Bosch plant einen Stellenabbau in mehreren Werken. Foto: dpa/Inga Kjer

Bei Bosch droht an einigen Standorten Personalabbau, der Betriebsrat will um jeden Job kämpfen. Doch nicht immer ist der technologische Wandel hin zur Elektromobilität der Grund für die Abbaupläne.

Stuttgart - Beim Technologiekonzern Bosch stehen erneut Hunderte Jobs auf der Kippe, teils haben die Verhandlungen mit dem Betriebsrat schon begonnen. Es geht um Standorte in Bayern, Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg. Frank Sell, Gesamtbetriebsratschef der Bosch-Mobilitätssparte, spricht von „einer zusätzlichen Verschärfung“. Besonders viele Arbeitsplätze seien in der Zulieferindustrie durch den technologischen Wandel gefährdet, denn die meiste Wertschöpfung finde dort statt. „Daher kann die Politik nicht nur Ziele formulieren, sondern muss auch Wege aufzeigen, wie der Wandel sozial stattfinden kann“, sagt er.

 

Wie berichtet, prüft Bosch unter anderem die Schließung seines Werks in München beziehungsweise eine Verlagerung der Produktion. Betroffen sind dort 250 Mitarbeiter, die elektrische Kraftstoffpumpen und Einspritzventile fertigen. Eine Bosch-Sprecherin spricht im Zusammenhang mit der beschleunigten Transformation von „erheblichen Überkapazitäten und einem hohen Anpassungsbedarf“, dem sich auch Bosch nicht entziehen könne. Auch in Arnstadt (Thüringen) stehen 100 Jobs auf der Kippe, weil Ende des Jahres die Fertigung von Generatorenreglern eingestellt werden soll.

„Lassen kleine Standorte nicht im Regen stehen“

„Wir werden die kleinen Standorte nicht im Regen stehen lassen und werden um jeden Standort und Arbeitsplatz kämpfen“, sagt Sell. Gemeinsam mit der IG Metall und dem Fraunhofer-Institut will der Betriebsrat Perspektiven für die vom Abbau betroffenen Standorte entwickeln . „Die Transformation muss in den Regionen stattfinden, aus den Standorten heraus“, sagt der Gesamtbetriebsratschef. „Es hilft den Werken in München, Nürnberg, Homburg, Feuerbach und Bamberg, die besonders vom technologischen Wandel betroffen sind, nicht, wenn in Leonberg 500 Softwareingenieure eingestellt werden“, nennt er ein Beispiel.

„Wir wollen mitgestalten und werden Vorschläge machen, wie wir die Standorte erhalten und weiterentwickeln können, und werden es nicht akzeptieren, dass die Geschäftsleitung uns Entscheidungen präsentiert und mit uns nur noch über die Umsetzung verhandelt“, gibt sich Sell kämpferisch. Im Fokus stünden dabei jetzt die Werke in München, Arnstadt und drei Gießereistandorte in Hessen. Man werde prüfen, ob Bosch Letztere künftig nicht sinnvoll betreiben könne. Schließlich benötige man Bremsscheiben auch in Elektrofahrzeugen.

Bosch will sich von drei Gießereistandorten in Hessen mit mehr als 900 Mitarbeitern trennen. Unter anderem werden dort Pkw-Bremsscheiben produziert. Das Unternehmen sieht kaum Spielraum, diesen Produktbereich langfristig profitabel weiterzuentwickeln. Zudem biete die Pkw-Bremsscheibenproduktion kaum Synergien zu anderen bestehenden Geschäftsfeldern.

Jobsicherung in Feuerbach gilt bis Ende 2023

Für Dieselstandorte wie Homburg, Feuerbach (Produktion), Bamberg und Nürnberg gibt es langfristige Standortvereinbarungen, die betriebsbedingte Kündigungen für die nächsten Jahre ausschließen, auch in Stuttgart-Feuerbach und Schwieberdingen (Entwicklung), wo Bosch im Bereich Antriebstechnik 2020 und 2021 rund 1600 Jobs sozial verträglich abbauen will, sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2023 für alle rund 9600 Mitarbeiter ausgeschlossen.

Alle Beschäftigten in Vertrieb, Verwaltung und Forschung reduzierten ihre Arbeitszeit und verzichteten auf einen Teil des Gehalts – ursprünglich bis Ende 2021. Weil allerdings viele Projekte für die E-Mobilität und die Brennstoffzelle, aber auch neue Projektanfragen für die Dieselpumpenentwicklung kamen, sind etwa zwei Drittel der betroffenen Mitarbeiter in Feuerbach wieder zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückgekehrt.

Rücknahme der Arbeitszeitabsenkung gefordert

„Wir fordern, dass die Arbeitzeitabsenkung für alle zurückgenommen wird“, sagt Sell mit Blick auf steigende Aufträge und Gleitzeitkonten. Er befürchtet allerdings, dass das Gegenteil der Fall sein dürfte, und stellt sich schon darauf ein, dass das Management die Arbeitszeitabsenkung eher verlängern will – um Kosten zu sparen und so mehr Zeit für den Personalabbau zu gewinnen. Die freiwilligen Abfindungsprogramme würden eher wenig genutzt, besser laufe die interne Personalvermittlung. 300 Mitarbeiter aus dem Dieselbereich wurden bereits in andere Bereiche vermittelt.

„Es werden schneller mehr Elektrofahrzeuge auf den Markt kommen. Zulieferer, deren Produktprogramme auf Verbrennungsmotoren fokussiert sind, bekommen Probleme, weil entsprechende Technologien sukzessive abgebaut werden“, sagt Stefan Reindl, der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA) in Geislingen. „Der Druck, die Produktionswerke auszudünnen und Arbeitsplätze abzubauen, wird größer, denn für den Bau von Elektrofahrzeugen sind weniger Arbeitskräfte nötig als für einen Verbrenner“, sagt Reindl.

„Die Situation an den einzelnen Standorten ist sehr unterschiedlich und nicht nur dem technologischen Wandel geschuldet“, sagt Sell. Das bringe auch Standorte unter Druck, die zukunftsfähige Produkte hätten, aber ein Kostenproblem.

In Bühl und Bühlertal (beide Kreis Rastatt) will Bosch rund 700 Stellen streichen – etwa die Hälfte davon in der Entwicklung. In Bühl stellt der Zulieferer elektrische Antriebe für Fensterheber, Wischer oder Sitzverstellungen her, in Bühlertal koordiniert Bosch das weltweite Geschäft mit elektrischen Antrieben, dort sitzen Entwicklung und Verwaltung. Man müsse die Wettbewerbsfähigkeit in einem hart umkämpften Marktumfeld verbessern, sagte eine Bosch-Sprecherin.

Sell stellt sich auf harte Verhandlungen ein.

Abbau, aber auch Verkäufe mit Perspektiven

Abbaupläne
Im Gegensatz zu anderen Zulieferern wie ZF oder Conti, die weltweit bis zu 15 000 beziehungsweise 30 000 Stellen abbauen wollen, nennt Bosch keine Gesamtzahlen, sondern nur zu einzelnen Standorten.

Bosch AS
Bei der Lenksysteme-Tochter Bosch Automotive Steering stehen die Vereinbarungen schon länger. Die Produktion im Werk Bietigheim soll bis Ende 2021 geschlossen werden. Betroffen sind rund 290 Beschäftigte. Zudem sollen am Standort Schwäbisch Gmünd bis Ende 2026 rund 1850 der fast 4500 Arbeitsplätze abgebaut werden. Bis dahin sind auch betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen.

Verkäufe
Bosch AS hat im Frühjahr das Geschäft mit Lenkungs- und Getriebepumpen an den Investor Fidelium verkauft – weltweit sind 900 Mitarbeiter betroffen, davon 600 im Inland. Mitte Juli 2021 hat Bosch das Werk in Göttingen, wo 300 Beschäftigte gebrauchte Ersatzteile aufbereitet haben, an den chinesischen Batteriehersteller Gotion High-Tech verkauft, der dort eine Montage von Lithium-Ionen-Batterien aufbauen will. imf