Schlimmes Kriegsende: Breisach wird während des Kampfs um die „Colmar Pocket“ von amerikanischen Truppen beschossen. Foto: https://warfarehistorynetwork.com/article/destruction-of-the-colmar-pocket

Zwei Geschichtsvereine von dies- und jenseits des Rheins gedenken erstmals mit einer gemeinsamen Veranstaltung des Endes des Zweiten Weltkriegs, das sich dieses Jahr zum 80. Mal jährt.

Im Mittelpunkt der gemeinsamen Veranstaltung steht ein Festvortrag von Bernd Hainmüller über die verlustreichen letzten Kämpfe um die „Poche de Colmar“ (deutsch: „Brückenkopf von Colmar“) und das Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass. Die Kämpfe um den Brückenkopf der deutschen Streitkräfte, der sich von Hüningen im Süden bis nach Rheinau im Norden erstreckte, zogen sich über Wochen hin.

 

Sie forderten auf beiden Seiten Zehntausende Menschenleben, und das, als die deutsche Niederlage bereits absehbar war. Hainmüller, von Haus aus Soziologe und Erziehungswissenschaftler, beruflich viele Jahre in der Lehrerausbildung tätig, hat sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in der Oberrheinregion intensiv auseinandergesetzt und zahlreiche Texte dazu publiziert.

Gedenken bleibt oft einseitig

„Es geht uns um ein gemeinsames Gedenken“, sagt Uwe Kühl, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte und Volkskunde Weil am Rhein, bei einer Zusammenkunft zur Vorbereitung des Vortragsabends in Bartenheim, beim dem unsere Zeitung dabei war.

Diesem Anliegen schließt sich Hainmüller an, der auf Einladung der beiden Vereine den Festvortrag halten wird. Ihm sei das sehr wichtig, hält er fest. Verwundert habe er wahrgenommen, dass bei der Feier der Befreiung Huningues im vergangenen Jahr von deutscher Seite fast niemand dabei gewesen sei.

Freundschaft wird seit einigen Jahren gepflegt

Seit 2022 pflege sein Verein die Freundschaft mit dem Geschichtsverein Bartenheim und Umgebung – der „Société d’Histoire de Bartenheim et Environs“. Bei mehreren gegenseitigen Besuchen hätten die Mitglieder – rund 270 in Weil am Rhein, rund 85 in Bartenheim – viel über die gemeinsame Geschichte erfahren.

Wünschen sich einen engeren Austausch, auch über die gemeinsame Geschichte zu beiden Seiten des Rheins: (von links) Uwe Kühl, Bernd Hainmüller, Gabriel Arnold und Bernard Lambert. Foto: Beatrice Ehrlich

Sie führten die Weiler unter anderem nach Bartenheim, Brinckheim und Helfrantzkirch, von wo Karl Tschamber, Heimatforscher und früherer Hüninger Schulrektor, der später nach Weil ging, stammte. Eine Weiler Schule ist nach ihm benannt. Auch ein reger persönlicher Austausch habe sich zwischen den Mitgliedern der Vereine ergeben, hebt Kühl hervor.

„Durst“ auf die Geschichte der anderen

„Uns bewegt der gleiche Geist, uns für die andere Seite des Rheins zu öffnen“, betont Gabriel Arnold, Vorsitzender des Geschichtsvereins Bartenheim, in dessen Haus am Ortsrand Bartenheims das Treffen mit Pressevertretern aus dem Elsass und aus Weil stattfindet. Dass das nicht früher geschah, sei dem Geist der Zeit geschuldet gewesen. Jetzt aber gebe es einen regelrechten „Durst“ auf die Geschichte des anderen. „Wenn wir über 1944 sprechen, fragen uns jetzt auch: Was war mit den anderen? Sie haben auch sehr gelitten.“

Blutige Vergangenheit: Deutsche Gefangene stützen einen verwundeten amerikanischen Soldaten nach dem Ende der Kämpfe im Elsass. Foto: https://warfarehistorynetwork.com/article/destruction-of-the-colmar-pocket

Arnold weist darauf hin, dass es entlang des Rheins früher eine gemeinsame Geschichte gab. Rosenau sei lange ein Teil des Dorfs Istein gewesen. Mit eingebunden in die Vorbereitungen des Gedenkens ist auch sein Stellvertreter Bernard Lambert aus Kappelen. Der Geschichtsverein Bartenheim widmet sich der Geschichte der elsässischen Dörfer Bartenheim, Brinckheim, Kappelen, Stetten sowie Helfrantzkirch und gibt dazu jedes Jahr ein umfangreiches Jahrbuch heraus.

Literarische Quellen als Ausgangspunkt

Als Ausgangspunkt für seinen Vortrag, den er zum ersten Mal im vergangenen Jahr in Breisach gehalten hat, zieht Hainmüller Veröffentlichungen berühmter Zeitzeugen der damaligen Ereignisse heran. Der Zeichner und Autor Tomi Ungerer hat in seinem Buch „Die Gedanken sind frei“ Erinnerungen an das Alltagsleben im deutsch besetzten Elsass, den Krieg und die Befreiung durch die Alliieren – die „libération“ – festgehalten. Mit seiner Mutter lebte er einige Jahre auf dem Gelände einer Textilfabrik in Logelbach bei Colmar. Dort waren wechselweise Kriegsgefangene der Deutschen und der Franzosen untergebracht. Auch der Maler Otto Dix wurde dort zeitweise festgehalten. Bilder, die Ungerer als Kind und Jugendlicher während dieser Zeit gemalt hat, ermöglichen einen lebendigen Eindruck der Zustände dort.

Lee Miller, Protagonistin des Films „Die Fotografin“ von 2023 mit Kate Winslet in der Titelrolle, begleitete als Kriegsreporterin und -fotografin die amerikanischen Truppen bei ihrem Zug durch Frankreich. Sie war Zeugin der Schlacht um die „Colmar Pocket“, wie das Gebiet auf Englisch heißt.

Augenzeugenberichte einer Kriegsberichterstatterin

Ihre Berichte darüber sind in dem Buch: „Krieg – Mit den Alliierten in Europa 1944 bis 1945“ nachzulesen. Besonders interessant findet Hainmüller Lees Schilderung, dass die Befreiung durch die Alliierten im Elsass von Dorf zu Dorf anders wahrgenommen worden sei.

Der Vortrag

Der Festvortrag
 über die „Poche de Colmar – die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs im Elsass“ von Bernd Hainmüller findet am Mittwoch, 7. Mai, ab 19.30 Uhr, in der Maison pour tous in Bartenheim, 1 rue Grand Rue, statt. Organisatoren sind der Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde Weil am Rhein und dem Geschichtsverein Bartenheim und Umgebung. Vereinsmitglied Claude Fischer wird den Vortrag simultan ins Französische übersetzen. Danach wird von den beiden Vereinen zu einem freundschaftlichen Umtrunk eingeladen. Anfahrt: Die Weiler Teilnehmer starten gemeinsam um 18.30 Uhr am Alten Rathaus in Weil am Rhein. Eine Anmeldung ist erforderlich mit der Angabe, ob eine Mitfahrgelegenheit nötig ist, beziehungsweise angeboten werden kann.

Anmeldung: per E-Mail an heimatgeschichte.weil.am.rhein@ gmail.com oder unter Tel. 07621/1698440