Bei Mercedes gehen die Verkäufe im Luxusbereich deutlich zurück. Ist das eine konjunkturelle Delle oder ein grundlegendes Problem? Ein Interview mit LBBW-Analyst Frank Biller.
Die schwächelnde Nachfrage nach Luxusautos in China macht Mercedes zu schaffen. Auf eine schnelle Erholung allerdings ist nicht zu hoffen, sagt der LBBW-Analyst Frank Biller.
Herr Biller, Mercedes hat im dritten Quartal zwölf Prozent weniger Autos im höchsten Preissegment verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Ist das eine konjunkturelle Delle oder ein Strategieproblem?
Die Käufer halten das Geld zusammen, auch wegen konjunktureller Sorgen. Speziell in China gibt es eine Kaufzurückhaltung. Das liegt auch daran, dass die Immobilienpreise stark unter Druck gekommen sind. Die reichere Klientel investiert momentan nicht in hochpreisige Autos.
Besteht die Gefahr, dass Mercedes auf Dauer Marktanteile verliert?
Es ist nicht so, dass Mercedes im Luxusbereich Marktanteile verloren hätte. Es ist vielmehr eine generelle Marktschwäche festzustellen. Das betrifft andere Hersteller wie BMW genauso.
Ist Mercedes mit der ausgesprochen auf Luxus fokussierten Strategie aber besonders anfällig?
Temporär ist das so. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat dieser Bereich weniger unter konjunkturellen Einflüssen gelitten als andere. Darauf gründet die Strategie. Aber momentan erfüllt sich diese Annahme nicht. Der Vorstand hat die Situation insofern falsch eingeschätzt und dies auch eingeräumt. Trotzdem muss wegen der derzeitigen Kaufzurückhaltung im Luxussegment die Strategie nicht gänzlich in Frage gestellt werden.
Sie haben das Kursziel für die Mercedes-Aktie vor Kurzem gesenkt und sprechen zurzeit auch keine Kaufempfehlung mehr aus. Warum?
Dass sich die ertragsstarken Fahrzeuge nicht so gut verkaufen wie erwartet, schlägt sich natürlich in unserer Erwartung für die Gewinnmarge nieder. Und wir sehen nicht, dass sich die Lage im Jahr 2025 schlagartig verbessern wird. Die schwierige Situation in China wird uns wahrscheinlich noch eine Weile begleiten. Denn die dortigen staatlichen Kaufstimuli, beispielsweise eine Verschrottungsprämie, gehen an den deutschen Herstellern vorbei. Davon profitieren die chinesischen Hersteller mit ihren günstigeren Autos, besonders auch mit günstigen Elektroautos. In diesem Bereich ist Mercedes überhaupt nicht vertreten.
Gibt es weitere Gründe für den verhaltenen Ausblick?
Ein ganz wichtiger Punkt kommt hinzu: Beim jetzigen Absatzmix mit einem relativ niedrigen Anteil von Elektro- und Plug-In-Hybrid-Autos wird es für Mercedes schwierig, die von 2025 an geltenden, schärferen CO2-Flottenwerte zu erreichen. Dann drohen Strafzahlungen.
Was müsste geschehen, damit Sie Ihre Einschätzung revidieren und wieder den Kauf der Aktie empfehlen?
Die Absatzzahlen und die Marge müssen wieder nach oben gehen. Mercedes war in den vergangenen Jahren bei der Rendite schon im zweistelligen Bereich, nun muss sich zeigen, ob man da wieder hinkommt.
Woher könnte die Erholung eher kommen – aus einem Wiedererstarken des Topsegments oder durch neue Modelle in der Kompaktklasse wie dem im nächsten Jahr auf den Markt kommenden CLA?
In den unteren Fahrzeugklassen sind die Margen generell niedriger. Deshalb wäre es schon sehr wichtig, dass auch die hochpreisigen Autos wieder mehr Akzeptanz am Markt finden, und zwar mit möglichst wenig Nachlässen. Wenn man jetzt den Fehler macht, zu hohe Rabatte zu geben, erodiert der Markt. Danach wird es schwierig, den Preis und die Marge wieder nach oben zu bringen. Besser wäre es, die Produkte so nachzuschärfen, dass sie beim Kunden ankommen – und sie bereit sind, für den Luxus und die Qualität eines Mercedes eben auch mehr zu bezahlen. Hier ist besonders im Blick auf die elektrischen Modelle einiges zu tun.