Am Mittwoch wird SAP-Gründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner bei SAP abtreten. Foto: dpa/Uwe Anspach

Als letzter der fünf SAP-Gründer kehrt Hasso Plattner dem Technologiekonzern den Rücken. Mit ihm verlässt der technologische Vordenker das Unternehmen. Was wird aus den Walldorfern ohne ihren Übervater?

Eine der Szenen, die zur Legendenbildung von Hasso Plattner beigetragen haben, stammt aus einer Zeit, als noch niemand ein Smartphone zückte, um sie ins kollektive Gedächtnis einzubrennen. Den Erzählungen nach waberte Kunstnebel über die Bühne, als der damals 50 Jahre alte SAP-Gründer mit der E-Gitarre im Anschlag zu den Akkorden von Chuck Berrys „Oh Carol“ auf die Bühne stieg, um seine Kunden zu unterhalten. Das war 1994 im Kongresszentrum in Disney World in Orlando. Und Plattner legte den Grundstein für seinen Ruf als Rockstar der deutschen Wirtschaft, einer, der immer wieder für eine Überraschung gut ist, einer, der auch gern mal auf Konventionen pfeift.

 

Deshalb rechnet eigentlich jeder noch einmal mit einem großen Auftritt, wenn Hasso Plattner an diesem Mittwoch nach der diesjährigen Hauptversammlung des SAP-Konzerns seinen Posten im Aufsichtsrat räumt und am nächsten Tag – wieder einmal – ein Bundeskanzler anreist, um Plattner bei einem Festakt zu huldigen. Der 80-Jährige ist der letzte der fünf Gründer des 1972 ins Leben gerufenen Softwareunternehmens, der noch im Unternehmen aktiv ist – erst im Vorstand, seit 2003 im Aufsichtsrat. SAP ist sein Lebenswerk, wenn nicht sein Leben.

Ein Unternehmer, wie ihn sich manche wünschen

Hasso Plattner ist einer der Unternehmer, von der die Politik hierzulande manchmal zu träumen scheint. Sein Mitgründer und langjähriger Wegbegleiter Dietmar Hopp bezeichnete ihn einmal als „konstruktiven Querdenker“. Als Duo waren die beiden unschlagbar – der technisch geniale Plattner und sein Gegenpol „Vadder Hopp“, der gut mit Kunden und Mitarbeitern kann. „Ich bin kein Überchef“, beteuerte Plattner vor gut zehn Jahren gegenüber der „Wirtschaftswoche“. Und doch: Die großen technologischen Meilensteine in der Geschichte von SAP gehen auf Plattners Konto.

Es ist Plattner, der sich das Silicon Valley zum Vorbild nimmt, Anfang der 1990er Jahre seine Kollegen überzeugt, das aus ihrer Sicht noch nicht ganz fertige Softwarepaket R/3 zu verkaufen – und SAP zum Marktführer für Unternehmenssoftware aufsteigt. Es ist Plattner, der von dem Institut – das er selbst an der Uni Potsdam 1998 gegründet hatte – die superschnelle Datenbank Hana entwickeln lässt, nicht nur, aber auch um seinen Erzrivalen Oracle auf seinem eigenen Feld mit Datenbanken anzugreifen. Und es ist Plattner, unter dessen Kontrolle der Amerikaner Bill McDermott das Geschäftsmodell auf den Kopf stellt von Softwarelizenzen auf Mietsoftware aus der Cloud – und die Expansion mit einer in der Firmengeschichte beispiellosen Einkaufstour vorantreibt.

SAP ist der wertvollste Konzern Deutschlands

„Die Art, wie sich SAP mehrmals selbst neu erfunden hat unter seiner Führung – eine Meisterleistung“, sagt der Unternehmensberater Roland Berger einmal über ihn. Bis zum Schluss stellt Plattner die Weichen für den Konzern. Zuletzt 2020 – als die Aktionäre den Kurs des aktuellen SAP-Chefs Christian Klein abstrafen und er ein Zeichen setzt, indem er einen Kredit aufnimmt und nach dem dramatischen Kursrutsch Aktien für knapp 300 Millionen Euro kauft. Demonstrativ stärkt Plattner Klein den Rücken, als Vertrauensbeweis, aber auch, weil er weiß, dass die Strategie die richtige ist. Klein will die losen Enden im Cloudgeschäft zusammenführen und anbieten, was SAP gut kann. Der Erfolg gibt ihm recht.

Wenn Plattner den Konzern verlässt, ist SAP mit mehr als 200 Milliarden Euro an der Börse der wertvollste Konzern Deutschlands – wertvoller als der Industriekonzern Siemens oder der Autobauer Daimler – und damit wohl die erfolgreichste Firmengründung der deutschen Nachkriegsgeschichte. SAP ist zugleich der einzige europäische Technologiekonzern, der mit den US-Größen mitmischen kann.

Es ist Plattners Ehrgeiz, der ihn voranbringt. Legendär die sportlichen Wettkämpfe zwischen ihm und Mitgründer Dietmar Hopp – die treten beim Fußball gegeneinander an, beim Tennis und später beim Golf. Plattners große Leidenschaft aber ist das Segeln – er segelt Weltmeisterschaften auf 40-Fuß-Jachten und kleinen Jollen. Im hohen Alter nimmt er noch an Regatten teil. Zuweilen trifft er auf Rivalen aus der Geschäftswelt. 2001 sponsert er ein Team beim America’s Cup und tritt gegen Oracle-Gründer Larry Ellison an. Der kolportiert, Plattner habe ihm bei einer Regatta fünf Jahre zuvor das blanke Hinterteil gezeigt. Plattner dementiert und erhebt seinerseits Vorwürfe: Ellison habe ihm und seiner Crew trotz Mastbruchs nicht geholfen. Der Wettstreit ist seitdem eine Legende.

Die US-Firmen, der Sinn für Innovation im Silicon Valley, sie sind und bleiben für Plattner, der selbst die meiste Zeit im kalifornischen San José lebt, ein Vorbild: „Google träumt vom Unmöglichen und macht es dann trotzdem“, sagt er bewundernd.

Plattner gilt als technologisches Genie

Der technologische Fortschritt, die Vision, die sich zum Erfolg führen lässt – das ist es, was Plattner an- und seine Untergebenen mit seiner schier unerschöpflichen Energie manchmal in den Wahnsinn treibt. Etwa wenn er sagt: „Manchmal will ich die Walldorfer Entwickler packen und schütteln und anschreien: Bewegt euch schneller!“ Aber die Belegschaft weiß auch, was sie an Plattner hat. 2010 feuert er den damaligen Vorstandsvorsitzenden Leo Apotheker nach nur wenigen Monaten, weil der das Vertrauen von Kunden und Mitarbeitern verspielt. „Wir sind ein börsennotiertes Unternehmen, und daher sind wir gewinnorientiert“, sagt er im selben Jahr. „Doch um Gewinn zu machen, muss man auch happy sein, und ich werde alles tun, damit SAP wieder happy wird.“

Nicht immer sind alle einverstanden mit dem, was er tut. Das lernt er auch außerhalb des Konzerns. Als Mäzen seiner Heimatstadt Potsdam holt er sich mit der Idee für eine moderne Kunsthalle eine blutige Nase und muss umplanen. 2017 eröffnet das Palais Barberini, in dem auch Werke aus der Privatsammlung des Milliardärs ausgestellt sind.

Im Konzern murren die Aktionäre trotz satter Dividenden regelmäßig. 2014 zweifelt ein Aktionärsvertreter, ob der ungebrochene Einfluss des Gottvaters so gut ist. „Wer stoppt eigentlich Hasso Plattner, wenn er sich irgendwann mal irren sollte“, fragte Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger nach zahlreichen Wechseln im Management. Vor zwei Jahren stellen Aktionärsvertreter die Wiederwahl des damals 78-Jährigen in den Aufsichtsrat infrage.

Ein Abschied auf Raten

Plattners Abschied ist einer auf Raten. Bereits 2017 hatte er sich nur noch auf Abruf in den Aufsichtsrat wählen lassen. Zweimal verlängerte er. „Meine Position als Aufsichtsratsvorsitzender in die richtigen Hände zu geben ist für mich eine sehr wichtige und auch emotionale Aufgabe“, sagte er. Nachdem der frühere Deloitte-Chef Punit Renjen den Job wegen unterschiedlicher Vorstellungen nicht angetreten hat, fällt die Wahl auf den früheren Nokia-Manager Pekka Ala-Pietilä. Der gilt als ebenso technologieaffin wie Plattner selbst.

Dass der SAP-Grande gar keine Rolle mehr spielen wird, glaubt bei dem Softwarekonzern niemand. Als Berater wird er weiter mitmischen. An der Vorstandsspitze hat mit dem SAP-Eigengewächs Christian Klein jemanden installiert, der sein Erbe bewahren könnte. Ein strategischer Finanzer zwar, aber mit dem Plattner’schen Blick in Richtung Silicon Valley, wenn er ankündigt: „SAP soll wie Apple werden: Alles klickt ineinander.“

Der Aufstieg von SAP

1972
Gemeinsam mit Dietmar Hopp, Klaus Tschira, Claus Wellenreuther und Hans-Werner Hector verlässt Hasso Plattner seinen Arbeitgeber IBM. Der damalige Deutschlandchef Olaf Henkel hält das Programm, das die fünf entwickeln, für nicht zukunftsfähig. Sie gründen die Firma Systemanalyse und Programmentwicklung (SAP) und entwickeln ihre Software auf den Rechnern ihrer Kunden – meist nachts. Die standardisierte Firmensoftware für Finanzbuchhaltung, Rechnungsprüfung und Materialwirtschaft zieht Kunden wie Linde oder Burda an.

1988
SAP geht an die Börse – und die Vorstände beschließen, die dritte Generation ihrer Software zu entwickeln. Deren Siegeszug beginnt 1992.

1993
SAP geht eine seiner wichtigsten Partnerschaften ein – mit Microsoft. In den Nuller-Jahren planen die Konzerne eine Fusion – doch rechtliche Bedenken stehen dem entgegen.

1997
Hasso Plattner wird neben Dietmar Hopp SAP-Vorstandssprecher. Es ist nur eine kurze Phase des Übergangs. SAP schafft erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde D-Mark.

1998
wechseln die Mitgründer Dietmar Hopp und Klaus Tschira in den Aufsichtsrat. Zum zweiten Vorstandssprecher neben Hasso Plattner wird Henning Kagermann, berufen.

2003
wechselt Hasso Plattner in den Aufsichtsrat und wird zum Vorsitzenden gewählt. Kagermann wird alleiniger Vorstandschef.

2005
scheidet Hopp aus dem Aufsichtsrat aus.

2010
Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe werden nach einem kurzen Intermezzo von Leo Apotheker Vorstandssprecher. Vier Jahre später tritt Snabe aus persönlichen Gründen zurück. McDermott und er ebnen den Weg für den Einstieg ins Cloud-Geschäft.

2019 übernimmt der aktuelle SAP-Chef Christian Klein im Alter von 39 Jahren und wird jüngster Chef eines Dax-Konzerns. Kleins Aufgabe ist es, die Puzzleteile im Cloudgeschäft zusammenzuführen. Heute beschäftigt SAP weltweit mehr als 100 000 Mitarbeiter bei 31 Milliarden Euro Umsatz.