Infostelen ergänzen nun die Straßenschilder im Hüttfeld. Foto: Gottfried Stoppel

Sollte die Erwin-Rommel-Straße in Aalen umbenannt werden? Ist es heute noch richtig, Hitlers Lieblingsgeneral einen solchen Raum zu widmen? Nach langer Debatte hat Aalen dafür eine eigene Lösung gefunden.

Aalen - Jemanden zu verdammen, sagt Georg Wendt, habe noch selten geholfen. Der Historiker arbeitet seit fünf Jahren als Aalener Stadtarchivar. Er ist noch immer etwas erstaunt über die Heftigkeit, mit der vor zwei Jahren in der knapp 70 000 Einwohner zählenden Stadt im Ostalbkreis die Diskussion über den Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der in Heidenheim geboren und in Aalen aufgewachsen ist, als Namensgeber einer Straße im Wohngebiet Hüttfeld aufgeflammt ist.

 

Der Kreischef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Josef Mischko hatte in einer Gedenkrede 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 2019 kritisiert, es passe nicht zusammen, die NS-Opfer durch Stolpersteine zu würdigen und eine Straße nach einem Kriegsverbrecher der Nazis benannt zu lassen. „Da war auf einmal eine Emotionalität, die vorher nicht da war“, sagt Wendt.

Information statt Legendenbildung

Der Stadtarchivar hofft nun eine Lösung gefunden zu haben, „hinter der wir uns als Stadtgemeinschaft versammeln können“. Auf einer Infostele in der Erwin-Rommel-Straße wird das Leben von Hitlers Lieblingsgeneral nun eingeordnet. Es ist aber nicht die einzige. Denn die angrenzenden Straßen sind benannt nach Karl Mikeler, dem Aalener Gewerkschaftssekretär bis 1933 und SPD-Stadtrat bis 1955, dem ersten Aalener Oberbürgermeister von 1903 bis 1934 Friedrich Schwarz und nach Eugen Bolz, dem als Mitwisser des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 ermordeten Zentrumspolitiker. Er hatte den Wahlkreis Württemberg, zu dem auch Aalen gehörte, im deutschen Reichstag vertreten. Ausgerechnet.

Die ungewöhnliche und unpassende Nachbarschaft der drei erklärten NS-Gegner und des – zumindest zu Kriegsbeginn – Hitleranhängers Rommel spiegelt den Zeitgeist der Nachkriegsjahre. Die Stadtverwaltung um den damaligen Oberbürgermeister Karl Schübel sei in den 50er-Jahren, als das Wohngebiet Hüttfeld entstand, mehr um Ausgleich bemüht gewesen als um die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung: „Man hat das verdrängt.“ Mit Mikeler, Schwarz, Bolz und Rommel als Straßenpaten im Neubaugebiet habe man in den 50ern der politische Proporz eingehalten und die militärische Rolle Rommels ausgeklammert.

Die Rommel-Debatte kommt in die Schulen

Fast noch wichtiger als die Infostelen sind Wendt aber die Unterrichtsmaterialien, die er zusammen mit dem Aalener Historiker und Geschichtslehrer Matthias Pfeffer, der am Werkgymnasium in Heidenheim unterrichtet, zusammengestellt hat. Die neunten Klassen an den Aalener Schulen sollen sich künftig mit der Straße beschäftigen, sie sollen die Hintergründe für die Namensgebung kennenlernen und die Debatte, die in den vergangenen Jahren über das Für und Wider einer Umbenennung der Straße oder der Beibehaltung des Namens geführt wurde.

Mit dem Straßennamen, sagt Pfeffer habe die Stadt explizit den Militär Rommel ehren wollen. „Ursprünglich gab es sogar die Idee, die Straße Marschall-Rommel-Straße zu nennen“, sagt Pfeffer. Er selbst hat am Schubart-Gymnasium Abitur gemacht, wo Erwin Rommels Vater einst Schulleiter gewesen war. Schon als Schüler hat er sich gefragt, ob Erwin Rommel dort ebenfalls die Schulbank gedrückt hat – und hat angefangen, das Aalener Stadtarchiv nach lokalen Spuren Rommels zu durchforsten.

„Wir brauchen eine neue Form der Erinnerung“

Gefunden hat er unter anderem Briefe des damaligen Oberbürgermeisters an Rommel selbst und später an dessen Witwe, in denen das Stadtoberhaupt ankündigt, Aalen wolle ihm eine Straße widmen – schon 1940 das erste Mal. Dieses Material, das schon heute auf der Homepage der Stadt abzurufen ist, soll künftig über den Landesbildungsserver allen Schulen in Baden-Württemberg zur Verfügung stehen. Und wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, soll in Aalen ein Symposium für Geschichtslehrer stattfinden, das sich ebenfalls dem Thema widmet.

„Wir brauchen eine neue Form der Erinnerung“, sagt der Aalener Stadtarchivar Georg Wendt. Dass die Figur Rommel dazu angetan ist, dass ein Richtungsstreit entflammt, „das hat sich bei uns im Kleinen gezeigt“. Aber auch im wissenschaftlichen Kontext „findet eine Lagerbildung statt“ zwischen Historikern wie etwa Wolfgang Proske, für den Rommel einfach ein ganz gewöhnlicher Kriegsverbrecher war – oder dem Militärhistoriker Peter Lieb, der Rommel als Teil des Widerstands um den Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg sieht.