Man bereitet sich monatelang auf die Geburt vor, und dann ist danach (fast) nichts so, wie man es sich vorgestellt hatte. Drei Redakteure, die gerade Vater geworden sind, erzählen, womit sie nicht gerechnet hätten.
Haben Sie gewusst: Neugeborene können ihre Arme nicht über den Kopf zusammenführen. Es ist einer der erstaunlichen Fakten über Babys, von denen vermutlich die wenigsten etwas gehört haben, ehe sie selbst eines haben.
Die Zeit nach der Geburt ist häufig behaftet mit Sorgen und Ungewissheit, aber auch Freude und Zuversicht – und das im ständigen Wechsel. Hinzu kommt: Vieles läuft nicht so, wie man es sich vor der Geburt ausgemalt hat. Hier erzählen drei frisch gebackene Papas, was sie mit und an ihrem ersten Baby überrascht hat.
Emanuel Hege, Vater seit 27. Dezember 2024
1. Du wirst erst einen Mitbewohner haben, dann einen Sohn: Als die Hebamme uns den kleinen, in Tüchern gewickelten Menschen überreichte, begrüßte meine Frau unseren Sohn mit einer unglaublichen Wärme. Ich war geplättet, erstaunt, erschlagen. In den Wochen darauf war ich rund um die Uhr für unseren Sohn da, erlebte all die ersten Momente, die schönen und die herausfordernden. Doch dieses Gefühl, von dem man denkt, es haben zu müssen, stellte sich nicht so richtig ein. Manchmal fühlte es sich an, als hätten wir einen kleinen Mitbewohner, der besonders viel Aufmerksamkeit braucht.
Mittlerweile weiß ich, dass das völlig in Ordnung ist. Es gibt keine Vorschrift, welche Gefühle ein Vater dem Neugeborenen entgegenbringt. Wichtig ist nicht das sofortige Entzücken, sondern die Verlässlichkeit. Es zählt, präsent zu sein, mit dem Kind zu sprechen, ihm vorzusingen, neue Rituale zu finden. Die Emotionen und die Verbindung kommen dann von ganz allein – nicht als aufgezwungenes Abpausbild einer Vater-Sohn-Beziehung, sondern als etwas Echtes, das von Tag zu Tag stärker wird.
2. Du wirst Kopfnüsse kassieren und Kratzspuren davontragen: Es gibt für mich kaum etwas Schöneres in den ersten Monaten, als mit meinem Sohn auf dem Arm die Wohnung und den Garten zu erkunden. Farbenfrohe Muster fesseln seinen Blick, und er greift bereits nach Blättern und ins Gras. Diese Zeit mit ihm auf dem Arm ist erfüllend – aber auch brandgefährlich und ein überraschend intensives Training für meine Reflexe.
Durch sein fröhliches, aber unkoordiniertes Herumfuchteln kassiere ich regelmäßig kleine Faustschläge und Kratzer. Besonders heikel wird es, wenn sich das 6-Kilo-Paket im Arm zurücklehnt, ich mit meinem Stützarm gegensteuern will und sein Körper in die andere Richtung schnappt wie bei einem Katapult. Diese Kopfnüsse bleiben im Gedächtnis und ja, mein Sohn hat mir bereits eine blutige Lippe verpasst – er selbst sah dabei völlig unbeeindruckt aus.
3. Du kannst Essen erst einmal vergessen: Die Horrorgeschichten rund ums Vaterwerden handeln meist von durchwachten Nächten und endlosen Schreikonzerten. Doch es gibt ein weit weniger bekanntes, aber mindestens genauso gnadenloses Phänomen: die Unmöglichkeit, gemeinsam zu essen. Unser Sohn scheint eine Art sechsten Sinn dafür entwickelt zu haben, wann meine Frau und ich in Ruhe essen wollen. Denn dann will er in den Schlaf gewogen werden, an die Brust oder einfach nur Dampf ablassen.
Das Ergebnis: Essen in Staffel, einer isst, der andere schunkelt das Baby. Oder, noch herausfordernder: Einer balanciert das Kind auf dem Schoß, während er mit nur einer Hand Nudeln auf die Gabel und in den Mund manövriert. Ja, liebe werdenden Eltern, auch das Essen im Stehen gehört zum Standardrepertoire – und keine Sorge, wenn mal ein Klecks Joghurt auf die Kinderglatze fällt, das passiert den Besten.
Michael Bosch, Vater seit 17. Februar 2025
4. Du wirst deine „Berührungsängste“ ablegen: „Wie schaffe ich den richtigen Umgang mit ‚dem Baby’?“ (Ja, vor der Geburt war es für mich ein sehr ‚abstraktes Ding’ und eher „das Baby“, weniger „mein“ oder „unser Baby“.) Diese Frage habe ich mir im Voraus häufiger gestellt. Dabei ging es weniger darum, ob ich eine emotionale Verbindung aufbauen kann – da hatte ich eigentlich keine Zweifel – sondern um den physischen Umgang mit so einem kleinen Lebewesen. Ich habe einen Neffen, der inzwischen schon ein „größeres Baby“ ist. Bei ihm war ich immer sehr vorsichtig und hatte fast schon Angst, etwas falsch zu machen, oder ihm sogar weh zu tun. Von dem Moment an, als meine Tochter auf der Welt war, waren die Zweifel verflogen. Sie zu halten, war das Natürlichste der Welt für mich.
Ich musste überhaupt nicht darüber nachdenken, alles kam ganz automatisch. Vermutlich gibt es nicht nur so etwas wie „Mutterinstinkte“, sondern auch „Vaterinstinkte“. Das Gute bei Kleinkindern ist außerdem: Im Grunde kann man sie nicht „kaputtmachen“, wenn man ein paar grundlegende Dinge beachtet: Nicht runterfallen lassen und auf das Köpfchen Acht geben.
5. Du wirst dein Kind ständig tragen: Zugegeben, vor der Geburt meiner Tochter, war ich bisweilen ziemlich faul. Aber das ist jetzt vorbei – definitiv. Ich wusste, dass Babys gerne getragen werden möchten. Wovon ich mir aber überhaupt kein Bild machen konnte, ist, wie oft das tatsächlich der Fall ist und wie viel Zeit das Tragen in Anspruch nimmt.
Babys sind „Traglinge“ – und unsere Tochter wollte in den ersten sechs Wochen ihres Lebens eigentlich immer getragen werden. Außer, sie hat gerade geschlafen oder „gegessen“. Das Auf-und-Ab beruhigt sie. Wenn ich den Effekt verstärken will, setze ich mich auf einen Sitzball und wippe mit ihr. Mir macht die Tragerei Spaß, ich liebe es, ihr unser Zuhause zu zeigen. Positiver Nebeneffekt: Ich habe seit ihrer Geburt fünf Kilo abgenommen. Also werdende Väter: der körperliche Aspekt ist mitunter nicht zu unterschätzen!
6. Du wirst häufig das Gegenteil von dem wollen, was gerade ist: Einige Dinge, die mir Freunde, Bekannte und Verwandte im Vorfeld prophezeit haben, sind eingetroffen. So richtig vorstellen konnte ich es mir trotzdem nicht: Die Zeit vergeht mit einem Kind definitiv anders. Die Tage füllen sich mit einem Neugeborenen quasi automatisch – der Tag ist vorbei, ohne das wirklich etwas passiert ist. Einerseits ist es schön, dass wir die ersten Wochen gut gemeistert haben. Wenn meine Tochter wieder ein Stückchen gewachsen ist, freut mich das, weil sie sich (gut) entwickelt. Andererseits wünsche ich mir, dass sie weniger schnell wächst – und die ersten vier Wochen nach der Geburt, als ich nicht gearbeitet habe, gingen viel zu schnell vorbei.
Und so ist es für mich mit vielen anderen Dingen auch – ich wünsche mir gewissermaßen immer das Gegenteil von dem, was gerade ist: Schreit meine Tochter, will ich natürlich, dass sie aufhört. Schläft sie, wäre es mir lieber, sie wäre wach (auch wenn sie schreien würde), weil ich dann sicher wäre, dass sie überhaupt noch atmet. Schläft sie zu lange, würde ich sie gerne wecken. Schläft sie zu kurz, würde ich sie gerne wieder zum Schlafen bringen – irgendwie ist es nie recht. Im Grunde heißt das: als junger Vater habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zum „Zustand“ meines Babys. Das hat sicherlich auch mit der Angst zu tun, etwas falsch zu machen. Aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden...
Florian Gann, Vater seit 20. Februar 2025
7. Du wirst wieder Knutschflecke haben: Sind die Windeln frisch, die Lippen noch von Muttermilch benetzt und es kehrt trotzdem keine Ruhe ein, beruhigt unser Kind Folgendes: Manchmal der sogenannte Fliegergriff, bei dem das Baby mit dem Bauch auf dem Unterarm liegt. Häufig das Geräusch eines laufenden Föhns. Und fast immer der kleine Finger, an dem er nuckelt (den Schnuller erkennt er nicht als Alternative an). Der Fingernagel muss auf der Zunge aufliegen, er könnte sonst den Gaumen verletzen. Wenn der Kleine in der Trage ist und den Kopf leicht nach hinten neigt – seine Lieblingsposition –, muss ich den Ellbogen spitz seitlich ausfahren, um die Hand richtig zu drehen, was in der Stadtbahn auch mal als aggressive Geste ausgelegt werden kann. Der kleine Mann erwidert etwaige Blicke mit genüsslichem Schmatzen.
Übrigens muss es nicht immer der Finger sein. Neulich hat er beim Tragen einfach an meinem Oberarm gesaugt – und mir dort einen Knutschfleck verpasst. Er hat glücklich gewirkt. Und was für eine Saugkraft dieses kleine Wesen hat! Selbst der Finger ist nach intensiven Nuckelsessions manchmal taub. An alle, die nicht stillen: Stellt euch das mal an eurer Brust vor. An alle stillenden Frauen: Was für eine Leistung!
8. Du wirst der Babysprache verfallen: Es gibt Dinge, die ich vor der Geburt bei anderen Eltern belächelt habe. Babysprache etwa, die ausschließlich aus Verniedlichungen besteht: Na, hat das Kleini schon Hungerchen? Ich versuche, dem etwas entgegenzusetzen. Wenn er sich beschwert, tue ich oft so, als würde er eine Gewerkschaft für Babys fordern: Mehr Autonomie bei der Kleidungswahl! Konsens, wenn mein Windel-Hintern freigelegt wird!! Wahlrecht ab 0 Jahren!!!
Aber die Tage sind lang, irgendwann geht die inhaltliche Tiefe verloren. „Pupseli, popeli, Babyli“, sagte ich letztens mal, eine thematische Maximalvereinfachung dessen, was in den Minuten davor passiert war. Er hat herzhaft gelacht. Peinlich bin ich ihm wohl erst später.
9. Du stellst dir das Leben mit Kind falsch vor: Ich habe Freunde interviewt, in meinem Kopf aufwendige Projektionen in die Zukunft erstellt, die Einkommenssituation überschlagen, die Klimawirkung eines Kindes überdacht und auf meine Gefühle gehorcht. Ich hatte eine Art intellektuelle Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Kind zu haben: Ein Handel zwischen große emotionaler Nähe und eingebüßten Freiheiten. Rein rational betrachtet stimmt das auch.
Aber wahrscheinlich ist es schon mal grundlegend falsch, sich das Leben mit Kind rational vorzustellen. Es passieren ja ständig verschiedene Ausnahmezustände gleichzeitig oder in kurzer Abfolge. Etwa unmittelbar nach der Geburt: Dieses unglaublich zarte Wesen wirkt so verletzlich, gleichzeitig irgendwie noch fremd, du fühlst dich verantwortlich und hast alles vergessen, was jetzt zu tun wäre. Überforderung und Angst wechseln sich ab, nach und nach wird noch Erschöpfung dazukommen.
Ein paar Stunden später liegt mein Kind auf meinem Bauch, es schlummert, ich habe ihn erstmals zum Einschlafen gebracht, die Gesichtszüge sind entspannt, er wirkt friedlich. Ich denke: Kann es schon jemals ein so schönes Lebewesen auf diesem Planeten gegeben haben? Ein Gefühl, das mit keiner anderen Form der Liebe – der für Geschwister, Eltern, Freunde, Partnerin – vergleichbar ist. Und schöner, als ich mir das je vorgestellt hatte.