Die Bürgerversammlung widmete sich dem 90-jährigen Jubiläum des Gemeindesaals. Dabei standen dessen Geschichte als auch die vielfältige Nutzung im Mittelpunkt.
Die diesjährige Bürgerversammlung in Salzstetten stand im Zeichen des 90-jährigen Jubiläums des Gemeindesaals. Am 27. Oktober 1935 wurde das Einweihungsfest des Gemeindehauses feierlich zelebriert. Leider habe der Ortschaftsrat Salzstetten heuer kein dreitägiges Fest, wie damals zum 60-jährigen Jubiläum organisieren können. Dieses sei vor 30 Jahren nach der Sanierung des Gemeindesaals jedoch mehr als angebracht gewesen, konstatierte Salzstettens Ortsvorsteher Friedrich Hassel. Das 90-jährige Bestehen wurde von den beiden Profi-Musikern Aswintha Vermeulen und Eugen Aniskewitz umrahmt, die den Feierlichkeiten einen würdigen Rahmen verliehen.
Sehr interessiert verfolgten die Besucher auch den Vortrag von Kreisarchivarin Ute Ströbele, die auf die Entstehung und Geschichte des Gebäudes einging. Ebenso verriet Ströbele, dass die erste Wasserleitung in Salzstetten aus dem Jahr 1899 stammt. Die ersten Stromleitungen wurden 1911 verlegt.
Baukosten beliefen sich auf 20.000 Reichsmark
Das künftige Salzstetter Gemeindehaus sollte letztlich 15 verschiedene Nutzungsmöglichkeiten bieten. Es sollte nicht nur als Veranstaltungsort dienen, sondern unter anderem auch als „Badehaus“, da in den 30er-Jahren noch nicht jeder Haushalt üblicherweise über ein eigenes Badezimmer verfügte. 20.000 Reichsmark sollte der Bau des Gebäudes kosten, für welches rund 3.600 Festmeter Holz geschlagen werden musste. Als Architekt zeigte sich damals Alfred Brohammer (1883 bis 1956) verantwortlich. Um den Bau finanzieren zu können, versendete der damalige Bürgermeister Gustav Müller Bettelbriefe an Wohlhabende mit Salzstetter Geschichte. Bis nach Südamerika versendet Schultheiß Müller seine Briefe, in denen er um Spenden bittet. Teilweise mit Erfolg, wie archivierte Briefe zeigen. Einer der Briefe aus dem Archiv deutet auf eine Spende von 20 Reichsmark hin.
Anhand von Fotografien veranschaulichte Kreisarchivarin Ströbele die verschiedenen Nutzungsarten des Gemeindehauses. Darunter ein Gruppenbild der Kleinkinderschule von 1940. Laut Vermutungen ist darauf auch Schwester Juliane Singer zu sehen, die bis 1945 die Kleinkinderschule leitete. Des Weiteren Bilder von der Kochschule bei der Herstellung von Krautnudeln sowie aus der Milchzentrale des Gemeindehauses. Einst soll diese zu einer der modernsten Milchzentralen der Region gezählt haben.
Bis heute ein Wahrzeichen der Ortschaft
Vor allem aber wurde das Gemeindehaus bis heute für öffentliche und gemeinschaftliche Zwecke genutzt. Darunter viele Theaterveranstaltungen - unter anderem vom Kolpingstheater – sowie Vorführungen vom Liederkranz. Letztere fuhren mit Stücken wie „Carmen“ auf. Einem „hochdramatischen Schauspiel in vier Akten nach der französischen Novelle von Mérimée“, heißt es in der Ankündigung von 1960. Sogar das Stück „Ben-Hur“ wurde bereits im Gemeindesaal von Salzstetten durch den Liederkranz aufgeführt. Ströbele hätte gerne in Erfahrung gebracht, wie wohl die legendäre Wagenrennen-Szene aus dem Film auf der Salzstetter Bühne nachgestellt wurde.
Bis heute gilt das Gemeindehaus als eines der Wahrzeichen der Ortschaft. Die besondere Bedeutung, welches dieses für die Einwohner hat, brachte der Vaters des Salzstetter Lehrers Leopold Alber in einem kurzen Gedicht zum Ausdruck. In einem Gruß aus Salzstetten schrieb Friedrich Alber: „Bei der Kirche sieh das stolze, prächtige Gemeindehaus, wo gar oft alle Dorfgenossen sich erfreuen bei Trank und Schmaus, sich erfreuen bei Tanz und Lieder, sich erfreuen bei Sang und Klang, Stunden, die ich dort verlebte, ihrer gedenk ich lebenslang.“