Mitten im Grünen liegt das Werk 1 des Motorsägenherstellers Stihl. Foto: dpa/Marijan Murat

In vielen wirtschaftlichen Kategorien sticht die Wirtschaft Baden-Württembergs heraus. Außer bei den Startup-Gründungen. Ändert sich das jetzt?

Die Szenerie steht beispielhaft für die Wirtschaft in Baden-Württemberg. Etwas versteckt liegt der Sitz des Motorsägenherstellers Stihl im malerischen Remstal im Waiblinger Stadtteil Neustadt. Das Werktor umrahmt frisches Frühlingsgrün. „Eine Besonderheit von Baden-Württemberg ist, dass sich die Weltmarktführer nicht nur in den Metropolen finden, sondern überall. Auch in kleinen Gemeinden“, sagt Nikolas Stihl, der Enkel des Firmengründers Andreas Stihl. Viele seien sehr prägend für ihr näheres Umfeld.

 

Das ist weit untertrieben: Es sind Firmen wie Stihl, starke Mittelständler in Familienhand, die das Land zu dem gemacht haben, was es heute ist. Der Südwesten hat das zweithöchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unter den deutschen Flächenländern nach Bayern, es belegt Platz eins auf dem Innovationsindex im Vergleich der europäischen Regionen und ist der Exportprimus unter den Bundesländern.

Die weltweite Aufstellung sei ein Schlüssel des Erfolgs hiesiger Firmen, sagt Stihl. Deutschland sei als Standort einfach teuer. „Unsere deutschen Arbeitsplätze existieren, weil wir uns weltweit aufgestellt haben.“ Die Firma habe in den 1970er Jahren noch zwei Konkurrenten gehabt. Dann entschlossen sich sein Vater und dessen Schwester, die damals die Firma leiteten, weltweit zu expandieren. „Diejenigen, die sich nur national aufgestellt haben, existieren heute nicht mehr.“

Durchmischung und Unternehmergeist

Reinhold Würth, der den elterlichen Schraubenhandel zum Weltkonzern aufbaute, sieht noch etwas anderes: Die gesunde Durchmischung des Wirtschaftsstandorts, sagt er, mit hochrationell arbeitenden Betrieben und Spitzenuniversitäten verflechte die Gesamtwirtschaft vom Ackerbau bis hin zur Konstruktion von Teilkomponenten für eine Marssiedlung. „Man kann fast sagen: In Baden-Württemberg gibt es nichts, was es nicht gibt, was fehlt.“

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Hinzu kommt der Erfindergeist – darin sind sich Würth und Stihl einig: „Wir und viele andere Unternehmen in Baden-Württemberg sind Innovationstreiber und wollen das auch bleiben“, sagt Stihl. Das komme aus einer Geisteshaltung, die schon immer da gewesen sei und noch vorherrscht: Gerade Familienunternehmen wie Stihl, aber auch Festo oder Trumpf zeichne aus, dass sie Ideen mit langem Atem entwickeln. Durchbruchsinnovationen kämen nicht sehr oft von börsennotierten Aktiengesellschaften, und fast nie von Gesellschaften, die sich dem Shareholder-Value verschrieben haben.

Neidischer Blick nach Berlin

Doch hat das Land genug Gründer, um das auch in Zukunft zu erhalten? Gibt es eine nächste Generation von Firmen, die den Erfolg weiterführt? In der Politik schaut man immer wieder neidisch auf die Rankings, die Berlin als Start-up-Mekka aufführen. Stihl winkt ab: „Wir müssen nicht versuchen, Berlin zu kopieren“, sagt er. „Das, was wir haben, gibt es in Berlin überhaupt nicht.“

Auch Daniel Nikola, Mitgründer des Bruchsaler Start-up-Unternehmens Bauta, kann den Neid nicht nachvollziehen. Der Südwesten biete Gründern alles, was sie brauchen, findet er. Im Südwesten habe man für die Entwicklung von Anfang an geradezu ideale Bedingungen vorgefunden. Bauta hat eine Technologie entwickelt, die menschliches Verhalten im öffentlichen Raum mithilfe von Kameras und Künstlicher Intelligenz auswertet, ohne den Datenschutz zu verletzen. Über das baden-württembergische Pre-Seed-Programm für Unternehmen, die noch ganz am Anfang stehen, habe man sehr früh Förderung erhalten. Noch wichtiger als das Geld sei aber die Möglichkeit, das Geschäftsmodell zu entwickeln und auf die Probe zu stellen. Hierfür seien die vielen Inkubatoren im Südwesten hervorragend geeignet. Auf diesen Kontaktmessen prüfen potenzielle Partner das Geschäftsmodell auf Herz und Nieren.

Große Financiers fehlen

Start-ups, die schon etwas weiter sind, sehen vor allem das Finanzierungsthema etwas kritischer. Bernhard Wieland hat sich mit einem Ex-Kollegen 2019 selbstständig gemacht und eine Industrie-4.0-Technologie entworfen, mit der sich Maschinen ohne weitere Voraussetzungen digital aufrüsten lassen. Ein externer Sensor hört und fühlt mit. Künstliche Intelligenz erlernt anhand der gesammelten Daten Produktionsprozesse und erkennt Normabweichungen.

Wieland und sein Mitgründer haben das erste Jahr ihrer Firma Phinc über ein Gründerstipendium finanziert. Dann stieg sein Partner aus familiären Gründen aus. Wieland setzt nun auf langsames Wachstum mithilfe der vier bestehenden Kunden – nicht ganz freiwillig: „Es fehlt an Finanzierungsmöglichkeiten für Firmen, die über die Pre-Seed-Phase hinaus sind“, sagt er und spricht aus, was man immer wieder von Start-ups hört. Phinc war für Business Angels schon zu weit. „300 000 bis 500 000 Euro sind für viele Business Angels zu viel, für Venture Capital aber zu wenig.“ Allein wegen der Kooperationen mit dem bestehenden Mittelstand im Südwesten wäre auch für ihn Berlin keine Alternative. „Die Start-ups hier in Baden-Württemberg sind industrieller geprägt als in Berlin.“

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Selbst Firmen, die schon etwas weiter sind, wie der Drohnen-Entwickler Volocopter, kennen das Problem des fehlenden Gelds für mehr Wachstum. Bei mehreren Hundert Millionen Euro werde die Luft dünn, sagt Firmenchef Florian Reuter. Das Bruchsaler Start-up habe sich deshalb in den letzten Finanzierungsrunden international Investoren gesucht. Dennoch sei der Standort Baden-Württemberg einzigartig.

„Was Technologien und Fachkräfte angeht, macht uns keine Region etwas vor“, sagt Reuter. „Deutsche Ingenieurskunst und die Zuverlässigkeit deutscher Behörden etwa bei Zulassungen genießen immer noch einen Vertrauensvorschuss weltweit.“ Volocopter habe sich bewusst entschieden hierzubleiben. „Unser Vorbild ist SAP.“ Wie der Weltkonzern im benachbarten Walldorf beschäftigt Volocopter Menschen vieler Nationen.

Die Probleme blieben die alten

Bei aller Leidenschaft für den Standort sehen alte und neue Unternehmer auch die Probleme: Schwache Infrastruktur von Straßen bis Internetleitungen oder der Fachkräftemangel beschäftigen nicht nur Stihl, sondern machen selbst jungen Start-ups wie Phinc zu schaffen. Gut bezahlte Jobs bei großen Firmen halten die raren Fachkräfte nicht nur vom Gründen ab, sondern auch davon, bei kleinen Start-ups einen Job anzunehmen. Phinc-Gründer Wieland sieht hier ein Manko in der Ausbildung. Zwar werde an Universitäten inzwischen Unternehmertum gelehrt, sagt er, aber es fehle das Mindset, also das Bewusstsein dafür, dass eine Unternehmensgründung überhaupt infrage komme.

Nikolas Stihl sieht noch ein Problem: „Wenn wir dann den Gründer Müller ins Eck stellen und ihm vorwerfen: ‚Du bist ein Versager‘, ist das der falsche Weg. Wir müssen vielmehr sagen, ‚Gründer Müller: Danke, dass du ins Risiko gegangen bist. Hast du nicht noch eine tolle Idee?‘“ Auch sein Großvater erreichte nicht mit der ersten Geschäftsidee den Durchbruch. Die Motorsägen kamen erst später.

Die Krise als Chance?

Und die Zukunft? Stihl sieht nach Jahrzehnten des Wachstums eine Gefahr: „Heute hat man das Gefühl einer gewissen Saturiertheit, die Leute wollen verteidigen, was sie haben. Dabei übersehen sie, dass nichts so bleibt, wie es ist. Wer glaubt, er könne den jetzigen Zustand einfrieren, sorgt dafür, dass das Land seine Zukunft verpasst.“ Ausgerechnet in der aktuellen Weltlage sieht er Chancen: „Es liegt mit Sicherheit ein Aufbruch vor uns. Die Krise ist eine Chance für die Fähigen.“

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Reinhold Würth hingegen ist unsicher: „Gerade in der momentan so unübersichtlichen Gemengelage der Weltpolitik kann im günstigen Fall ein wunderbar blühendes Baden-Württemberg mit 3-Tage-Woche und Unmengen von bezahlter Freizeit dastehen.“ Man wisse aber nicht, ob die Nato in den Ukraine-Konflikt hineingezogen und Stuttgart oder Künzelsau Kriegsgebiet werde, sagt er: „Welch furchtbarer Gedanke!“ Er wünscht es sich anders: „Hoffen wir gemeinsam, dass 2042 ein Baden-Württemberg vorfindet, wo die Künstliche Intelligenz in all ihren Spielarten das Sozialprodukt herstellt und unsere Urenkel zufrieden ihren Neigungen und Hobbys nachgehen können.“