Vom Triathlon-Champion zum Pianisten: Rudolf Ullrich aus Dobel tritt beim Internationalen Klavierwettbewerb für Amateure in Paris an. Doch er hat noch viel größere Pläne.
Mit 55 Jahren entdeckte Rudolf Ullrich seine Liebe zur Musik, und zwar nicht zufällig, sondern aus purer Begeisterung für klassische Klavierklänge. Nun möchte er mit 78 Jahren am Internationalen Klavierwettbewerb für Amateure in Paris antreten. Seit 2017 lebt der ehemalige Triathlet mit seiner Frau Waltraud auf dem Dobel und seine Lebensgeschichte zeigt, dass es nie zu spät ist, große Träume zu verwirklichen.
„Ich hatte viele Platten und CDs mit klassischer Musik“, erzählt Ullrich rückblickend und betont: „Irgendwann wollte ich die Stücke, die ich so oft gehört hatte, auch selbst spielen können.“ Kurzerhand kaufte er sich ein Digitalpiano und begann zunächst ohne Lehrer, einfache Werke von Clementi und Mozart einzuüben. „Ich war gezwungen, alles wirklich zu verstehen, also Noten, Harmonielehre, Fingersätze. Ohne Theorie kommt man nicht weit“, so Ullrich.
Sein autodidaktisches Lernen führte ihn 2010 zu einem außergewöhnlichen Lehrer: Tibor Yusti von Arth, einst Schüler des legendären Sergej Rachmaninow. „Er verriet mir viele seiner kleinen Geheimnisse, die er nicht jedem anvertraute“, erinnert sich Ullrich dankbar. Der Unterricht bei dem damals schon betagten Meister prägte sein Spiel nachhaltig.
Rudolf Ullrich hat eine zweite Leidenschaft: den Triathlon
Dann kam eine lange Pause und eine zweite Leidenschaft: der Triathlon. „Ich trainierte sechs Mal die Woche, nahm an über 100 Wettkämpfen teil und wurde 2022 und 2023 sogar Deutscher Meister in meiner Altersklasse“, berichtet er stolz. Erst gesundheitliche Gründe führten 2024 zu einer Zwangspause und öffneten die Tür zurück zur Musik. „Alles war noch im Kopf, die Finger fanden sofort wieder ihren Weg über die Tasten.“
Heute übt Rudolf Ullrich täglich zwei bis drei Stunden. Seine Routine folgt einer klaren Struktur: Warmspielen, Wiederholungen, Analyse, mentale Vorbereitung. Unterstützt wird er dabei von Jeanette Chao, Pianistin und Lehrerin an der Musikschule Tonkultur Karlsruhe. „Sie hat viele gute Ideen, macht Fingersätze und Dynamikvorschläge und hilft mir, meinen Anschlag zu verfeinern“, so Ullrich.
Der 78-Jährige sucht nach einem passenden Flügel
Aktuell sucht er noch nach einem passenden Flügel: „Zu Hause habe ich kein Instrument, das sich mit einem Konzertflügel vergleichen lässt. Das erschwert die Vorbereitung, denn auf der großen Bühne ist der Anschlag ein völlig anderer.“
Für den Wettbewerb in Paris hat sich der 78-Jährige ein anspruchsvolles Programm gewählt: Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 5, Mozarts Alla Turca, Chopins Militärpolonaise und mehrere Etüden, dazu Werke von Khatchaturjan und John Lindsay-Theimer. „Ich spiele alles auswendig. Das ist zwar anstrengend, aber nur so kann ich mich voll auf Ausdruck und Dynamik konzentrieren.“
Erstes öffentliches Konzert im Kurhaus Dobel
Sein erstes öffentliches Konzert absolvierte Ullrich Anfang November im Kurhaus auf dem Dobel. Ein Moment, der ihm in Erinnerung blieb. „Ich hatte Freude am Spielen und nicht nur den Druck, fehlerfrei sein zu müssen. Dass meine Familie im Publikum saß, hat mir Sicherheit gegeben.“
Dass er ausgerechnet in Paris antritt, ist für ihn eine bewusste Entscheidung: „Ich brauche ein Ziel, um mich weiterzuentwickeln. Die Atmosphäre dort ist einzigartig. Es ist ein wunderschöner Saal mit einem Fazioli-Flügel, und Menschen aus aller Welt, die dieselbe Leidenschaft teilen. Für ihn spielt dabei auch das Instrument selbst eine besondere Rolle: „Fazioli lehnt jegliches industrielle Produktionsverfahren ab und verfolgt das Ziel einer kompromisslosen Qualität, ein Anspruch, der seiner eigenen Haltung zur Musik in vielerlei Hinsicht entspricht.“
Beim Klavierwettbewerb: Erlebnis steht im Vordergrund
Ob er das Halbfinale erreicht, ist für ihn zweitrangig. „Das Erlebnis steht im Vordergrund – das Spielen, der Austausch, die Inspiration. Ich weiß, dass nur wenige weiterkommen. Aber allein, dabei zu sein, ist schon ein Gewinn.“
Nach dem Wettbewerb in Paris möchte er weiter auftreten, sein Repertoire erweitern und vielleicht sogar an neuen Musikwettbewerben teilnehmen. Und dann grinst er verschmitzt: „Ich arbeite gerade an einem Geschwindigkeitsrekord für Mozarts Alla Turca. Vielleicht schaffe ich es ja, schneller zu spielen als Lang Lang.“
Für Rudolf Ullrich ist Musik längst mehr als ein Hobby. Sie ist Ausdruck von Lebensfreude, Ausdauer und der Überzeugung, dass Alter kein Hindernis, sondern ein Antrieb sein kann. „Ich möchte Menschen Mut machen, in jedem Alter Neues zu wagen. Wenn man es richtig angeht, ist vieles möglich, oft mehr, als man denkt.“