Holger Berndt hatte oft einen hohen Redeanteil im Epfendorfer Gemeinderat. Er sah sich auch stets als Vertreter der „schweigenden Bruddler“, wie er sagt. Foto: Cools

„Es gibt auch ein Leben nach der Kommunalpolitik“: Für Holger Berndt bricht das nun an. Nach 20 Jahren scheidet er aus dem Epfendorfer Gemeinderat aus. Uns verrät er, wie er die Zeit rückblickend sieht, und was er bedauert.

Was man als Gemeinderat braucht? „Eine hohe Frustrationstoleranz“, sagt Holger Berndt. Der Harthausener muss es wissen, denn in den vergangenen 20 Jahren war er in schwierige Entscheidungen und heiße Debatten involviert.

 

2004, als er in seinen Heimatort zurückkam, wollte er sich für diesen engagieren, trat als Kandidat an und wurde gleich gewählt. „Damals gab es mehr Kandidaten. Da hatte man wirklich noch die Wahl“, sagt der 60-Jährige. Das sei heute leider anders. Früher sei das Amt des Gemeinderats auch eine Auszeichnung gewesen, heute gehe es eher ums „dazu überreden“.

Verwalten statt gestalten

Gründe gibt es dafür einige aus seiner Sicht. Zum einen seien die Menschen überlenkt. Denn meist würden die gefragt, die sich ohnehin schon an mehreren Stellen engagieren. Zum anderen könne man heutzutage als Gemeinderat leider immer weniger gestalten, sondern müsse vielmehr verwalten. Eine Entscheidung wie die, wie es mit der Wasserversorgung weitergehen soll, würde man heute vermutlich gar nicht mehr treffen können, sagt Berndt.

Angesichts der vielen Pflichtaufgaben, die der Gemeinde aufgebrummt würden, habe man nur noch einen ganz kleinen Handlungsspielraum. „Wir können vielleicht noch fünf Prozent vom Haushalt selbst gestalten. Der Rest wird durch Vorgaben vom Gesetzgeber diktiert“, sagt der Harthausener. Und dann finde man sich oftmals im Gemeinderat dabei wieder, wie man sich über kleine Summen in die Haare kriege und diskutiere, ob die Feldwegsanierung oder der Spielplatz beispielsweise Priorität habe.

Diskussionskultur ist verloren gegangen

Etwas, das Berndt ebenfalls bedauert: „Die Diskussionskultur ist verloren gegangen.“ Früher sei man eher auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Der „Trick“ für eine gute Lösung: „Beide Seiten müssen am Ende gewinnen – leben und leben lassen.“ Es gehe nur mit Kompromissen, ist Berndt sich sicher. Etwa beim Dauerthema Schließung der Trichtinger Grundschule, indem der „Schulverlust“ durch etwas Anderes ausgeglichen werde.

Diese Kompromissbereitschaft fehle ihm zunehmend. Dabei gehe es doch genau darum: gemeinsam Lösungen zu finden, anstatt etwa zu sagen „So haben wir das schon immer gemacht“ oder „Es geht halt nicht“. „Bei einem Nein der Verwaltung fängt die Arbeit des Gemeinderats erst an“, sagt Berndt.

Kritik muss man aushalten können

Verändert habe sich auch die Wahrnehmung der Bürger in Bezug auf den Gemeinderat. Früher sei das Geleistete anerkannt worden, heute nehme die Zahl der Kritiker stetig zu. Und sich selbst zu hinterfragen und einen Fehler einzugestehen sei offenbar out.

Für Holger Berndt ist es essenziell, um gute Entscheidungen zu treffen, wie er sagt. Ebenso wie seine Meinung zu sagen, auch wenn es dafür ein breites Kreuz brauche. „Ich sehe mich da als jemand, der als bruddliger Mensch die Meinung von vielen schweigenden Bruddlern kundgetan hat“, sagt er. Auch wenn er dann eben mal der Buhmann gewesen sei. Das habe er ausgehalten.

Falsche Entscheidungen

Manche Entscheidungen des Gemeinderats und der Verwaltung seien rückblickend falsch gewesen, meint der Harthausener. Bei der Schulschließung hätte man die Bürger vor der finalen Entscheidung besser mitnehmen sollen, findet er. Und man hätte Möglichkeiten bieten sollen, Trichtingen dann in anderen Aspekten zu stärken. „Schade, dass wir dieses Thema in dieser Legislatur nicht abschließen konnten.“

Auch beim Gewerbegebiet Schroten habe man nicht gut entschieden, sagt Holger Berndt mit Blick auf die nun dort vertretenen Unternehmenstypen.

Die Zukunft der Gemeinde sieht der Ex-Gemeinderat kritisch angesichts Personalmangels in der Verwaltung und geringer finanzieller Mittel. Er befürchtet, dass die kleinen Gemeinden langfristig nicht mehr allein überleben, sondern irgendwann nur noch in Verwaltungsgemeinschaften existieren können.

Das Miteinander war lange Zeit gut

Stolz sei er derweil darauf, 20 Jahre lang versucht zu haben, seinem Heimatort „zu dienen“ und jene sprechen zu lassen, die ihre Meinung nicht öffentlich kundtun wollten. Als besonders schöne Zeit bezeichnet Holger Berndt die zehn Jahre als zweiter Bürgermeister-Stellvertreter zusammen mit Uwe Mei.

Seine Entscheidungen, so betont er, habe er immer für die Gesamtgemeinde getroffen. Aber es sei wichtig, im Haushalt stets Beträge, wenn auch kleine, für die Teilorte zu reservieren, betont er. Denn als kleinere Truppe im Gemeinderat fühle man sich doch oft wie in einem „Loch“, aus dem man kaum rauskomme. Auch, weil Kirchturmdenken in der Gemeinde leider immer noch weit verbreitet sei.

Aber: Das Miteinander sei, auch in kritischen Situationen, die meiste Zeit gut gewesen. Zwar habe man nicht immer einen Kompromiss erzielt, aber oft.

Vertrauen in die Nachfolger

Für Holger Berndt war es nun nach 20 Jahren an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen, wie er sagt. „Ich bin froh, dass ich mich jetzt um andere Dinge kümmern kann“, sagt er. Und: „Ich falle sicherlich nicht in ein Loch.“

Für Harthausen und Trichtingen habe man gute Leute gefunden, denen er vertraue. Reinreden werde er denen sicherlich nicht, stellt der 60-Jährige klar. Er werde aus der Ferne beobachten, wie es weitergehe. Die Kunst sei, jederzeit auf Änderungen gefasst zu sein und diese positiv zu begleiten. Und das habe er stets versucht.