Ihr erstes Deutsch war schwäbisch: Lena Gorelik Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth/Lichtgut/Achim Zweygarth

Lena Gorelik zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Als 11-Jährige emigrierte sie mit ihrer Familie von St. Petersburg nach Ludwigsburg. In ihrem Gastbeitrag erinnert sie sich zurück.

Vor den Weinbergen kommt die Ordnung, sie überholt die Weinberge, drängt sich an ihnen vorbei. Obwohl ich mich innerlich wehre, es ist mir wichtig, dass die Weinberge an erster Stelle kommen. Weil mit den Weinbergen alles begann, mein Leben in Baden-Württemberg, das neue Leben an sich, weil vor der Zäsur die Sehnsucht in den Weinbergen stand, und nach der Zäsur folgte das Umblicken im Ländle: Wo sind sie, diese Weinberge, von denen mein Vater sich so viel versprach, was eigentlich, Natur, Ruhe, Muße, ein besseres Leben, Wein, obwohl meine Eltern selten Alkohol trinken.

 

Sowjetunion, 1992, wir reisen nach Deutschland aus, dürfen im Ausreiseantrag ein Wunsch-Bundesland angeben, haben keinerlei Informationen über die verschiedenen Bundesländer, kennen nur Berlin, DDR, Westen. Internet gab es noch nicht, auch keine Buchläden, in denen man Reiseführer über den Westen gefunden hätte, zum Glück ist mein Vater pragmatisch. „Hol Deinen Schulatlas“, der Einband orange, er blättert geschäftig. Die Einbandfarbe habe ich mir gemerkt, aber nicht die Seite mit der Deutschland-Karte, auf der mein Vater die Weinberge fand, worauf er „Baden-Württemberg“ in den Ausreiseantrag schrieb, Buchstabe für Buchstabe, nur keinen Fehler machen, ein langes Wort.

„70 Jahre Baden-Württemberg“: Vincent Klink und die Frage nach dem besten Kartoffelsalat

Unerreichbarer, großartiger Dialekt

Ich weiß nicht mehr, wann ich das lange Wort zum ersten Mal buchstabierte, in der schwäbischen Grundschule bereits vermutlich, wo der Lehrer uns auf Schwäbisch die Bundesländer beibrachte, wo Schwäbisch zum Synonym für etwas wurde, was es hinter den Grenzen Baden-Württembergs selten als Konnotation nach sich zieht: Unerreichbar, großartig, richtig. (Da ist sie, die Ordnung.)

Ich verwechselte Schwäbisch mit Deutsch (und war mir sicher, die in der „Tagesschau“ sprechen alles falsch aus) und Baden-Württemberg mit Deutschland. Ich weiß nicht, wem von beiden ich damit Unrecht tat oder, im Gegenteil, ein Kompliment machte.

Ich dachte, so seien die Deutschen, wie eben jene Menschen, denen ich in der schwäbischen Kleinstadt begegnete: Hilfsbereit wie die Freiwilligen, die in unser Asylantenwohnheim kamen um zu fragen, ob wir Hilfe bräuchten; auf Ordnung und Sonntagsbraten bedacht, der pünktlich um zwölf Uhr stattfindet, schütteln einem die Hand, tunken Salatblätter in Essig, nachmittags Kaffee und Erdbeerkuchen mit Sahne; gastunfreundlich (ein Wunder der deutschen Sprache, aus der sich durch Zusammensetzungen alles Mögliche bauen lässt, aber nicht dieses Antonym), weil die Kinder, mit denen ich mich zum Spielen verabredete (allein dies: dass man sich nicht einfach spontan besuchte) nur selten, erst nach Rücksprache mit den Eltern einluden, zum Mittag- oder Abendessen zu bleiben, sie trugen diese Einladungen vor, als handle es sich um Staatsbankette.

„70 Jahre Baden-Württemberg“: Blick zurück – Turbulenzen und Intrigen im Ländle

Ordnung und Fremdsein

An die ersten Weinberge erinnere ich mich ohne jegliche Spur von Spektakularität: Ein Ausflug, zu dem uns ein Ehepaar einlud, das ins Asylantenwohnheim gekommen war, um zu helfen. In den Weinbergen gingen wir zwischen Mittagessen um zwölf und Erdbeerkuchen mit Sahne spazieren, ich weiß nicht, was mein Vater sich dachte, wie schön die Weinreben doch seien, wie gut, dass wir hierher gekommen kamen, oder er dachte sich nichts, weil er sich anstrengte, das Deutsch, das Schwäbisch der Gastgeber zu verstehen. An die Weinberge erinnere ich mich als gerade, ordentliche Linien, grüne Streifen, auf die Sonnenlicht fällt.

Heute weiß ich nicht, lege ich zu viel erdichtete Symbolik in die Weinberge hinein? Weil ich nicht möchte, dass die Weinberge, die immerhin Auslöser dafür waren, dass mein deutsches Leben in Baden-Württemberg begann, dass ich Schwäbisch vor Hochdeutsch lernte, dass ich dachte, dass ich ein „Mädle“ werden muss, dass meine ersten „Reisen“ durch den Westen nach Schwäbisch Hall und Heidelberg gingen (an einem Wochenende, um das Wochenendticket auszunutzen), nur Weinberge sind? Gebe ich auch der Ordnung, die sich in meinem Kopf an den Weinbergen vorbeidrängelt, wenn ich „Ländle“ denke, zu viel Bedeutung? Vielleicht ist die Erinnerung an Ordnung gar nicht erinnert, vielleicht ist sie nur das Konstrukt, das ich im Nachhinein über das Gefühl des Fremdseins lege? Als hätte sich das Fremdsein in dieser Ordnung offenbart, die ich zu erkennen glaubte, die ich meinte, erlernen zu müssen, damit das Gefühl für ewig verschwindet. „Kehrwoche“ taucht auf im Kopf, aber ich weiß zu lange, dass Baden-Württemberg nicht Deutschland ist, um auf das Stereotyp eingehen zu können.

Abonnieren Sie hier unseren kostenlosen Literatur-Newsletter „Lesezeichen“

Die Geruhsamkeit, mit der die Menschen sich durch ihr Leben zu bewegen schienen, die Vorgärten, als sei der Rasen zentimetergenau gemäht, als wüssten auch die Gartenzwerge um die Ordnung, die Sonntage, die Feiertage, die Lebenspläne, das herzliche, laute Lachen der Menschen. Wie die Löwen im Wappen, von denen ich mich als Kind fragte, warum sie liegen, so kam mir das Bundesland vor, dessen Weinberge mich ob ihrer Langeweile, ob ihrer Ordnung enttäuschten.

Info

Autorin
Zwischen 1991 und 2005 hatten Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken die Möglichkeit, als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland zu kommen. Unter ihnen war die Familie der 1981 in St. Petersburg geborenen Lena Gorelik. Als 11-Jährige kam sie in Ludwigsburg an, wo sie ihre Jugend verbrachte. Ihr Roman „Hochzeit in Jerusalem“ war für den Deutschen Buchpreis nominiert, „Mehr Schwarz als Lila“ (2017) für den Deutschen Jugendbuchpreis.

Buch
Zuletzt ist von Lena Gorelik der Roman „Wer wir sind“ (Rowohlt, 320 Seiten, 22 Euro) erschienen. Darin erzählt sie die Geschichte ihrer Familie.