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Jürgen Bock ist nach 1000 Kilometern auf der A7 wieder Zuhause angekommen und zieht Bilanz.

Stuttgart - Zwei Wochen lang war unser Autor unterwegs auf Deutschlands längster Autobahn, der A 7. Mitgebracht hat er zahlreiche Eindrücke aus einem Land, in dem es selbst für die eigenen Bewohner noch unendlich viel zu entdecken gibt.

Sind Sie schon einmal morgens aufgewacht und haben nicht mehr gewusst, wo Sie gerade sind? Mir ging es in den vergangenen zwei Wochen mehrfach so, und das Gefühl ist jedes Mal wieder aufs Neue merkwürdig. Man muss sich erst orientieren, die Gedanken zusammenbringen, vielleicht hilft ein kurzer Blick aus dem Fenster des jeweiligen Hotelzimmers. Allmorgendlich ein neuer Ort, eine andere Gegend. Was ich da zu sehen bekommen habe, ist jeden Tag ein neuer kleiner Ausschnitt gewesen aus dem großen Konstrukt, das sich Bundesrepublik Deutschland nennt.

Ob es dieses Land überhaupt gibt? Ja - aber es setzt sich zusammen aus unendlich vielen Einzelteilen. Ein gewaltiges Puzzle in bunten Farben. Was mich überrascht hat unterwegs, ist, dass ich so oft überrascht gewesen bin. Nicht nur, weil ich zwei Wochen lang ohne einen einzigen Stau durchgekommen bin. Und voraussichtlich auch ohne Strafzettel. Nein, es ist die Fülle an Eindrücken, die so manches Klischee widerlegt. Im Guten wie im Negativen.

Stolz auf ihre Gegend

Nehmen wir die sprichwörtliche deutsche Sauberkeit. Mit der liegt's doch mancherorts ziemlich im Argen. Mehr als einmal haben sich die Silberfische auf dem Badezimmerboden des Hotelzimmers fröhlich getummelt. Dagegen ist es um die Freundlichkeit der Menschen viel besser bestellt, als man gemeinhin vermutet. Überall, wo ich Hilfe gebraucht habe, habe ich sie auch bekommen.

Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir dabei die kleine hessische Gemeinde Kirchheim. Der Bürgermeister hatte unsere Verabredung vergessen, weil er sie sich nach dem Telefonat nicht in den Kalender geschrieben hatte. Er zog es also vor, sein Auto blitzeblank zu waschen, während ich vor dem Rathaus in der Kälte stand. Der Werkstattbetreiber nebenan konnte mir nicht sagen, wo ich den Mann finde. Er verwies mich an die kleine Pension gegenüber. Die Wirtin wälzte so lange Adressbücher, bis sie auf die Nummer des Bürgermeisters stieß. Ein paar Anrufe später stand der Schultes mit rotem Kopf in der Hofeinfahrt. Das folgende Gespräch verlief umso herzlicher.

Kirchheim steht auch exemplarisch für eine andere Tendenz, die vielerorts zu spüren ist: der Wille zur Veränderung und zu neuen Idee. Deutschland wird das Land der Zauderer und großen Jammerei genannt. Gestoßen auf diese Einstellung bin ich unterwegs nirgendwo. Kirchheim lebt von der Autobahn, verliert aber Reisende wegen der Alternativstrecken durch die neuen Bundesländer. Also versucht man jetzt, mehr auf die schöne Landschaft zu setzen, um Touristen für mehr als eine Nacht anzulocken. Von Resignation keine Spur, genauso wenig wie bei den hart arbeitenden Landwirten im Allgäu, die weitermachen, weil sie um die Wichtigkeit ihrer Aufgabe wissen und stolz auf ihre Gegend sind.

Die Schwabenehre ist gerettet

Die Schwabenehre ist gerettet

Dagegen empfinde ich die Gegensätze zwischen Stadt und Land als groß. Deutschland ist nicht nur Berlin, Hamburg, München oder Stuttgart. Es ist vor allem das Dazwischen. Es ist aber nicht mehr Ost und West. In den meisten Köpfen ist die Mauer längst gefallen, und das ist gut so. Wer die früheren Befestigungsanlagen an der deutsch-deutschen Grenze sieht oder sich die Geschichten von Rekordwanderer Brocken-Benno aus dem Harz anhört, der weiß, wie wichtig die Wiedervereinigung gewesen ist. Das darf nie in Vergessenheit geraten.

Überhaupt: Brocken-Benno. Dieses Land ist reich an Kuriositäten und Originalen, neigt aber dazu, sie als Spinner abzutun. Etwa, weil sie schon fast 6000-mal den Brocken bestiegen haben wie Benno Schmidt aus Wernigerode. Der hält mit einem Zitat des Schauspielers Uwe Steimle dagegen: "Wir brauchen viel mehr Leute mit einer Macke. Alles, was verrückt ist oder fern der Norm, ist ein Stück Kultur und bereichert unser Leben." Da ist was dran. Benno schreibt mir übrigens: "Von Wanderfreunden wurde ich telefonisch informiert, dass Ihr Bericht gut beurteilt wurde." Die Schwabenehre ist gerettet.

Apropos Schwaben: Auch das Bild von uns selbst, das wir oft vor Augen haben, gilt es zu korrigieren. Wir glauben ja gern, der Rest der Republik halte uns für provinziell und nehme uns nicht so recht ernst. Vielleicht mag das manchmal so sein - beim Essen aber regieren wir das Land. Spätzle sind inzwischen eine Art Nationalgericht von Flensburg bis nach Füssen. Ein Gasthaus im Harz warb sogar mit schwäbischen Wochen. Ich hätte gerne gekostet - dummerweise war die Köchin abends schon weg, weil sie schwanger ist. Aber das ist eine andere Geschichte und hat eher mit Bubenspitzle zu tun als mit Spätzle.

Verwirrt im eigenen Schlafzimmer

Ich habe viel gelernt in diesen zwei Wochen. Über das Land und seine Bewohner, aber auch über mich selbst. Dass ich mich unwohl fühle, wenn ich allein zum Abendessen gehen muss, weil ich das nicht gewohnt bin. Dass es hilft, etwas zu lesen mitzunehmen. Dass es Menschen gibt, denen das Alleinsein nichts auszumachen scheint oder die sich dran gewöhnt haben. Fernfahrer sitzen tagelang in ihrer Kabine, übernachten dort sogar auf dunklen Autohöfen. Sie sehen ihre Familien nur am Wochenende. Sie haben sich meinen Respekt erworben, selbst wenn der ein oder andere auf der Autobahn im Schneckentempo überholt. Ich wäre für ein solches Leben nicht gemacht.

Gelernt habe ich aber auch praktische Dinge. Man kann durchaus hinterm Steuer mit dem Laptop auf den Knien arbeiten. Auf dem Rastplatz, versteht sich. Zudem kenne ich jetzt sämtliche Fehlermeldungen, die solch ein Computer im Laufe von zwei Wochen zu produzieren fähig ist. Mein Favorit ist der große Ausnahmefehler 631, der erst in den letzten Tagen vorbeigeschaut hat. Und: Im Land der Hochtechnologie gibt es noch immer nicht überall Mobilfunkempfang. Was nichts Schlechtes sein muss. Erst, wenn das Handy mal für eine Weile schweigt, merkt man, wie wertvoll Stille sein kann.

Vierzehn Tage, so viel steht fest, sind zu wenig, um dieses Land zu durchschauen. Zu vielfältig sind die Menschen, zu überraschend ihre Ideen, noch zu verfestigt manche Vorurteile, die eigentlich tagtäglich pulverisiert worden sind. Es würde sich lohnen, erneut aufzubrechen. Länger zu bleiben, wohin es den Reisenden verschlägt. Das Tempo aus der Entdeckungstour zu nehmen. Man fährt an so vielem achtlos vorbei. Vielleicht gehe ich nächstes Mal zu Fuß.

Das vorerst letzte Erweckungserlebnis hatte ich übrigens gestern. Als ich die Augen aufgemacht habe, wusste ich kurzzeitig wieder nicht, wo ich bin. Der Raum, in dem ich lag, war mein eigenes Schlafzimmer.

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