Anführer der Proteste gegen den Vietnamkrieg sollten 1969 in einem Prozess mundtot gemacht werden – davon handelt Aaron Sorkins Gerichtsdrama „The Trial of the Chicago 7“.
Stuttgart - Ab wann muss ein Prozess als politisch deklariert werden? Und wenn es geschieht, wie damit umgehen, wenn die Rechtsordnung politische Prozesse gar nicht vorsieht? Um diese Fragen geht es im Kern in Aaron SorkinsGerichtsfilm „The Trial of the Chicago 7“; Er beleuchtet den Prozess gegen sieben prominente Anführer der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg Anfang 1969.
Und es brauchte wahrscheinlich einen wie Sorkin, um die komplexe Materie überhaupt in den Griff zu bekommen: Wie in der Präsidenten-Serie „The West Wing“ (1999-2006) und in dem Facebook-Spielfilm „The Social Network“ (2010) orchestriert ein großes Figurentableau und viele entscheidende Details auf virtuose Weise und entwirft ein schlüssiges historisches Bild.
Großes Schauspieler-Kino
Sorkin arbeitet schnell heraus, dass die sieben Angeklagten aus völlig unterschiedlichen Sphären kommen, und sie nur das Ziel eint. Bürgerrechtler, Studenten und Hippies sitzen da gemeinsam auf der Anklagebank. Nicht zu vergessen den offensichtlich deplatzierten achten, Bobby Seale, einen schwarzen Anti-Rassismus-Aktivisten und Mitbegründer der Black Panther-Bewegung.
Großes Schauspieler-Kino hat Sorkin inszeniert und dafür einige profilierte Charakterdarsteller gewonnen. Auf Seite der Angeklagten kollidieren zwei Anführer besonders heftig: Der Studentenführer Tom Hayden (Eddie Redmayne, „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“) präsentiert sich als Stimme der Vernunft, der Hippie Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen, „Borat“) als Provokateur mit Witz. Beide offenbaren im Verlauf der Handlung unerwartete Züge, glänzend herausgearbeitet durch Redmayne und Cohen.
Der Richter will eine Verurteilung
Joseph Gordon-Levitt („Snowden“) als Ankläger Richard Schultz kommen bereits zu Beginn Zweifel, ob er hier nicht einen Schauprozess führt, um für den konservativen Präsidenten Richard Nixon ein Exempel zu statuieren. Mark Rylance („Bridge of Spies“) macht aus William Kunstler einen mit allen Wassern gewaschenen Verteidiger, der an seine Grenzen stößt – weil der beinharte Richter Julius Hoffman alles tut, um eine Verurteilung zu begründen und herbeizuführen.
Frank Langella („Frost/Nixon“) gibt diesem Richter die Aura eines vor bornierter Sturheit strotzenden Jägers, der sich wundert, wieso das Wild sich nicht gleich selbst richtet. Irgendwann taucht dann noch Michael Keaton auf, der als früherer Generalstaatsanwalt unter dem demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson im Zeugenstand eine unerhörte Aussage macht.
Erschütternde Polizeibrutalität
Sorkin zeigt in Rückblenden die Demonstrationen in Chicago und die brutalen Polizeieinsätze, bei denen Ordnungshüter jungen Menschen mit voller Wucht Knüppel in die Gesichter schlagen. Er mischt die Inszenierung mit dokumentarischen Aufnahmen, um klarzumachen: Es war so erschütternd.
Über allem schwebt wie ein Gespenst der Vietnamkrieg, dessen Sinn nicht Gegenstand der Diskussion sein darf, weil das Verfahren ja angeblich nicht politisch ist. Das Gedenken an die vielen Gefallenen bekommt trotzdem einen gebührenden Platz. „The whole World is watching“, „Die ganze Welt sieht zu“, rufen tausende Protestierende vor dem Gericht. Am Ende singt die Britin Celeste „Hear my Voice“, und sie ist ebenso zurecht für einen Golden Globe nominiert wie der gesamte Film, Aaron Sorkin für Regie und Drehbuch und Cohen als bester Nebendarsteller.
„The Trial of the Chicago 7“ ist auf Netflix zu sehen und bis 21. Februar, 9 Uhr, gratis auf youtube.