Der Diktatur entronnen, entwickelte sich die junge westdeutsche Demokratie zu einem Gegenbild zum NS-Staat wie auch zum DDR-Regime. Dass dies glücken würde, war anfangs fraglich. Es gelang. Doch kein Erfolg ist von Dauer.
Dass sich Deutschland zu einer „geglückten Demokratie“ entwickeln würde, wie der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum noch im Jahr 2006 urteilte, musste nach dem Inferno des Zweiten Weltkrieges als gänzlich ungewiss gelten. „Das Aufregende an der Geschichte der Bundesrepublik ist“, befand Wolfrum, „dass die Katastrophe ausblieb und dass dieser Staat zu einer der stabilsten und angesehensten westlichen Demokratien geworden ist.“ Dieser Satz wurde geschrieben im schaudernden Gedenken an das Scheitern der Weimarer Republik, die ebenfalls nach einer Kriegsniederlage entstanden war. Aus ihr erhob sich die „charismatische Herrschaft“ Adolf Hitlers, dem die Deutschen zujubelten wie einem Heiland – und der sie in einen neuen Weltkrieg und zu einem nie dagewesenen Menschheitsverbrechen führen sollte. Noch 1955, zehn Jahre nach dem militärischen, politischen und moralischen Offenbarungseid, hielten 48 Prozent der Menschen in der US-Zone Hitler für den größten deutschen Staatsmann.
Dennoch hat sich die Bundesrepublik in den folgenden Jahrzehnten in ihrem Selbstverständnis zum Gegenbild zum NS-Staat entwickelt. Zu ihren Kernmerkmalen zählt Wolfrum eine durchdringende Liberalisierung und Zivilisierung der Gesellschaft. Dazu kommt die „Wester nisierung“, in deren Verlauf Deutschland Abschied nahm von der arroganten Selbstzuschreibung, eine eigene, überlegene Entität zwischen vermeintlich östlicher-formloser Tiefe und westlicher-formsicherer Oberflächlichkeit zu bilden. Der junge Thomas Mann unterschied noch zwischen einer windigen westlichen Zivilisation und einer inniglich tiefen deutschen Kultur. Dann kam Auschwitz. Dass sich die Bundesrepublik schneller als andere Gesellschaften postnational und europäisch definierte, hat wiederum damit zu tun, dass sich die Deutschen zuvor selbst zum Paria der Weltgemeinschaft gemacht hatten.
Neuerdings bekommt das Bild vom besseren Deutschland allerdings Risse. Eine Partei, deren Ehrenvorsitzender Alexander Gauland das deutsche Menschheitsverbrechen an Juden, Polen, Russen und anderen Europäern als „Vogelschiss“ der Geschichte begreift, hat sich in Ostdeutschland zur stärksten politischen Kraft entwickelt. Der bekannteste AfD-Politiker, ein in Thüringen ansässiger hessischer Oberstudienrat namens Björn Höcke, bedient sich unverhohlen rassistischer nationalsozialistischer Denkfiguren – bis hin zu Adaptionen der Rhetorik des SS-Oberverbrechers Heinrich Himmler. Den Anhängern der AfD ist das laut Umfragen egal. Taucht das Gespenst von Weimar wieder auf?
Zunächst ein Blick auf die frühe Bundesrepublik. Zwölf Jahre NS-Diktatur, davon sechs Jahre Krieg, hatten nicht nur das Land zu beträchtlichen Teilen zerstört, sondern auch die Gehirne vernagelt und die Seelen verhärtet. Doch immerhin gelang den Alliierten, so das Urteil des Historikers Hans-Ulrich Wehler, „zwischen 1945 und 1949 die effektive Neutralisierung der NS-Eliten“. Das berühmteste Beispiel ist der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, dem weitere Verfahren folgten, etwa der Wilhelmstraßenprozess gegen hohe Beamte der Reichsregierung. In den Westzonen fanden sich nach Kriegsende rund 200 000 belastete Personen für ein paar Wochen oder wenige Jahre in Internierungslagern wieder. Die Beamtenschaft hatte sich in ihrer Breite den Nazis willig hingegeben. In der Folge wurden Zehntausende von ihnen entlassen.
Das Reinemachen währte nicht lang. Die Entnazifizierung brachte Ungerechtigkeiten mit sich, die die Deutschen gerne dazu hernahmen, sich selbst als Opfer darzustellen. Mit Gründung der Bundesrepublik erfolgte das große Rollback. Viele wichtige Figuren der NS-Diktatur, die zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren, erlangten vorzeitig die Freiheit. Ein Beispiel: Hans Heinrich Lammers, während der NS-Zeit Chef von Hitlers Reichskanzlei und hohe SS-Charge, war im Wilhelmstraßenprozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Bereits 1951 kam er frei.
Mit dem „131er-Gesetz“ von 1951 erhielten auch Nazi-Beamte wieder Sold und Pension. Selbst die Mörder aus den Konzentrationslagern und die Beteiligten der Massenhinrichtungen im Osten fanden erneut Verwendung – auch bei den Sicherheitsorganen der jungen Republik. Hans-Ulrich Wehler schreibt, von den 300 000 aktiven Tätern des Judenmords seien keine 500 verurteilt worden. „Die Mörder sind unter uns“, lautet der Titel des ersten deutschen Nachkriegsfilms aus dem Jahr 1945.
Schlussstrichmentalität breitete sich aus. Vom „Wir wollen die Dinge ruhen lassen“ bis „Ich kann das nicht mehr hören“ war es nicht weit. In dieser Atmosphäre konnte Konrad Adenauer auch seinen Adlatus Hans Globke als Chef des Bonner Kanzleramts halten, den maßgeblichen Kommentator der Nürnberger Rassengesetze. Im neuen Staat gaben nicht die Gegner und Opfer der NS-Diktatur den Ton an, sondern die große Mehrheit, die den NS-Staat getragen hatte. Sogar die SPD machte mit. Deren Chef Kurt Schumacher, ein vom KZ schwer gezeichneter Mann, setze sich dafür ein, die Männer der Waffen-SS wieder in die Gesellschaft einzugliedern, sofern sie keine Verbrechen begangen hatten. Gerechtfertigt wurde dies mit dem Gedanken, die Betroffenen vor dem Zurückgleiten in den Rechtsextremismus zu bewahren. Der Historiker Dominik Rigoll vom Leibniz-Institut für Zeithistorische Forschung in Potsdam schreibt: Anstatt die alten Beamten mit unangenehmen Fragen nach ihrem Karriereverlauf im Dritten Reich in die Hände der Rechtsextremisten zu treiben, sollten sie lieber mit Bezügen und Pensionen ruhiggestellt werden.“
Restenergien der NS-Ideologie ließen sich ostwärts lenken auf den Kampf gegen die bolschewistische Gefahr. Mit dem Antikommunismus als ideologischer Grundlage konnte die Union bis weit ins rechte Spektrum hinein integrierend wirken und Stimmen auf sich ziehen. Das Thema trug über Jahrzehnte und wurde nach der Vereinigung von der Union mit der „Rote-Socken-Kampagne“ reaktiviert. In der frühen Bundesrepublik nahmen die Alliierten indes eine Garantenstellung für den Erhalt der Demokratie ein. Mit dem schnell einsetzenden Wirtschaftswachstum erhielt das Bonner Provisorium seine eigentliche Legitimität. Die Demokratie reüssierte, weil die Ökonomie florierte. Die Weimarer Republik hingegen hatte der Weltwirtschaftskrise den Weg ins Verderben geöffnet. Der Konnex zwischen florierender Wirtschaft und funktionierender Demokratie ist deutlich.
Wie verhielt es sich im Osten? Die Sowjets und ihre ostdeutschen Paladine gingen rigoros nicht nur gegen Alt-Nazis vor, sondern auch gegen jene, die wenig davon angetan waren, vom Regen in die Traufe, also von Nazi-Totalitarismus in die bolschewistischen Parteidiktatur zu wechseln. Ehemalige NS-Konzentrationslager wie Buchenwald füllten sich schnell wieder. Mit der sozialistischen Transformation – sprich: Enteignung, Verstaatlichung und Kollektivierung – schien der Faschismus vernichtet. Diese Einschätzung wurzelte in der kommunistischen Logik, die den Faschismus monokausal als radikalisierten Kapitalismus deutete. Wo es keine autoritären Industriebarone mehr gab, keine adligen Grundbesitzer und keine Besitzbürger, fehlte dem Faschismus angeblich der Nährboden.
Die Bundesrepublik betrat mit dem Auschwitzprozess (1963) einen langen Weg der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. In der DDR aber konnte per definitionem niemand faschistisch denken oder gar ein Faschist sein. Es gab allenfalls Klassenfeinde. Diese ideologische Selbstreinwaschung wirkt bis heute nach. Wer Politiker wie Höcke wähle, möge ein besorgter Bürger sein, aber kein Faschist. Als problematisch erwies sich auch das Gebaren der Ministerpräsidenten im Ostdeutschland der Nachwendezeit: Ob nun Manfred Stolpe (SPD) in Brandenburg oder Kurt Biedenkopf (CDU) in Sachsen – das im Osten grassierende Springerstiefel-Nazitum wurde konsequent heruntergespielt und normalisiert. Die Sachsen seien immun gegen Rechtsextremismus, befand Biedenkopf.
In der aktuellen Situation kann man die Frage aufwerfen, ob die Skeptiker der deutschen Einheit vielleicht doch recht hatten. War die Vereinigung gar nicht der krönende Abschluss einer Politik, welche die Einheit erreichte, ohne auf die Westbindung zu verzichten? Gelingt es der Ex-DDR doch noch, die Bundesrepublik mit dem autoritären Virus zu vergiften? Dagegen lässt sich einwenden: Im alten Westen regen sich ebenfalls autoritäre Sehnsüchte. Dazu kommt: Die Gründe für die Schwäche der Demokratie in unserer Zeit sind nicht spezifisch deutsch, sie sind globaler Natur.
Allerdings versuchen antidemokratische Akteure, wie sie die AfD prägen, deutsche Kontinuitäten wiederzubeleben und zu normalisieren: Durchs Land wabern wieder Erzählungen von ethnischer Reinheit und nationaler Identität, die auf Blut beruht. Es wird geraunt vom wahren Volkswillen und gewispert über verschwörerische Mächte. Doch die Mehrheit ist das nicht in Deutschland. So einfach lassen sich 75 Jahre Demokratie nicht wegwischen. Doch sollten Staat und Parteien jene stützen, die dem Rechtsruck entgegentreten.