Patrizia Zeiner hat bis voriges Jahr bei Bosch in Leinfelden gearbeitet – und ist inzwischen selbstständig. Foto: Ines Rudel

Nach acht Jahren bei Bosch und einer Auszeit wagte Patrizia Zeiner den Neuanfang – und machte sich mithilfe der Abfindung mit einem Online-Business selbstständig.

Patrizia Zeiner hat im vergangenen Jahr ihre Abfindung bei Bosch Powertools angenommen. Dass die 39-Jährige ihre Karriere als Projektleiterin beim Leinfelden-Echterdinger Elektrowerkzeughersteller im Dezember nach acht Jahren beendete, hat auch gesundheitliche Gründe.

 

Bosch hatte im vergangenen Jahr angekündigt, konzernweit mehrere Tausend Arbeitsplätze abzubauen. Auch am Power-Tools-Stammsitz in Leinfelden-Echterdingen fallen viele Stellen in der Verwaltung weg, zudem wird die Produktion Ende 2026 eingestellt. Der Stellenabbau erfolgt zum Teil über Abfindungsangebote. Wie auch bei Mercedes-Benz variiert die Höhe der Abfindungen und richtet sich nach dem Alter der Mitarbeiter, der Betriebszugehörigkeit und der Position – meist wurden aber auch hier sechsstellige Beträge ausgezahlt.

„Bekannt wurde es im August, dass man sich melden kann, wenn man gehen möchte“, erinnert sich Zeiner. „Die Chance wollte ich nutzen, weil ich schon immer was Eigenes machen wollte.“ Sie meldet sich damals freiwillig. Ursprünglich sei ihr Bereich vom Stellenabbau ausgenommen gewesen. Weil sie das Unternehmen verließ, konnte jemand anderes aus einem Bereich, in dem abgebaut wird, auf ihre Stelle wechseln. Ob das tatsächlich so stattfand und ihre Stelle nachbesetzt wurde, weiß sie nicht.

Gründerin mit Vergangenheit bei Hugo Boss

Zeiner hat schon Erfahrung im Gründen. Kurz bevor die Coronapandemie ausbrach, hatte sie eine App zur gemeinsamen Urlaubsplanung entwickelt – die dann aber wegen der Pandemie nicht an den Start gehen konnte. „Wie nach einer langen und intensiven Beziehung auch, hatte ich dann aber erst einmal genug davon, etwas eigenständig zu machen und habe wieder Vollzeit in Festanstellung gearbeitet.“

Aufgewachsen in Ebersbach an der Fils (Landkreis Göppingen) fing sie nach ihrem Volks- und Betriebswirtschaftsstudium zuerst bei Hugo Boss in Metzingen an. Als Projektleiterin half sie dabei, den Online-Shop in ganz Europa aufzubauen. Anschließend wechselte sie zu Bosch Powertools nach Leinfelden-Echterdingen. Auch dort war sie im Nachgang für den Online-Shop zuständig und entwickelte in einem kleinen internationalen Team allen voran die Online-Shops für den schwedischen und britischen Markt.

Immer wieder habe sie Mitte des Monats gedacht, dass sie mal gehe – um es sich dann am Ende des Monats mit einem Blick auf ihren Gehaltszettel wieder anders zu überlegen. „Das sind eben die goldenen Handschellen in so großen Firmen.“ Was ihr dabei vor allem immer wieder fehlte, war oft die eigenständige Innovationsmöglichkeit, wirklich Neues auszuprobieren. Als dann nach ihrer Auszeit der Stellenabbau verkündet wurde, fasste sie schließlich den Entschluss, den Sprung zu wagen – und sich selbstständig zu machen. „Dann war es wohl Fügung und ein Zeichen, den eigenen Weg zu gehen.“ Einige ihrer Kolleginnen und Kollegen seien beeindruckt gewesen: „Wow, krass – dafür braucht man echt Mut“, habe man ihr gesagt, erzählt sie.

Zeiners Ziel: Frauen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen

In den ersten Wochen nach ihrem Ausstieg habe sie sich zunächst entspannen und Zeit für sich nehmen müssen, erzählt sie. Stück für Stück begann sie dann, ihr Business „digi4her“ weiter auszubauen – ein Projekt, das sie bereits nebenberuflich gestartet hatte, als sie noch bei Bosch angestellt war. „Mit digi4her möchte ich vor allem Frauen – aber auch Männer – beim Aufbau eines Online-Business unterstützen und ihnen helfen, sichtbar zu werden“, erklärt sie. „Frauen stellen das Thema Digitalisierung öfter hinten an oder trauen sich nicht, sich zu zeigen – obwohl sie mindestens genauso viel draufhaben wie Männer.“

Ihr Angebot umfasst unter anderem digitales Marketing oder den Aufbau von Webseiten. Auch wenn sie sich auf Frauen fokussiert, betreut sie aktuell mehr Männer als Frauen. „Männer priorisieren das Digitale oft stärker, sie setzen schneller um und zögern weniger“, sagt sie. Pro Monat sind das derzeit rund ein bis zwei Menschen, denen sie so zur Seite steht. Gemeinsam mit Freelancern berate sie ihre Kundinnen und Kunden in wöchentlichen Video-Calls. Dass sie die Menschen über eine längere Zeit begleiten könne, schätze sie daran besonders. Und, dass sie so flexibel sei, mal im Café arbeiten, mittags ins Freibad gehen könne – oder sich den Traum eines eigenen Podcast erfüllen könne. „Wegweiser Herz“, heißt ihr Herzensprojekt und handelt von Menschen, die selbst gegründet haben – und, „die ihrem Herzen gefolgt sind“, wie sie sagt.