Der Martinschor mit Leiterin Christina Böhringer (vorn) und die Instrumentalisten nehmen den Schlussapplaus entgegen. Foto: Schwarz

Mit einem beeindruckenden Jubiläumskonzert feierte der Martinschor sein 75-jähriges Bestehen. Die Resonanz war überwältigend – und Pfarrer Timo Stahl würde sich vermutlich häufiger eine so voll besetzte Kirche wünschen.

Mehrere Hundert Besucher waren gekommen, um sich mit dem Martinschor auf eine musikalische Reise zu begeben. Diese führte über unterschiedliche Zeitepochen von der Renaissance bis in die Gegenwart. Entsprechend vielseitig war das Programm, das Chorleiterin Christina Böhringer für diesen besonderen Anlass gewählt hatte.

 

Der Chor mit seinen normalerweise 27 Sängern – einige waren erkrankt – wurde von sechs Projektsängern unterstützt. Für die Begleitung sorgten das Altensteiger Blockflötenensemble mit Christoph Böhringer, Susanne und Tanja Stehle sowie Leiterin Monika Früchtl. Susanne Schuler-Meybier saß an der Orgel, Irmtraud Köstler am Klavier.

Stimmen und Instrumente sorgten für ein Klangerlebnis, das von der ersten bis zur letzten Minute Freude bereitete und das so mancher Zuhörer sogar mit geschlossenen Augen verfolgte, um die Intensität des Erlebten noch zu steigern.

Applaus muss raus

Für den Einzug des festlich-dunkel gekleideten Chors und den Konzertauftakt hatte dieser das andächtige „Laudate omnes gentes“ gewählt, bevor Pfarrer Timo Stahl in seiner Begrüßung an das Gründungsjahr des Chors 1949 erinnerte. Unzählige festliche Ereignisse habe der Chor seither umrahmt und das Lob auf den Herrn angestimmt, so Stahl.

„Wir dürfen uns durch diese Lieder heute Abend den Alltagsstaub von der Seele waschen lassen“, zitierte er einen deutschen Schriftsteller und bat darum, den Klanggenuss nicht durch Applaus zwischen den Stücken zu unterbrechen. Das gelang – zumindest fast.

Das „Best of“-Programm, wie Chorleiterin Christina Böhringer die Auswahl selbst betitelt hatte, wurde mit den unverwechselbar beschwingten Klängen Johann Sebastian Bachs („Freut euch alle“) und der eindrucks- wie anspruchsvoll vertonten Botschaft des Bibelverses „Also hat Gott die Welt geliebt“ (Johannes 3,16) von Melchior Franck fortgesetzt, bei der das hohe Niveau des Chorgesangs besonders deutlich zum Ausdruck kam. Die Herausforderungen des schwierigen Stücks meisterten die Sänger mit dem Dirigat der Chorleiterin hervorragend.

Bezirkskantor Jörg Michael Sander gratulierte. Foto: Schwarz

Giovanni Gabrielis „Canzona per Sonare No.2“, mit scheinbarer Leichtigkeit vom vierköpfigen Flötenensemble interpretiert, gönnte ihnen im Anschluss die verdiente kurze Pause. In seiner Lesung widmete sich Pfarrer Stahl ebenfalls mit wenigen eindrucksvollen Worten dem Thema Gesang. Das bekannte und eingängige „Du meine Seele singe“ von Johann Ebeling bot danach auch der Kirchengemeinde die Gelegenheit zum Mitsingen.

Fetzig-swingende Töne hielten durch das moderne „Jubilate“ von Johannes M. Michel Einzug in das Programm – auf instrumentale Begleitung wurde verzichtet. Beim anschließenden Concerto C-Dur von Johann Schickhardt war es wiederum das Flötenensemble, das brillierte. Dessen wunderbar gespielter „Frühling“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ führte schließlich dazu, dass die Bitte des Pfarrers, erst am Ende zu klatschen, kurzzeitig in Vergessenheit geriet.

Der beeindruckende Applaus des Publikums wurde am Ende aber auch dem Chor zuteil, der dafür mit Rodney Manbricks „Gott mag segnen“ als Zugabe dankte.

Häppchen im Fruchtkasten

Zuvor wurde der musikalische Streifzug durch die Jahrhunderte um zahlreiche weitere Liedvorträge – vom „Kyrie eleison“ über „Schau auf die Welt“ und „The Lord is my Shepherd“ bis zum „Laudate Dominum“ – ergänzt.

Im Fruchtkasten bot sich bei Häppchen und Getränken anschließend die Gelegenheit, den Klang des Konzerts noch ein wenig nachwirken zu lassen. Zahlreiche Besucher nahmen diese gerne wahr.

Der Gesang macht den Unterschied

Ehrung
Die formale Ehrung zum Jubiläum übernahm Bezirkskantor Jörg Michael Sander, der an aktuell zahlreiche Chorgründungen landauf und landab erinnerte. „Sie sehen also, das Singen lässt die Menschen nicht los, und das macht mir Hoffnung“, sagte der Vollblutmusiker. Sander erinnerte auch an ein weiteres Jubiläum, nämlich das seit 500 Jahren existierende evangelische Gesangbuch. Singen sei das, was Menschen von anderen Lebewesen unterscheide und sie in die Lage versetze, Gott mit diesem Gesang zu loben. „Danke, dass sie das Lob Gottes weitertragen und danke für ihren unermüdlichen treuen Einsatz“, sagt er zum Martinschor und Leiterin Christina Böhringer. Ihnen widmete er den von ihm selbst angestimmten Kanon „Dass Erde und Himmel dir blühen“, als er die Urkunde überreichte.