In Rottweil bewegt sich viel: Der OB hat mittlerweile „immer einen Spaten im Kofferraum“ – und sorgt beim Bürgerempfang auch selbst für eine Premiere. Wir waren dabei.
Es wuselt in der Stadthalle an diesem Sonntagabend, bekannte und weniger bekannte Köpfe füllen nach und nach die Stuhlreihen, die Stadtkapelle macht sich für eine besondere Premiere bereit – und der Oberbürgermeister sorgt am Eingang beim fleißigen Händeschütteln gleich selbst für eine. Erstmals begrüßt Christian Ruf die Gäste mit Partnerin Diana Agozzino an seiner Seite.
Und er hat ein umfassendes Redemanuskript dabei – obwohl er das oft gar nicht braucht. Doch an diesem Abend wartet eine große Aufgabe: Es gilt, all das einzuordnen, was die Stadt und ihre Bürger bewegt und Mut zu machen für das, was noch kommt.
Ein klarer Appell
Es ist denn auch ein klarer Appell, den Oberbürgermeister Christian Ruf gleich zu Beginn an die rund 700 Bürger in der Stadthalle richtet: Ein Appell, die Gemeinschaft in den Fokus zu rücken, an einem Strang zu ziehen, um für die Stadt und die Menschen die hoch gesteckten Ziele zu erreichen und die großen Herausforderungen zu meistern. „Unsere Stadt lebt von Menschen wie Ihnen, die füreinander da sind. Die anpacken, wenn Hilfe gebraucht wird. Gerade in bewegten Zeiten spüren wir das“, so Ruf.
Und er hatte – nach einem schwungvollen Beginn durch die Stadtkapelle – viele aufmerksame Zuhörer, darunter Rufs Vorgänger und Bürgermeisterkollegen aus dem Umland, Landrat, Stadträte und Verwaltungsmitarbeiter, Abgeordnete, Vertreter der Kirche, Industrie, Banken, Schulen, der Polizei und Justiz.
Tatkraft und Verantwortung
Mit der Botschaft „Gemeinsam. Erfolgreich. Gestalten.“ wolle er mit allen gemeinsam in das neue Jahr starten, so der OB. Jeder einzelne sei Teil eines größeren Ganzen. Und Erfolg zeigt sich nicht nur in Zahlen oder Auszeichnungen, sondern auch darin, dass Vorhaben gelingen. Dass Menschen an einem Strang ziehen und Gemeinschaft wächst.
Gestalten bedeute, aktiv zu werden, nicht in Passivität zu verharren und die Zukunft in die Hand zu nehmen, so der Oberbürgermeister. Gestalten heiße, nicht nur zuzuschauen, sondern mit Ideen, Tatkraft und Verantwortung Veränderungen herbeizuführen.
Neuausrichtung in Deutschland
Dass hierfür die Rahmenbedingungen nicht gerade optimal sind, lässt Ruf freilich nicht aus. Mit Blick auf die Finanzen der Kommunen, die trotz aller Anstrengungen mehr und mehr in Schieflage geraten, fordert der Oberbürgermeister eine „ganzheitliche Neuausrichtung in Deutschland“. Politische Ziele und Zusagen müssten sich an den Realitäten und den verfügbaren finanziellen und personellen Ressourcen orientieren.
Noch ist das ganz anders: Ruf schildert eindringlich, dass Städte und Kommunen – so auch Rottweil – einen Löwenanteil der Daseinsvorsorge tragen und soziale Infrastruktur sichern. Von Schulen und Kindergärten über Straßenunterhaltung, Wasserversorgung bis zu Freizeiteinrichtungen. Mit dem Sparpaket, das viele schmerzhafte Einschnitte bringt, habe der Gemeinderat seine Aufgabe „in großer Verantwortung wahrgenommen“.
Ein finanzieller Hauptgewinn
Gleichzeitig, so Ruf, sei die Landesgartenschau mit all ihren positiven Effekten und Zuschüssen ein „finanzieller Hauptgewinn“ für Rottweil.
Mit Blick auf die laufenden und anstehenden Projekte nennt der OB den Umbau des Friedrichsplatzes als nächste großer Herausforderung. Und er nutzt die Gelegenheit, um klarzustellen: Man habe das neue Parkhaus nicht nur wegen der Landesgartenschau gebaut, damit dort die Besucher parken können. Aber man habe es überhaupt nur wegen der Landesgartenschau realisieren können.
Landesgartenschau wie ein Turbo
An einer ganzen Reihe von Beispielen macht Ruf deutlich, dass die Landesgartenschau 2028 „weitaus mehr sein wird, als ein sechs Monate dauerndes Event“. Die LGS wirke auch „wie ein Turbo im privaten und privatwirtschaftlichen Bereich“, ist er überzeugt.
Ruf macht keinen Hehl daraus, dass alle Baumaßnahmen, die zurzeit in der historischen Innenstadt erfolgen, „eine erhebliche Belastung darstellen“. Aber er gibt die einprägsame Parole aus: „Baustelle vergeht – Fortschritt besteht“, was für anerkennendes Raunen im Saal sorgt. Er appellierte an die Bürger, gemeinsam den beschwerlichen Weg zu gehen und sich auf eine wesentlich attraktivere Innenstadt zu freuen, die Einheimische und Gäste begeistern wird.
Der OB streift die vielen Baustellen und Projektstarts des vergangenen Jahres um die rege Bautätigkeit in der Stadt dann so zusammenzufassen: „Auch wenn ich heute Abend mit Anzug und Krawatte vor Ihnen stehe, seien Sie versichert: Im Kofferraum meines Autos liegt immer ein Spaten mit Helm parat.“ Die Lacher sind ihm damit sicher. Ruf sagt klar: „Wir können eine starke Bilanz vorweisen“ – und nennt unter anderem den Rewe mit Kindergarten, das neue Baugebiet Hegneberg Nord, den Bau der JVA – da sind Bauverzögerungen zu erwarten – das Parkhaus und – nächstes Raunen im Publikum – die Parkgebühren, die mit millionenschweren Investitionen einhergehen.
Viele, viele Bauprojekte und die Hängebrücke
Und es geht munter weiter in Rottweil: das Moker-Areal wird neu gestaltet, das Breucha-Areal neu bebaut, das Landratsamt gebaut, der Bau der Campus-Sporthalle am AMG steht bevor – und dann ist da ja noch das „Jahrhundertprojekt“, wie Ruf es nennt. Die neue Hängebrücke entsteht, Ende April ist Einweihung und aus diesem Anlass, so verrät Ruf, wird in Rottweil 2026 das „Jahr der Brücken“ gefeiert.
Die Aufzählung aller laufenden Brückenprojekte führt zu Rufs erheiternder Schlussfolgerung, dass es „sieben Brücken sind, über die wir irgendwann gehen werden“. Herausragend und ein regelrechter „Herzschrittmacher“ für die Stadt wird aber die Hängebrücke „Neckarline“ sein, versichert Ruf, der durchblicken lässt, dass es bis zu 150 000 Besucher sein könnten, die jährlich angezogen werden.
Elementar: Neubau des Aquasols
Als weiteres elementares Projekt für die Stadt nennt der OB den Neubau des Aquasols als „Kombibad“. Man will wichtige Fördertöpfe dafür anzapfen – die Frist dafür endet am 31. Januar. Es pressiert also, wie gerade überall in Rottweil. Es gelte nun, so Ruf, die Herausforderungen als Chance zu begreifen und mutig nach vorne zu blicken. „Jeder Beitrag zählt, und jeder der sich einbringt, macht den Unterschied.
Die Musiker der Stadtkapelle nehmen ihn beim Wort und sorgen dann für die zweite Premiere des Abends: die Uraufführung des neuen „Landesgartenschau-Marschs“. Viel Applaus ist der Lohn, der Narrenmarsch als Zugabe darf dann aber doch nicht fehlen.