Zehn Jahre hat sie in der Evangelischen Verbundkirchengemeinde Neustetten Begegnungen geschaffen, jetzt bricht Michaela Stock Richtung Ludwigsburg auf. Ein Abschiedsgespräch.
Es ist eine besondere Stille, die Remmingsheim an einem Mittwochmorgen im Februar überfällt. Das Leben pulsiert hier nicht auf der Straße. Wenn, dann wuselt es in den Vereinen, bei Festen, oder eben im Gemeindehaus, bei Begegnungsmittagen der Kirche, im Konfi-Unterricht. Abgekoppelt von einer theologischen Perspektive schafft die Kirche im ländlichen Raum Orte für Begegnung. Laut Michaela Stock eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Die leitende Pfarrerin der Verbundkirchengemeinde Neustetten geht auf schwarzen Doc Martens im schicken Mantel mit Hahnentrittmuster bedächtigen Schrittes ihrem Gotteshaus entgegen. Ein Vier-Minuten-Weg vom Backstein-Pfarrhaus zur Remmingsheimer Kirche, ihr Arbeitsweg in den vergangenen zehn Jahren. Sie spricht langsam, hat keine Angst vor Pausen, bevor sie auf Fragen antwortet.
Stocks Arbeitsort ist eine Metapher. Ein Mahnmal für Tradition, die bis in die Zeit vor der Reformation zurückreicht, zum Wandel gezwungen, in Veränderung geeint.
Ukulele im Reli-Unterricht
Eine jahrhundertealte Linde wacht über das imposante Bauwerk. „Ich bin geblieben, bis die Kirche fertig war, unter keinen Umständen konnte ich früher gehen“, sagt sie. Selbst, wenn die 44-Jährige in wenigen Tagen als geistliche Berufsnomadin Mitte März gen Ludwigsburg aufbricht, wird hier in Remmingsheim ihr Vermächtnis bleiben. Das besteht aus Cortenstahl und Pflaster. Eine langgezogene Rampe als Sinnbild für eine Kirche, die zugänglich sein soll für jede und jeden, in Steine gesetzt, beständig, über Jahrzehnte hinweg.
Wenige Minuten vor dem Spaziergang, ihr Arbeitszimmer im Pfarrhaus, in dem sie mit Mann und Hund seit 2016 wohnt. Geschäftiges Chaos, bis auf das Bücherregal – das ist sowohl nach Farben als auch alphabetisch sortiert. Die Nutzung des Trampolins hat ihr die Logopädin empfohlen. Für das berufliche Sprechen ist der Stand wichtig, sagt sie. Den Gehstock, der darauf liegt, brauchte sie als Requisite im Religionsunterricht an der Grundschule in Wolfenhausen, Psalm 23 das Thema.
„Jeder Christ ein Gitarrist“
Im Unterricht hat sie gern ihr Instrument dabei. „Jeder Christ ein Gitarrist“ – Stock lacht. Wobei der Sechssaiter seit der Pandemie durch eine viersaitige Ukulele ausgetauscht wurde. Die Lieblingslieder bei der Jugend? „Sei ein lebend’ger Fisch läuft immer“. Wichtig sei jedoch, im Reli-Unterricht keine Glaubenslehre zu betreiben. „Es ist ein allgemeinbildendes Fach.“
An das alte Remmingsheimer Pfarrhaus grenzt direkt das Gemeindehaus. Die nächste Station auf dem Rundgang. Im Saal zeichnet Stock Bilder von den Momenten, die sie nach Ludwigsburg mitnimmt. „Ich finde es wichtig, dass Kinder einen Ort haben, an dem sie sich treffen, an dem sie Ideen ausprobieren.“
Was ist Kirche? Die Frage klingt im Veranstaltungsraum mit der mobilen Leinwand und dem improvisierten Altar an der Stirnseite nach. Pause. Dann sagt die leitende Pfarrerin: „Kirche ist ein Ort. Was dort passiert, hängt von den Menschen ab.“
Erinnerungen an das Kirchenkino – eine der Benefizveranstaltungen, um Spenden für die große Sanierung zu sammeln. An die Kinderbibeltage, als es hier im Saal „komplett wuselig“ war.
Team von 150 Ehrenamtlichen
„Für junge Menschen kann der christliche Glaube ein Anker sein, etwas, in dem man den eigenen Mut finden kann.“ Er könne Sicherheit schaffen, Kontinuität über Generationen hinweg. Er helfe dabei, sich nicht immer dem Strom des Hier und Jetzt zu ergeben, sondern Punkte für Reflexion zu finden.
Was ist Kirche? Es gibt eine weitere Antwort auf die Frage: „Ehrenamt“. 150 Menschen engagieren sich laut Stock in der Verbundgemeinde. Sie organisieren Begegnungsnachmittage, Krabbelgruppen, sie engagieren sich im Kirchengemeinderat, der mit den Hauptamtlichen, die Gemeinde leitet.
Dann gibt es noch die Kirche im Sinne von hartem Gemäuer, in Remmingsheim wohl aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, evangelisch seit Ende des 16. Jahrhunderts. An der Decke zeugt eine Maria-Königinnen-Darstellung von der vorreformatorischen Zeit.
800.000 Euro schweres „Herzensprojekt“
„Es ist wirklich krass geworden“, sagt sie zu dem 800.000 Euro schweren „Herzensprojekt“, das im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde. Das Ergebnis? Barrierefreiheit, eine neue Fassade, ein sanierter Turm mit der saphirblauen Uhr darauf – und eine der wohl schönsten Bushaltestellen der Bundesrepublik.
Stock würde sich über Bilder aus Remmingsheim im Sommer freuen, wenn auf der Rasenfläche vor der Kirche Stehtische stehen, es wieder wuselt und wenn Menschen auf der Mauer sitzen, die eigens in der richtigen Höhe gebaut wurde.
Das Werk ist vollendet, jetzt wird sie gehen. Bedauern? „Glaube muss unterwegs bleiben, Glaube ist kein unbeweglicher Standpunkt“, sagt die 44-Jährige. Das gelte auch für die Arbeit einer Pfarrerin. „Es ist gut, wenn jemand Neues kommt. Jeder hat seinen eigenen Schwerpunkt.“
Ein letzter Satz für ihre 2000 Gemeindemitglieder? Wieder eine dieser langen Pausen, dann sagt Michaela Stock: „Ich wünsche allen offene Augen und Herzen füreinander – und den Himmel, dem wir entgegengehen.“
Das Leben der Pfarrerin und ihr Abschied
Michaela Stock
ist an verschiedenen Orten im Landkreis Ludwigsburg aufgewachsen und hat ihr Abitur am Mörike-Gymnasium Ludwigsburg gemacht. Danach war sie ein Jahr lang in Schweden für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kirchengemeinde. „Dort habe ich entschieden, Theologie zu studieren“, schreibt sie.
Studiert hat die 44-Jährige
in Bethel (Bielefeld), Göttingen und München. Es folgte ein Gastvikariat in Germering und München-Neuhausen, danach ging es zurück in die Württembergische Landeskirche.
Vier Jahre
war sie in Grunbach im Remstal tätig, seit 2016 arbeitet sie in Neustetten, seit 2019 als leitende Pfarrerin der Verbundgemeinde.
Ihr Verabschiedungsgottesdienst
ist am kommenden Sonntag, 17 Uhr, in der Kirche in Remmingsheim. Begleitet wird der Gottesdienst durch den Posaunenchor (Stock: „Eine tolle Säule im Gottesdienstleben“), der von Mitgliedern der Musikvereine aus Wolfenhausen und Nellingsheim verstärkt wird.