Archivar Joachim Jehn zeigt das Magazin mit den alten Dokumenten. Foto: Steinmetz

„Alte Heimat – neue Heimat“ war das Thema am Tag der Archive. Die Führung in Sulz war eine Premiere. Dabei gab es so manche Überraschung zu entdecken.

Die Schränke sehen aus wie Tresore. Mit einem Rad werden sie geöffnet. Das hat praktische Gründe, nämlich platzsparende, erklärt Archivar Joachim Jehn. Was darin gelagert wird, sind in der Tat aufbewahrenswerte Schätze, die sich jahrhundertelang angesammelt haben.

 

Das hohe Alter sieht man ihnen an. Verstaubt und modrig sind die alten Urkunden und Dokumente. Fast traut man sich nicht, sie anzufassen. Sie könnten zwischen den Fingern zerbröseln. Doch ganz so schlimm sei es nicht, erklärt Jehn. Aber es wäre bei dem einen oder anderen Schriftstück doch ratsam, Handschuhe zu benutzten.

Rathaus liefert 200 Kisten

Die älteste Akte im Sulzer Archiv stammt aus dem Jahr 1382. Dass aus dieser Zeit noch Archivalien vorhanden sind, ist einem Glücksfall zu verdanken. Beim großen Stadtbrand am 15. Juli 1794 konnte die Stadtkirche als eines der wenigen Gebäude gerettet werden und damit auch das Archiv, das auf dem Kirchenboden gelagert war. Nicht auszudenken, wäre es zerstört worden. Viel von der Stadtgeschichte wäre damit verloren gegangen.

In Stahlschränken werden die Akten aufbewahrt. Joachim Jehn öffnet einen davon mit dem Rad. Foto: Steinmetz

Aber wie kommen die Akten ins Archiv? Wenn im Rathaus Unterlagen nicht mehr benötigt werden, müssen sie aufbewahrt werden. Jehn zeigt auf die gelbe Kiste mit der jüngsten Lieferung. Etwa nach zehn bis 30 Jahren, erklärt er den Besuchern, werden die Aktenordner archiviert. Beim Rathausumzug vor rund 20 Jahren sind etwa 200 Kisten mit Ordnern abgegeben worden.

Magazin ist „Herzstück“

Sie sind erst einmal, allerdings gleich mit Eingangsnummern und Bezeichnung, auf „Halde gelegt“ worden, um sie nach und nach zu bearbeiten und in ein Findbuch einzutragen. Damit können die Akten schnell wieder gefunden werden. „Wenn Sie wissen wollen, wann Ihre Urgroßeltern geboren wurden, können Sie im Archiv nachfragen“, veranschaulicht Jehn. Der Datenschutz für die Standesamtsbücher dürfte in diesem Fall nicht mehr bestehen.

Die Schriftstücke in den Regalen sind geordnet und bezeichnet. Foto: Steinmetz

Sind die neu eingegangenen Dokumente ordentlich „verpackt“, kommen sie ins Magazin – es ist das Herzstück des Archivs. Was aber ist, wenn mit dem alten Papier Motten oder andere Schädlinge mitgebracht werden?, will eine Frau wissen. „Bei Schädlingsbefall schauen wir, wie schlimm er ist“, erläutert Jehn, „zwei Viecher wirft man raus.“ Bei größerem Befall müsste aber eine Firma beauftragt werden.

Eine besondere Vitrine

Eigentlich ist das Archiv nur dafür gedacht, historische Schriftstücke zu lagern. Aber Sulz hat kein Stadtmuseum, so landen auch andere Raritäten bei den Archivaren. Jehn erzählt, dass er vor einer Woche in Mühlheim war. „Ich habe etwas für Sie“, ist er dort angesprochen worden. Es war eigentlich auf den ersten Blick nur eine unscheinbare Muffe. Was ihr aber eine geschichtlich Bedeutung gibt: Sie stammt von der früheren Soleleitung von Bergfelden nach Sulz.

Im zweiten größeren Arbeitsraum sind die Karten-Schränke. In denen liegen unter anderem Flurkarten aus dem 19. Jahrhundert und Saline-Pläne. Paul T. Müller, ehrenamtlicher Archivar, weist auf die Vitrine mitten im Raum hin. „Einige Sulzer können sie wiedererkennen, “ glaubt er. Sie stand nämlich im Vayhinger Haus in der Sonnenstraße.

Museumsreifer Dia-Projektor

In der Vitrine sind Textilien des ehemaligen Kaufhauses präsentiert worden. Der hohe Schrank in der Ecke stand vorher im Forsthaus. Solche Möbelstücke behalten im Archiv nicht nur ihren Erinnerungswert, sondern haben darüber hinaus einen praktischen Nutzen. „Warum also wegschmeißen?“

Sammelstücke werden ebenfalls aufbewahrt: In diesem Regal sind unter anderem Firstnägel und Meterstäbe von Sulzer Baufirmen zu sehen. Foto: Steinmetz

Die Bibliothek ist in einem Nebenraum eingerichtet. Neben Büchern gibt es dort Bilder zu sehen. Jehn: „Wir sammeln alte Drucksachen zu Sulz und Umgebung.“ Letzter Programmpunkt der Führung ist eine kleine Dia-Schau mit einem Projektor aus den 1950er-Jahren, den Jehn mitgebracht hat. Das museumsreife Gerät der Marke Noris hat seinen Großeltern gehört. Es funktioniert noch tadellos.

Der unbekannte Hengststall

„Wer kennt das Gebäude?“ Die Vorführung mit Fotos aus dem Nachlass des früheren Sulzer Hauptamtsleiters Werner Kläger entwickelt sich zu einem Ratespiel. Das Bohrhaus in Bergfelden ist schnell erkannt. Dass es gegenüber der Gaststätte „Burg“, direkt an der Kurve, einen Hengststall gab, war weniger bekannt. Solche Gebäude habe es früher vor allem in Städten gegeben, weiß Jehn. Der vereiste Neckar, mit der Waldhornbrücke im Hintergrund, weckt Erinnerungen. „Da haben wir früher Eishockey gespielt“, kommentiert ein älterer Besucher das Foto.

Am Schluss ein Lob für die Führung: „Wir haben ein paar schöne alte Sachen gesehen.“ Da kommt auch schon die nächste Gruppe zur Archivtür herein.