt ihre eigene Geschichte“, hier sei getrauert und gefeiert, gelacht und geweint, gesungen und gebetet worden. Stichwort Dienst: Nach dem Erlöser, so Pfarrer Johannes Hartmann, sei die Kirche auf WW benannt worden, „und in diesen Erlösungsdienst nimmt Jesus uns mit hinein.“ Der Auftrag der Kirche laute Dienst am Nächsten – und eben nicht Dienst am Denkmalschutz.

Blieb das Durchhalten: Gott schenke auch Stärkung und Vergewisserung, erklärte Hartmann, und lud die Gemeinde folgerichtig zum Abendmahl ein – und zum anschließenden Feiern im Garten.