Es brauchte 138 Mails, engagierte IHK-Mitarbeiter und ein entschlossenes Ott-Team: Rahul Kumar wird nicht abgeschoben und stattdessen der erste Azubi im Lokal in der Färberstraße.
Der 27-Jährige Rahul sitzt tiefenentspannt und vor allem ausgeschlafen an der Theke im Gasthaus Ott in der Villinger Färberstraße.
Endlich sind sie für ihn vorbei, die vielen schlaflosen Nächte, in denen Gedanken rasten und existenzielle Fragen immer wieder die Nachtruhe störten: Muss ich Deutschland verlassen, oder darf ich doch bleiben.
Seit über zwei Jahren nagt die Unsicherheit an dem jungen Mann, der nur einen Wunsch hatte, als er nach Baden-Württemberg kam: Arbeiten und sich ein besseres Leben aufbauen, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.
„Ich bin so glücklich“, lächelt er in die Runde von Ott-Chef Domenico Wittkopf, Benjamin Bossert und Chefkoch Markus Gruber. Ohne das Trio, unterstützt von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heuberg, müsste Rahul das Land verlassen, „und das, obwohl ich seit meiner Ankunft immer gearbeitet und nie vom Staat gelebt habe“, erzählt er. „Anders als einige andere, die ich kenne“, richtet er den Blick nach unten.
Er stammt aus Kashmir
Seine Heimat verlassen hat Kumar aus politischen Gründen: Er stammt aus dem von ständigen Unruhen geprägten Kashmir. Die Wege zwischen Kumar und dem Ott-Team kreuzten sich vor etwa zwei Jahren. „Plötzlich stand er vor der Küche“, erinnert sich Domenico Wittkopf und habe nach Arbeit gefragt. Der Gastronom gab ihm eine Chance und erlebte sehr schnell „einen fleißigen, sauberen wie engagierten Mitarbeiter“, der auch immer besser Deutsch sprach.
Er pendelt
Einziger Haken: sein Duldungsstatus und sein Wohnort, denn gemeldet war er in Rottweil und sollte in Villingen eigentlich gar nicht arbeiten. Theoretisch. Praktisch pendelte Rahul mit dem Zug zwischen den beiden Städten hin und her, „weil ich Geld verdienen wollte“, schlief schon mal auf einer Bank am Bahnsteig, weil kein Zug mehr gefahren sei.
Was die Sache nicht einfacher gemacht habe: Innerhalb eines halben Jahres, erzählt Bossert, habe Kumar vier verschiedene Sachbearbeiter gehabt und „jede(r) fing wieder bei Null an“. Mittlerweile hat Rahul in der Villinger Gaststätte die „kalte Küche“ unter sich und das Team ist sich einig: „Den möchten wir gerne hier behalten.“
Klippen genommen
Der Wunsch war da, die behördliche Wirklichkeit sah anders aus. Knapp 140 Mails gingen an Behörden, Anwälte, zig Telefonate wurden geführt, bis die erste Klippe genommen war; mit freundlicher Unterstützung der IHK.
Seit kurzem hat das „Ott“ das Zertifikat Ausbildungsbetrieb und mit diesem Dokument war auch die zweite Hürde kurz vor dem Fall. Denn wenn Rahul eine Ausbildung machen kann, dann darf er mindestens zwei Jahre in seiner neuen Heimat bleiben, mit der Option einer Verlängerung.
Ausbilder gefunden
Die zweite Barriere räumte Markus Gruber zur Seite. Wer übernimmt den Job des Ausbilders, diese Frage stand noch im Raum. Gruber, als Chefkoch (seit Sommer 2022) bestens ausgelastet, sagte spontan zu: Er nimmt sich jetzt eine kleine Küchen-Auszeit und vertieft sich in die Ausbilder-Thematik. Was ihn angetrieben habe? Dass Rahul, „ein Klasse Mensch“, bleiben könne und sich nicht ständig fragen müsse: „Was wird aus mir?“
Der Küchenchef „gibt jetzt Vollgas“, unterstützt von seinem Team, der Betrieb bezahlt die Qualifizierung. Bleibt nur noch Daumendrücken für ihn, denn Mitte April sind die Prüfungen.
Festtagsstimmung
Eine Art Festtagsstimmung vor und hinter der Theke. Wittkopf, Bossert und Gruber sind erleichtert, dass Rahul bleiben kann. Und sie sind auch wenig stolz, dass das „Ott“ zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Ausbildungsbetrieb ist.
Und Rahul? Der strahlt von einem zum anderen und freut sich auf seine Ausbildung als Fachkraft für Gastronomie. Natürlich auch mit Blick auf die Zeit danach und eine Option: Hängt er noch ein Ausbildungsjahr dran, dann wäre er gelernter Koch.
Während sich Rahul Kumar mit einem Lächeln verabschiedet, schweigen Wittkopf, Bossert und Gruber und hängen kurz ihren Gedanken nach.