Geisterhafte Erscheinungen könnten den Aberglauben befördern. Foto: AdobeStock/Fotokitas

Mit dem Fasching vertreibt man die Geister des Winters. Obwohl man als aufgeklärter Mensch längst nicht mehr an Geister glaubt. Oder etwa doch?

Stuttgart - Dämonische Masken, scheppernde Rasseln, ausgelassene Feiern: In der Faschingszeit werden traditionsgemäß die Wintergeister vertrieben. Ein Ritual, das für viele Menschen zum Jahresauftakt gehört – obwohl unser naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild von Schutzzaubern und Dämonen sonst eher wenig hält.

 

Dabei ist der Aberglaube so alt wie unsere Gesellschaft selbst. Seit jeher versuchen Menschen, die Realität zu deuten. Viele Erklärungsansätze, die dabei entstanden, gelten inzwischen als überholt, waren in ihrem historischen Kontext aber einst Stand der Dinge – etwa in der Volksmedizin oder Alchemie.

Schwarze Katze und vierblättriges Kleeblatt

Überbleibsel dieser Überzeugungen haben sich hartnäckig im kollektiven Gedächtnis eingenistet: Wer ein vierblättriges Kleeblatt findet, hat Glück. Wem eine schwarze Katze über den Weg läuft, muss sich auf Unheil gefasst machen.

„Mit dem ursprünglichen Aberglauben hat das nur noch wenig zu tun“, sagt Johann Kirchinger. Er lehrt an der Universität Regensburg am Institut für Religionswissenschaft, hat sich eingehend mit Glauben und Aberglauben beschäftigt. „Es geht eher um Externalisierung: Man kann sich an etwas festhalten, von dem man weiß, dass es eigentlich keine Wirkung hat. Aber die Geste stammt aus einer Zeit, in der man wirklich an ihre Wirkung glaubte.“

Zufall? Kann es nicht geben

Hinter dem Aberglauben stecke ein menschliches Bedürfnis, die Zufälligkeit des Lebens und die Unberechenbarkeit der Welt zu bewältigen, sagt Kirchinger. „Man sieht einen direkten Zusammenhang zwischen einer Handlung und ihrer Wirkung – daher ist die Bezeichnung legalistischer Glaube eigentlich zutreffender.“

Mit der Aufklärung fand diese Sichtweise vielerorts ihr Ende. „Der Aberglaube widerspricht unserem modernen naturwissenschaftlichen Verständnis. Er lässt keine Zufälligkeit zu, sondern sieht hinter jeder Handlung einen Sinn. Diesen direkten Zusammenhang gibt es im wissenschaftlichen Verständnis nicht“, sagt Kirchinger.

Was Aberglauben und Verschwörungstheorien unterscheidet

Der Soziologe Ortwin Renn ergänzt: „Selbst bei Verschwörungstheorien geht es nicht um Metaphysisches, sondern vielmehr darum, dass Fakten umgedeutet werden. Der Tenor ist: Wenn die anderen die richtigen Fakten heranziehen würden, könnten sie erkennen, dass die Verschwörungstheorie die eigentliche Wahrheit ist.“

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Wie hoch die Anziehungskraft solcher Aussagen ist, zeigt ein Blick zurück auf die vergangenen zwei Pandemie-Jahre. Gefühlte Wahrheiten haben in dieser Krisenzeit Hochkonjunktur. Diese Entwicklung führt Renn auf eine tiefe Verunsicherung angesichts der Komplexität der Welt zurück. „Bei vielen Bedrohungen, zum Beispiel der Klimakrise, sind wir auf Informationen der Wissenschaft angewiesen. Ob diese wahr oder falsch sind, können wir selbst meist nicht nachprüfen. Wir müssen Vertrauen in die Instanz haben“, sagt Renn.

Gefühlte Wahrheiten

„Alternative Ratgeber kommen dann oft mit Wahrheiten, die für den Einzelnen wünschenswert sind. Infolgedessen erklärt man das für wahr, was einem am besten gefällt – und das ist sehr kritisch.“ Ist die Distanz zwischen dem, was sich wahr anfühlt, und dem, was wahr ist, zu groß, fällt es leicht, an die große Verschwörung zu glauben. Laut Renn gibt es drei Dinge, die Verschwörungstheorien besonders attraktiv machen.

Zum einen eliminieren sie Unsicherheiten, die für viele Menschen schwer auszuhalten sind. „Selbst in der Wissenschaft gibt es eine legitime Bandbreite an unterschiedlichen Meinungen und Ansichten. Verschwörungstheorien kennen solche Unsicherheiten nicht“, sagt er.

Außerdem machen die Theorien ihre Anhänger zu auserwählten Insidern. Hadert man im einen Moment mit der Undurchsichtigkeit der Welt, gehört man im nächsten schon zu jenen, die endlich verstanden haben, wie der Hase wirklich läuft. „Vor allem für Menschen, die sonst wenig Anerkennung erfahren, liegt hierin eine enorme Steigerung des Selbstwertgefühls. Außerdem – und das ist der dritte Faktor – finden Menschen hier eine neue Gemeinschaft und fühlen sich aufgehoben“, so Renn.

Geschäfte mit erfundenen Wahrheiten

Diese Effekte machen sich auch sogenannte Conspiracy Entrepreneurs (Verschwörungsunternehmer) zunutze – Menschen, die ihr Geschäftsmodell auf dem Postfaktischen aufbauen. Der US-Amerikaner Alex Jones etwa verbreitete die Theorie, die amerikanische Regierung verbreite Hormon-Gifte, die Menschen weiblicher machen sollen – und vertreibt praktischerweise direkt das passende Gegenmittel.

Eine einfache Lösung, diesen Tendenzen entgegenzuwirken, gibt es wohl nicht. Um Verschwörungstheorien ihre Attraktivität zu nehmen, müsse man vor allem an jedem der drei Hauptanziehungspunkte ansetzen, meint Soziologe Renn – zum Beispiel mit partizipatorischen Programmen, die Menschen ein Gemeinschaftsgefühl abseits gefühlter Wahrheiten geben.