Der Autor und Aktivist Dominik Bloh liest in der Stadtkirche Balingen aus seinem Leben und spricht über Wohnungsnot, Hoffnung und gesellschaftliche Verantwortung.
„Es wird in Deutschland niemand obdachlos“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, als er vor einigen Wochen die Pläne für stärkere Sanktionen beim Bürgergeld verteidigte. Dominik Bloh hat darauf eine andere Perspektive.
Dies sei ein mehrheitlich verbreitetes Narrativ in Politik und Gesellschaft, erwidert der 1988 in Neu-Ulm geborene Autor. Deshalb sei es wichtig, „als Stimme auch Gründe dagegen zu nennen“ – seien es die eigenen Erfahrungen oder harte Statistiken.
Mit 16 Jahren landete er auf der Straße. Den leiblichen Vater kannte er nicht, seine Mutter war psychisch krank und „schmiss“ ihn von zu Hause raus. Als seine Großeltern, die ihm noch eine Art Halt gaben, verstarben, begann ein Jahrzehnt des Überlebenskampfes.
Wenn das soziale Netz fehlt, reißen alle Stricke
Er wolle mit seiner Geschichte Menschen Denkanstöße geben, die dem Thema oft ahnungslos und mit Hemmungen gegenüberstehen. Denn wenn das oft zitierte soziale Netz fehle, dann würden „alle Stricke reißen – und die Menschen stehen mit losen Fäden da und enden auf der Straße“.
Die Behörden hätten ihm in dieser Zeit auch nicht viel geholfen. Zwar sei in der Schule bemerkt worden, dass er keine Unterkunft hatte, aber auf dem einen wie auf dem anderen Amt habe es geheißen, man sei nicht zuständig.
Scham das bestimmende Gefühl
Scham sei in dieser Zeit allgegenwärtig gewesen. Während er nachts häufig den Nachtbus oder Fast-Food-Restaurants nutzte, um sich aufzuwärmen, ging er tagsüber ganz „normal“ in die Schule und absolvierte in Hamburg sein Abitur.
Als er sich in einer Kleiderkammer für Geflüchtete engagierte, wendete sich das Blatt. Der ehemalige belgische Fußballspieler und heutige Unternehmer Robert Dekeyser war fasziniert davon, dass sich ein obdachloser junger Mann für andere Menschen in Not einsetzte. Er besorgte ihm eine Wohnung und übernahm anfangs die Miete.
Auch schon auf der Parkbank geschrieben
„Schreiben hat mein Leben gerettet“, erzählt Bloh. Er habe schon immer Geschichten geschrieben, auch als er wohnungslos war – im Straßenlampenlicht auf einer Parkbank. Umso dankbarer sei er heute, seine Geschichte mit anderen teilen zu können.
Wohnungsarmut sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Denn betroffen seien nicht nur die rund 50 000 Menschen, die direkt auf der Straße leben. Von der Politik erwarte er, am System anzusetzen und Strategien für die Zukunft zu entwickeln – und nicht nur Phrasen zu dreschen wie „Bauturbo“ und „Wohnungsbooster“.
Wohnungslosen eine Lobby geben
Menschen, die nicht gesehen werden, eine Lobby zu geben, darum gehe es ihm nach wie vor. Er spüre immer noch eine gewisse „Überlebensschuld“, wenn er Menschen sehe, die auf der Straße leben, und sei sich des Privilegs bewusst, das er heute genieße.
Mit seinem Projekt „GoBanyo“ bietet er seit fast sechs Jahren eine mobile Duschmöglichkeit für Obdachlose an. In den Lesungen will er den Zuhörern vermitteln, dass diese Parallelwelt nicht so weit von ihrem eigenen Alltag entfernt ist. Er möchte ihnen Mut machen, aufeinander zuzugehen: Kleine Gesten wie ein Lächeln oder ein freundliches Wort könnten Menschen in Not Hoffnung schenken.
Am Donnerstag, 20. November, um 18 Uhr findet in der Stadtkirche Balingen eine Lesung statt. „80 Jahre Diakonie - Lesung und Talk mit Dominik Bloh“ lautet das Thema des kostenlosen abends. Teilnehmende der Talkrunde sind Isabell Barth, Leitung des Jugendamts, sowie Stephan Heesen von der Ökumenischen Psychologischen Beratungsstelle. Moderiert wird der Abend vom katholische Dekanatsreferent Achim Wicker und Janina Niefer vom Evangelischen Bildungswerk.