Leere Kassen sollen die Stadt Albstadt nicht daran hindern, am wichtigsten Gedenktag an den Widerstand gegen die Nationalsozialisten alles zu tun, um an die Bedeutung Claus Schenk Graf von Stauffenbergs zu erinnern – mit „coolem“ Programm.
Die rund Zahl – 80 Jahre liegt am 20. Juli der Attentatsversuch auf Adolf Hitler zurück – ist für Oberbürgermeister Roland Tralmer nicht der Hauptgrund dafür, Claus Schenk Graf von Stauffenberg in diesem Jahr etwas größer zu feiern: „Unsere parlamentarische Demokratie steht unter Druck, unser Gesellschaftssystem wird zu wenig gewürdigt.“ Deshalb sei es wichtig, an die Gründe zu erinnern, aus denen Stauffenberg 1944 „den Tyrannenmord“ in Erwägung gezogen hat.
Das Programm beginnt am Mittwoch, 10. Juli, mit dem elften Benefizkonzert „Bundeswehr meets Brass“ ab 19 Uhr im Hof des Stauffenbergschlosses. Das Heeresmusikkorps Ulm spielt bei freiem Eintritt, sammelt aber Spenden, die je zur Hälfte an die Vinzentinischen Ersthelfer Albstadt und das Bundeswehrsozialwerk gehen.
Mehr als 6000 Euro hätten die 1100 Besucher 2023 gespendet, freute sich der Standortälteste Oberst Michael Frick, für den die Beteiligung der Bundeswehr im Jubiläumsjahr besonders wichtig ist – „um den Standort mit der Gesellschaft zu verbinden“.
Eine ganz neue Sicht auf die vielen Facetten Stauffenbergs verspricht die Lesung des Spiegel-Bestsellerautors Tim Pröse am Samstag, 13. Juli, ab 19.30 Uhr im Stauffenbergschloss aus seinem Buch „Wir Kinder des 20. Juli – Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte.“ Der wohl bekannteste von ihnen ist Berthold Graf Stauffenberg, der ältest gediente Soldat der Bundeswehr, wie Tim Delle von den Museen Albstadt betont.
Diese vielen Facetten Stauffenbergs, der vom Anhänger des Nationalsozialismus zum Widerstandskämpfer wurde, beleuchtet das Schulprojekt #operationstauffenberg, mit dem Kunstvermittlerin Carina Rosenlehner sich erfolgreich an Schüler wendet – die Resonanz geht bereits über den Zollernalbkreis hinaus. „Es geht darum, ihn nicht als strahlenden Helden oder bösen Nazi darzustellen, sondern sich differenziert mit ihm auseinander zu setzen – er war ein unglaublich vielschichtiger Mensch“, betont die Mitarbeiterin der Museen Albstadt.
Ein Influencer in besonders dunklen Zeiten
„In Gruppen erstellen Schüler ein Social-Media-Profil des ‚Influencers‘ Stauffenberg, präsentieren sie einander und stimmen ab, ob Stauffenberg gecancelt werden soll“, erklärt Rosenlehner. „Stichwort: ‚Entfreunden‘ oder ‚Nicht mehr folgen‘.“ Ziel sei es, dass die Schüler ihre eigene Position zu Stauffenberg finden und ihr Schwarz-Weiß-Denken ablegen, aber auch „einen sensiblen Umgang mit Informationen auf Social Media erlernen“.
Besonders ins Zeug legen musste sich Ralf Merkel, Inhaber der Zollernalb-Kinos, um den Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise, der die Geschichte des Attentats vom 20. Juli 1944 erzählt, im Schlosshof zeigen zu dürfen. Am Donnerstag, 18. Juli, ab 21.45 Uhr – es muss dunkel sein – bekommen die Zuschauer, für die der Hof bestuhlt wird, eine von Merkel digitalisierte Version zu sehen. Selbst für einen Abend seien die Aufführungsrechte schwer zu bekommen gewesen, betont der Cineast und zieht verbal den Hut: „Es ist unglaublich, was die damals riskiert haben – das am historischen Ort Stauffenberg-Schlosshof zeigen zu können, ist etwas ganz Besonderes.“
Ein schwieriger Weg wird betrachtet
Großes Besteck wird am 20. Juli ab 18 Uhr in der Kirche St. Johannes Baptista aufgelegt, wenn die Professorin Merith Niehuss von der Universität der Bundeswehr München über „das Attentat und den schwierigen Weg zum Staatsbürger in Uniform“ spricht. Für den Stehempfang nach der Gedenkfeier wird sie viel Gesprächsstoff liefern für Bürger, Vertreter von Stadt und Landkreis sowie der Bundeswehr.
Nun hofft Kulturamtsleiter Martin Roscher noch auf Besuch eines Vertreters der Familie Stauffenberg, wenn schon Stauffenberg-Experte Heiko Peter Melle, der im Januar verstorben war, nicht mehr dabei sein könne. Uwe Baur vom Hauptsponsor Sparkasse Zollernalb indes freut sich – auch als Vater – darüber, dass die Schulen an das vielseitige Programm zum 80. Jahrestag des Attentats angebunden sind. „Es ist unglaublich wichtig, mit Kindern über dieses Thema zu sprechen.“