Ein Seitenarm von Bernd Hainmüllers Vortrag zum Gedenken an das Weltkriegsende führt auch nach Berlin-Mariendorf, in die Kirche Maria Frieden.
Ein Seitenast von Bernd Hainmüllers Vortrag führt nach Berlin-Mariendorf, in die Kirche Maria Frieden. Bei den Recherchen zu den Kämpfen um die „Poche de Colmar“ war er auf die Information gestoßen, dass der deutsche Maler Otto Dix zeitweise in dem Kriegsgefangenenlager in Colmar-Logelbach einsaß – eben dort, wo Tomi Ungerer als Heranwachsender mit seiner Mutter einige Jahre wohnte.
Während Dix’ Aufenthalts dort ist auf Ansinnen des französischen Lagerkommandanten ein Altarbild entstanden, dass die Kriegsgeschehnisse aufgreift: die „Madonna vor Stacheldraht“.
Das Altarbild entstand während der Kriegsgefangenschaft
Dix hat es während seiner Inhaftierung in Logelbach gemalt. Sechs Wochen nach seinem Einzug zum Volkssturm war der Maler in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Statt ihn zum Minensuchen zu schicken – was Dix’ sicheren Tod bedeutet hätte – habe der Kommandant vorgeschlagen, ein Bild für ihn zu malen. Auf dem Bild sind die Jungfrau Maria mit Kind sowie die Heiligen Paulus und Petrus vor einer Gruppe Kriegsgefangener und zerstörten Häusern zu sehen.
Hainmüller ist sich sicher, dass Otto Dix, dessen Werke während der NS-Zeit als „entartet“ eingestuft waren, sich dazu auch vom Matthias Grünewalds „Isenheimer Altar“ hat inspirieren lassen. Mit der dreiflügeligen Gestaltung griff Dix’ die Erscheinungsform des berühmten Altarbilds im Colmarer Unterlindenmuseum auf.
Viele Jahre lang war das Bild Hainmüllers Erkenntnissen zufolge verschollen, bis es 42 Jahre nach Kriegsende bei einer Auktion zum Kauf angeboten wurde. Der Berliner Senat erwarb das Werk, das seitdem in der besagten Berliner Kirche als Leihgabe steht – ausgestellt unter aufwändigen Schutzmaßnahmen, um seinen Zustand zu erhalten. Hainmüller hat es dort besichtigt und sich mit dem verantwortlichen Pfarrer unterhalten.
Das Bild könnte bald schon nicht mehr öffentlich zu sehen sein
Es stehe zu befürchten, so Hainmüller, dass das Altarbild bald in den Kellern des Nationalarchivs verschwinden könnte, da der Kirche die Konservierungsmaßnahmen zu teuer werden könnten. Für ihn ist das schwer denkbar, denn Dix’ Werk sei „ein einmaliges Dokument der Situation im Elsass“, wie Hainmüller findet. Das Kriegsende sei dort viel schlimmer verlaufen als auf der deutschen Seite, hält er mit Blick auf die verheerende Schlacht um die „Poche de Colmar“ einmal mehr fest.