Genügend Abstand in der Festhalle Kappel beim AfD-Treffen: Nur 34 Zuhörer kamen an diesem Fußballabend. Das Bild entstand vom zugewiesenen Platz des Reporters aus. Foto: Braun

Drei Bundestagsabgeordnete reden am EM-Abend vor 34 Zuhörern über Bundespolitik.

Lahr/Kappel-Grafenhausen - Es ist glühend heiß, an diesem frühen Samstagabend in Kappel, das Thermometer klebt zäh bei 34 Grad im Schatten. Vor der Festhalle steht ein Polizeiauto in Zivil, zwei Beamte beäugen aufmerksam den Eingang zur Halle. Doch viel zu tun haben sie nicht.

Zur gleichen Minute kassiert die deutsche Nationalelf das erste Gegentor dieses Abends im Spiel gegen Portugal. Also eher kein Abend, um sich zu einem politischen Austausch zu treffen und zum "Bericht aus Berlin" des AfD-Abgeordneten Thomas Seitz aus dem Wahlkreis Lahr/Kinzigtal und zweier Kollegen nach Kappel zu kommen. Irgendwer im Planungsstab der Partei hat da glatt die EM und die deutsche Nationalelf vergessen. Autsch!

In Kappel bleibt es ruhig

Vor der Halle bunte Straßenkreide auf den Wegen und Parkplätzen. Wenig freundliche Sachen stehen da zu lesen, das waren keine AfD-Sympathisanten, die da gekritzelt haben. Angeblich fand diese Malaktion schon am Vormittag statt. Ohne großes Aufsehen, wie beim letzten großen AfD-Abend im vorigen Herbst in Ringsheim, als sich AfD-Kritiker in starker Präsenz und lauthals mit den AfD-Leuten vor der dortigen Halle anlegten und sich sogar Bundestagsabgeordnete gegenseitig heftig anschrien.

Nein, in Kappel bleibt es völlig ruhig. Exakt 34 Zuhörer finden in die Halle, die zumindest keine funktionierende Klimaanlage hat. Die Luft steht. Jeder muss sich ausweisen, wird von Sicherheitskräften auf Waffen durchsucht und bekommt einen festen Sitzplatz mit Nummer. Die Hälfte der Stühle bleiben leer. Die Presse in Form eines einsamen Reporters dieser Zeitung darf ganz hinten ganz im Eck der Halle sitzen. Dafür bekommt er aber ein extragroßes Namensschild am Bändel umgehängt. Damit jeder sieht, wie er heißt. Und der Name muss immer gut sichtbar sein, das wird penibel kontrolliert.

Die AfD, sie will an diesem Abend alle Coronaregeln peinlich genau einhalten, wird eingangs beschworen. So ganz klappt das nicht, Zugpferd Thomas Seitz geht gleich mal händeschüttelnd quer durch den Saal. Mundschutz tragen beim Aufstehen auch nicht alle Gäste. Das wird aber nicht kontrolliert.

"Das schlimmste Regierungsversagen der Geschichte"

Für Thomas Seitz ist der Hallenabend ein Heimspiel, er lebt in Kappel-Grafenhausen und hat dort auch sein Wahlkreisbüro. Seine Partei wolle "der Stachel im Fleisch der Altparteien sein", begrüßt er die Gäste zu Beginn seiner Rede. Das sei gut so. Auch, dass der "Ton im Bundestag rauer wird, seit die AfD drinsitzt".

Seitz kommt dann auf Corona zu sprechen, räumt ein, dass er selbst lebensgefährlich am Virus erkrankt war und "dem Tod näher als dem Leben" gewesen sei. Er, der einstige Corona-Leugner. Aber schließlich, so ruft er den 34 Gästen zu, sei dies eine "seltene Krankheit" und "nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von ihr bedroht". Also eigentlich nichts, wofür es sich lohne, eigene Medikamente zu entwickeln.

Der Umgang mit Corona sei "das schlimmste Regierungsversagen der Geschichte", wettert Seitz in die halb leeren Zuschauerreihen. Und er kündigt an, dass es in Deutschland eine "Zwangsimpfung" geben werde, zumindest in Form einer indirekten Impfpflicht. "Ohne Impfung wird man am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben können."

Und wenn das "Corona-Pferd totgeritten" sei, könne man sich schon auf den nächsten Lockdown einstellen, den "Klima-Lockdown". Autofahren werde für normale Bürger unerschwinglich, sagt der AfD-Mann voraus.

Seitz träumt von der AfD-Regierung

Überhaupt träumt er an diesem schwülheißen Abend offen von einer Regierungsübernahme der AfD. In einer fiktiven Reise ins nächste Jahrzehnt nimmt er die Zuhörer mit in die deutsche Zukunft mit der AfD. Kurz gefasst: Alles wird viel besser.

Rückendeckung bekommt Thomas Seitz von zwei Bundestagskollegen. Ein vierter war angekündigt gewesen, sagte aber kurzfristig ab. Nicole Höchst bringt die 34 Zuhörer am heftigsten in Wallung. Die AfD werde ständig ignoriert, unsichtbar gemacht und übergangen, schimpft sie und bekommt lauten Beifall. "Der Staat ist nicht mein Freund, das weiß ich spätestens seit 2015", sagt sie. Sie spricht von "Fratzenlappen" und meint Corona-Masken, warnt vor "Kinderrecht auf Früh-Sexualisierung" und kündigt an: "Wir leben noch – und wir jagen noch!"

Der weitere Redner, Jürgen Braun, erzählt von Lieferkettengesetzen und zu kurzen Sitzungswochen, zündet aber im Publikum nur sehr mäßig.

Währenddessen hat die Deutsche Nationalelf in München das Spiel längst gedreht. Es steht am Ende sagenhaft 4:2 für Deutschlands Helden. Doch das ist an diesem Abend nullkommanull Thema.

  
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