Wurde im Nachkriegsdeutschland zu einem Mythos: Claus Schenk Graf von Stauffenberg Foto: imago//UIG

Claus Schenk Graf von Stauffenberg galt nach Kriegsende als Verräter und wurde später zum Nationalhelden verklärt. Ein neu erschienenes Buch – „Das deutsche Alibi“ – dekonstruiert diesen Mythos. Ein gekürzter Auszug.

Man sollte meinen, dass die Deutschen den Frauen und Männern des 20. Juli 1944 immer schon dankbar gewesen sind, wie überhaupt allen, die ihr Leben für den Kampf gegen Adolf Hitler riskiert und verloren haben. Auch die alljährlichen Gedenkfeiern im Berliner Bendlerblock, mit Kränzen, militärischem Pomp und Politikerreden, legen diese Vermutung nahe. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die meisten Deutschen wollten weder vor noch nach 1945 etwas vom Widerstand wissen. Die Würdigung, die uns heute so selbstverständlich erscheint, musste jahrzehntelang hart erkämpft werden.

 

Für Erich Kästner war das schon 1954 Anlass für eine wütende Rede in den Münchner Kammerspielen: Die Frauen und Männer des Widerstands hätten den „physischen und moralischen Untergang“ Deutschlands verhindern wollen, sagte Kästner damals, und wurden dafür „im Namen des Volkes . . . angespuckt, gequält und ermordet“. Als „der Albtraum vorüber war“, wäre es darum „nur selbstverständlich gewesen“, sie zu würdigen. Er denke dabei jedoch nicht „an die Umbenennung von Straßennamen, die Niederlegung von Behördenkränzen und andere Versuche, den Dank des Vaterlandes . . . in bequemen Raten abzustatten“, sondern daran, „diese Nothelfer des deutschen Wesens gegen das deutsche Unwesen“ zu dem zu machen, was sie seien – Vorbilder. Doch: „Wir haben gehorcht und sind es nicht gewesen . . . Courage bleibt ein Fremdwort.“

Die Erinnerung an den Widerstand war stets ein Stachel im Fleisch deutscher Selbstgerechtigkeit, weil er zeigte, dass es möglich gewesen wäre, sich anders zu verhalten und die beliebte Entlastungsformel, man habe von den Verbrechen nichts wissen können, als Märchen entlarvte. Nachdem Politiker den 20. Juli 1944 aber für sich entdeckt hatten, musste er für die Rechtfertigung der verschiedensten Anliegen herhalten, wurde zum Feigenblatt schlimmster Versäumnisse, zu einer Art Gründungsmythos der Bundesrepublik, zum universalen Alibi.

Ende der 1990er-Jahre war die Würdigung der Opposition gegen Hitler daher weitgehend Allgemeingut geworden. Als hätte es immer schon zur deutschen Staatsräson gehört, legten Politikerinnen und Politiker Kränze im Bendlerhof ab, hielten Ansprachen und bekannten sich zum „Vermächtnis“ des 20. Juli. Über historische Fakten ging man großzügig hinweg.

„Vom Widerstand führt eine gerade Linie zur Verfassung der Bundesrepublik Deutschland“, behauptete etwa Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) am 20. Juli 1999. In Wirklichkeit gibt es diese Linie nicht: Zwar hatte ein Großteil der Mitglieder des Parlamentarischen Rates dem NS-Regime ablehnend gegenübergestanden, war inhaftiert worden oder ins Exil geflohen; die aktiven Widerstandskämpfer unter ihnen nahmen in den Beratungen 1948 aber keine führenden Rollen ein. Das Narrativ, wonach die Beteiligten des 20. Juli Vordenker der bundesrepublikanischen Ordnung gewesen seien, war inzwischen aber im Mainstream angekommen. Die Vereidigung von gut vierhundert Bundeswehrrekruten auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums – symbolträchtig in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hinrichtungsstelle Stauffenbergs – unterstrich das offizielle Bekenntnis zusätzlich.

Schon bei der Gründung der Bundeswehr 1955 hatte man sich auf den 20. Juli 1944 berufen, obwohl sich die Ressentiments gegen die als „Landesverräter“ und „Eidbrecher“ geltenden Verschwörer unter den Soldaten besonders hartnäckig hielten. Für das Bild nach außen war der Bezug auf den Widerstand aber nützlich, und das Militär zeigte bei den Gedenkfeiern zunehmend Präsenz. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr hat dazu beigetragen, das Gedenken im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Andererseits verstärkte es die Konzentration auf den militärischen Teil der Verschwörung. Mehr denn je erscheint der 20. Juli in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Aktion adliger Offiziere, von denen die meisten aber höchstens noch Stauffenberg beim Namen kennen.

Doch wie wir heute wissen, waren rund 200 Personen an den komplexen Vorbereitungen zum Sturz des NS-Regimes beteiligt, für den das Attentat auf Hitler lediglich die Initialzündung sein sollte. Zum weiteren Netzwerk gehörten mehrere Tausend. Im ganzen Land hielten sich Zivilisten bereit, um nach geglücktem Staatsstreich Posten in Verwaltung und Politik zu übernehmen.

Dass das kaum bekannt ist, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis zahlloser Vereinnahmungsversuche vonseiten der Konservativen und nicht nachvollziehbarer Versäumnisse der SPD: Diese hätte stolz auf ihre Vergangenheit im Widerstand verweisen können und darauf, dass es in ihren Reihen auch nach 1945 viele überlebende NS-Gegnerinnen und -Gegner gab. In der SPD habe man mit der Aufarbeitung der eigenen Widerstandsgeschichte gewartet, „bis alle tot waren“, brachte es Ruth Daft, die Tochter eines sozialdemokratischen Widerstandskämpfers, einmal auf den Punkt.

Ausgerechnet die Konservativen, die sich anfangs jeglicher Würdigung des Widerstands in den Weg gestellt hatten und jahrzehntelang mit der Diskriminierung von Exilanten und Kommunisten auf Wählerfang gingen, betrachten sich bis heute als die geistigen Erben Stauffenbergs. Es seien die Christdemokraten gewesen, behauptete Helmut Kohl schon 1979, die das „moralische und politische Vermächtnis des Widerstandes in die Politik der zweiten deutschen Republik eingebracht hätten“.

Im Gegensatz zur Geringschätzung und Unerbittlichkeit, die im Westen kommunistischen Widerständlern, Deserteuren und den wegen „Wehrkraftzersetzung“ oder „Kriegsverrat“ Verurteilten entgegenschlugen, war man bei den Offizieren des 20. Juli bereit, über vieles hinwegzusehen, was das positive Bild getrübt hätte. Mit der Zeit wurden sie zu makellosen Helden stilisiert und gegen alle Forschungsergebnisse oder kritische Fragen verteidigt.

Die Rezeption des 20. Juli war immer schon vom Wunsch nach Eindeutigkeit geprägt: Für die einen sind ausschließlich Patrioten am Werk gewesen, deren Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist; die anderen halten eine Würdigung für unangemessen, weil die Offiziere der Militäropposition lange selbst begeisterte Nazis gewesen sind. Der Vorwurf, sie hätten erst gehandelt, als die Ausweglosigkeit des Krieges absehbar war, ist oft zu hören. Ebenso wie der, dass der Völkermord an den Juden für sie nicht das entscheidende Tatmotiv war.

Tatsächlich gibt es keine Belege dafür, dass der Holocaust für Stauffenberg der ausschlaggebende Grund für seine Entscheidung gewesen ist. Die meisten Akteure des 20. Juli teilten mit einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Überzeugung, es gebe tatsächlich eine staatlich zu lösende „Judenfrage“, auch wenn sie die Gewalt der Pogromnacht 1938 ablehnten. Der Zirkelschluss, wonach der Holocaust für den Entschluss zum aktiven Widerstand überhaupt keine Rolle gespielt habe, ist jedoch genauso wenig zulässig. In der „Regierungserklärung“, die der als Staatspräsident vorgesehene Ludwig Beck nach geglücktem Putsch im Rundfunk verlesen hätte, werden die Verbrechen unmissverständlich verurteilt.

Vor allem die Generäle entzogen sich ihrer Verantwortung

Im kritischen Urteil der Nachgeborenen bleibt außerdem meist unberücksichtigt, dass gerade die Berufsoffiziere unter den Verschwörern eine Vielzahl innerer Hürden überwinden mussten, bevor sie sich die verbrecherische Natur des NS-Regimes und ihre eigene Verstrickung darin eingestehen konnten. Es ist ihnen gelungen, sich aus den Vorstellungen ihrer Zeit zu lösen, haben es gewagt, sich gegen ihre Landsleute, ihre Vorgesetzten und Kollegen, oft sogar gegen ihre Herkunftsfamilien zu stellen. Und: Sie waren bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen für ein Unternehmen, dessen Erfolgsaussichten verschwindend gering waren. All das verdient auch 80 Jahre danach allen Respekt.

Im Gegensatz zu den meisten Deutschen, die selbst nach 1945 jedes Nachdenken über die eigene Verantwortung ablehnten, hatten Stauffenberg, Henning von Tresckow oder Fritz-Dietlof von der Schulenburg ihre Mitschuld am Aufstieg Hitlers erkannt und sahen sich wohl auch deswegen in der Pflicht, ihn zu beseitigen. In Abwandlung der oft zitierten pastoralen Formel hat der Historiker Stephan Malinowski dafür die Wendung „Aufstand des schlechten Gewissens“ geprägt. Am Ende scheiterte der Putschversuch vor allem daran, dass allzu wenige das schlechte Gewissen plagte und sich insbesondere die Generäle ihrer Verantwortung entzogen.

Überwindung ideologischer Grenzen war das Besondere der Verschwörung

Mittlerweile versuchen sogar Rechte und Ultrarechte, den 20. Juli durch Umdeutung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Zum Teil macht man sich dort nicht einmal mehr die Mühe, die demokratiefeindliche Haltung zu verbergen: Die Identitäre Bewegung sieht sich nach eigenen Angaben „im historischen Erbe eines Claus von Stauffenberg“, weil sie Widerstand gegen das als „Diktatur“ bezeichnete demokratische System leiste.

Die Monumentalisierung und politische Vereinnahmung des 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik hat nicht nur das Ereignis selbst bis zur Unkenntlichkeit geschliffen, sondern mit wenigen Ausnahmen auch alle anderen Formen der Opposition gegen Hitler an den Rand gedrängt. Dabei geriet in Vergessenheit, dass der früheste und entschiedenste Widerstand gegen das NS-Regime von links kam: Es waren Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft, den Reihen der Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten, die sich den Nazis entgegengestellt haben und darum zu ihren ersten Opfern zählten. Nicht Konservative, Adlige oder Militärs.

Das selbstgerechte Narrativ der Konservativen, über alle Brüche, Irrwege und Katastrophen der vergangenen 110 Jahre hinweg stets auf der richtigen Seite gewesen zu sein, hat gesiegt, und die Handvoll mutiger Menschen, die 1944 den Aufstand wagten, musste als Kronzeugen dafür herhalten.

Dabei war gerade das Gegenteil, nämlich die Überwindung ideologischer Grenzen, das Besondere an dieser Verschwörung. In der Zusammenarbeit für ein gemeinsames Ziel gelang es diesen Menschen, aufeinander zuzugehen, obwohl sie politisch, menschlich und sozial vieles trennte. Von Julius Leber ist der Satz überliefert, er würde „auch mit dem Teufel“ paktieren, um das Nazi-Regime zu stürzen. Am Ende verband den roten Arbeiterführer eine enge Freundschaft mit Stauffenberg.

Im Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 kommt darum eine demokratische Qualität zum Ausdruck, die so etwas wie das unausgesprochene Vermächtnis dieser Menschen ist. Es könnte bis heute ein leuchtendes Beispiel sein, wäre es nicht von ungezählten politischen Vereinnahmungsversuchen verschüttet worden: die Bereitschaft zu Toleranz und Kompromiss.

Ruth Hoffmann ist Autorin des Buchs „Das deutsche Alibi“ (400 Seiten, 24 Euro, Goldmann Verlag), das für den Deutschen Sachbuchpreis 2024 nominiert war. Sie ist Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule. 2012 erschien ihr Buch „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“ über die Kinder hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.