Downhill in Stuttgarts Wäldern Foto: Stuttgarter Rider

Samuel Wiedebusch und Christian Pfau fahren Downhill - und fordern eine eigene Strecke.

Stuttgart - Wegen seiner Kessellage gilt Stuttgart in der Downhill-Szene als ideales Terrain fürs rasante Talwärtsradeln. Mangels einer eigens ausgewiesenen Strecke ist der Sport aber verboten. Auch Samuel Wiedebusch und Christian Pfau betreiben ihren Sport im Verborgenen.

Herr Wiedebusch, Herr Pfau, viele Leute halten Sie für aggressiv, weil Sie in martialischer Ausrüstung durch den Wald preschen. Dabei stecken – zumindest bei Ihnen beiden – zwei Menschen wie du und ich unter den Sturzhelmen. Wie geht das zusammen?

Pfau: Ihr Eindruck täuscht Sie nicht, wir sind ganz normale Menschen.

Wiedebusch: Vielleicht hilft ein Beispiel weiter. Wir haben uns vor kurzem eines Jugendlichen angenommen, der auch mal fahren wollte. Nach ein paar Tagen tauchte sein Vater auf. Er wollte wissen, was sein Sohn so treibt. Zwei Wochen später hatte der Vater selbst Rad und Ausrüstung dabei.

Warum dann die furchteinflößende Ausrüstung?

Wiedebusch: Es stimmt, dass viele Leute zurückweichen, wenn sie uns begegnen. Aber Helme und Brustpanzer dienen lediglich unserem Schutz. Bei einem Motorradfahrer stört sich auch niemand daran, dass man wegen des Helms das Gesicht nicht erkennt.

Im vorigen Jahr wurde eine 80-Jährige umgefahren und verletzt. Müssten Sie nicht auch für den Schutz der Waldspaziergänger sorgen?

Wiedebusch: In unserer Community gelten klare Verhaltensregeln. Bei den meisten Strecken kann man die Wegkreuzungen schon 50 Meter vorher einsehen. Ist das nicht der Fall, bremst man ab.

Pfau: Das war ein tragischer Unfall, der, soweit wir wissen, durch normale Mountainbiker, die nicht aus Stuttgart stammten, verursacht wurde.

Es heißt, es gibt etwa 15 Strecken in den Wäldern um Degerloch. Was sind das für Strecken?

Pfau: Meistens sind es Trampelpfade, die durchs Downhill-Fahren breiter geworden sind. Es wurden aber vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt auch schon eigens gezimmerte Rampen und Schanzen abgeräumt.

Wiedebusch: Wir schieben gelegentlich mal Äste zusammen, kommen aber nicht mit Gartengeräten, um mechanisch das Gelände zu verändern. Wenn Nägel liegen blieben, wäre das viel zu gefährlich.

Solche Rampen existieren aber.

Wiedebusch: Bei Brettern und Nägeln reagiert das Forstamt zu Recht empfindlich. Eine offizielle Strecke wäre deshalb die beste Lösung.

Die gibt es bisher nicht. Downhill auf herkömmlichen Waldwegen ist aber verboten. Sie betreiben Ihren Sport also illegal. Fährt da nicht das schlechte Gewissen mit?

Wiedebusch: Nein, da Rücksicht auf andere vorgeht und wir noch keine legale Möglichkeit haben.

Wenn Sie erwischt werden, wird ein Bußgeld fällig.

Pfau: Im Wald ist es unmöglich, systematisch zu kontrollieren. Manchmal sieht man Beamte in Fahrzeugen sitzen. Downhill wird irgendwie geduldet. Man kennt sich mittlerweile auch.

Wiedebusch: Ich habe sogar mal für die Polizei Ausschau nach Raddieben gehalten.

Sie wünschen sich eine offizielle Strecke. Hört dann das wilde Fahren im Wald auf?

Wiedebusch: Das können wir nicht garantieren, denn schwarze Schafe gibt es immer. Aber zwei Drittel der Fahrer lassen sich mit einer offiziellen Strecke sicher disziplinieren.

"Deutschland hat eine der größten Downhill-Szenen"

Wie viele betreiben in Stuttgart Downhill?

Pfau: Es gibt ungefähr 400 Downhiller. Wettkampffahrer wie mich, die das Gelände fürs Training nutzen...

Wiedebusch: ... die meisten fahren eher hobbymäßig.

Wer also im Bereich Dornhalde oder unterm des Fernsehturms spazieren geht, muss mit Hunderten Fahrern im Unterholz rechnen?

Wiedebusch: Es gibt natürlich Tage mit größeren Treffen, aber selbst dann sind nicht mehr als 30 auf den Strecken.

Als 2007 der Bau eines offiziellen Parcours gescheitert ist, hoffte man im Rathaus, dass sich Downhill als Zeiterscheinung rasch erledigen würde. Warum übt Stuttgart solche Anziehungskraft auf Downhill-Sportler aus?

Pfau: Deutschland besitzt eine der größten Downhill-Szenen weltweit. Stuttgart ist die einzige deutsche Großstadt mit optimalen Rahmenbedingungen: große, zusammenhängende abschüssige Waldgebiete und ein gut ausgebauter Personennahverkehr, der die Fahrer wieder nach oben bringt.

Sie sprachen von einer Community. Das heißt, Sie haben sich organisiert.

Wiedebusch: Wir nennen uns Stuttgarter Rider. In dieser Interessengemeinschaft sind etwa 200 Mitglieder eingetragen. Wir wollen damit in der Öffentlichkeit präsenter sein. Außerdem sehen wir dadurch eine Möglichkeit der Selbstkontrolle, wovon wiederum alle Waldbenutzer etwas hätten.

Sie hoffen, dass auf diese Weise der Druck, eine Strecke zu bauen, wächst?

Pfau: Downhill ist ein Trend, Stuttgart könnte damit werben.

Wiedebusch: Eine offizielle Strecke ist unser Ziel. Bei der Instandhaltung würden wir uns dann einbringen.

Was sagen Sie Umweltschützern, wenn zusätzlich Fahrer angelockt werden?

Wiedebusch: Andersrum wird ein Schuh draus. Eine gut ausgebaute Strecke würde viel Druck vom übrigen Gelände nehmen.

Was sagen die Stuttgarter Stadtbahnfahrer, wenn Sie mit Ihren verschmutzten Rennmaschinen die Züge verstopfen?

Wiedebusch: Auch hier kennt man sich. Außerdem achten wir bei unseren Mitgliedern auf Disziplin. Erst die Fahrgäste, dann die Fahrer. Wenn eine Bahn voll ist, müssen wir eben auf die nächste warten.

Warum fahren Sie mit dem Rad nicht auch nach oben?

Pfau: Downhill-Bikes sind nicht dafür ausgelegt.

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