Ernst Konarek hat mit „71023“ im Stuttgarter Theaterhaus ein aufwühlendes Sprechstück über den Gaza-Konflikt geschaffen.
Dunkelheit im Theatersaal. Darin Stimmen. Die Mutter spricht über das Telefon. Die Kinder haben sich versteckt. „Wo ist Papa?“, fragt die Mutter. „Er liegt tot auf dem Boden“, antwortet die Tochter. „Ich hab Angst zu sterben.“ – „Sprich nicht. Ich bin immer bei dir“, sagt die Mutter.
Ernst Konarek, Schauspieler, Autor, Regisseur, entdeckte die Abschrift dieses Telefongesprächs im „Zeit Magazin“: Ein Dokument aus der Hölle. Es ist der 7. Oktober 2023. Terroristen der Hamas ziehen durch den israelischen Kibbuz-Gürtel. „71023“ ist der Titel des Lesedramas, das Konarek nun im Theaterhaus auf die Bühne gebracht hat: ein Stück, das sein Publikum verbal mit Szenen unvorstellbarer Gewalt konfrontiert.
Vier Schauspieler schildern, was am 7. Oktober 2023 geschah
Lange dauert die erste, dunkle Szene mit den Stimmen von Lily Anne Beck, Julia Jaschke, Emilia Reyser. Sie endet schlagartig, als vier Stühle mit blechernem Knall auf die nun erleuchtete Bühne fallen. Vier Schauspieler treten auf, setzen sich, treten vor, als Sprecher. Moritz Brendel, Katja Schmidt-Oehm, Ufuk Oehlerking, Larissa Ivleva sprechen, mit großer Emotionalität, schildern unerbittlich, genau, schockierend, was geschah am 7. Oktober 2023, in den israelischen Siedlungen, auf dem Nova-Festival in der Wüste vor dem Gaza-Streifen. Man hört knappe Kommentare, die die Situation umreißen, Zitate Überlebender. Man hört von verletzten Kindern, von Menschen, die misshandelt, enthauptet werden, von Massenvergewaltigungen, von jubelnden Mördern.
Das Stück jedoch bleibt nicht stehen bei der Schilderung der Gräuel, die durch die Hamas verübt wurden. Es erzählt konsequent weiter, vom Krieg Israels in Gaza. Karim Othman Hassan, der Musiker, der eben noch mit der Klarinette über die Bühne ging, spielt nun die Oud, die arabische Kurzhalslaute, mit singendem, trockenem Klang, während die Stimmen von den Verwüstungen, der Gewalt, dem Zynismus der anderen Seite erzählen, von den humanitären Missständen, von fehlenden Nahrungsmitteln, Wasser, medizinischer Versorgung. Von Soldaten, die auf Kinder schießen.
Wie kam das Stück zustande?
„Gaza war das größte Freiluftgefängnis der Welt“, sagt eine Stimme. „Jetzt ist es der größte offene Friedhof der Welt.“ – „Und nun soll, nach dem Willen von zwei Kriminellen, von Netanjahu und seinem Patron Trump, auf den mit Palästinenserblut getränkten Stränden Gazas eine Riviera des nahen Ostens entstehen.“
Nach der Premiere sucht Ernst Konarek das Gespräch mit dem Publikum. An seiner Seite Jörg Armbruster, früherer Korrespondent der ARD im Mittleren und Nahen Osten. Konareks ursprüngliche Absicht war es, das Telefongespräch zwischen Kindern und Mutter als Hörspiel zu dramatisieren. Werner Schretzmeier, Leiter des Theaterhauses, schlug ihm vor, einen weiteren Text zu integrieren, eine Sammlung aus Interviews mit Geiseln und Überlebenden. Mit dem Autor dieses Textes jedoch überwarf sich Ernst Konarek: „Die Ereignisse hatten uns überholt“, sagt er. „Ich war der Meinung, dass man nicht vorbeigehen sollte an den Geschehnissen in Gaza, dass wir auch darüber etwas schreiben sollten.“ Der Autor jedoch verweigerte sich dem strikt.
Konarek und Schretzmeier verzichteten schließlich auf die Verwendung seines Textes; Ernst Konarek begann, unterstützt durch Jörg Armbruster, mit eigenen Recherchen. Gudrun Schretzmeier gestaltete die Kostüme für sein Stück, David Fitzgerald die Bühne.
Und Ernst Konarek brachte poetische Texte ein in die Collage des Grauens, Gedichte von Mahmut Darwisch beispielsweise. Sie konterkarieren das Entsetzen mit Erinnerungen an die Schönheit des Landes und die Sehnsucht seiner Bewohner nach Frieden.
Wie vergeblich diese scheint, wie ausweglos die Situation in Gaza – das ist der niederschmetternde Eindruck, den dieser Abend hinterlässt und der auch auf der Publikumsdiskussion lastet. Als ein Requiem – „Für alle Toten, ohne Ausnahme, aller Kriege, die momentan in der Welt sind“ –, möchte Ernst Konarek sein Stück verstanden wissen. Ein Kinderdrachen flattert als ein Zeichen einer Hoffnung, die nicht weichen will, über den Sprechern im Dunkel der Bühne.
Weitere Aufführung
Vorstellungstermin
„71023“ ist im Theaterhaus wieder am 2. Mai, 20.30 Uhr, zu sehen.