Baden-Württemberg leistet sich nach wie vor den Luxus von drei Sportbünden und einem Dachverband. Dabei sind sich so gut wie alle einig, dass dem Sport eine einheitliche Organisation mit mächtiger Stimme gut tun würde. Was sind die Hintergründe?
Der verstorbene Tübinger Professor und Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat einmal gesagt: „Baden-Württemberg ist nicht überall spitze, aber es gibt wohl kein anderes Bundesland, das in so vielen Sparten in der ersten Liga spielt.“ Und gerne heftet sich das Bindestrich-Bundesland das Image des sportiven Landstrichs ans Revers. Das trifft in Teilen durchaus zu, doch mit einer einheitlichen baden-württembergischen Sportorganisation mit schlanken Strukturen wäre noch deutlich mehr an Erfolgen zu erreichen, mehr Kraft vorhanden, um Probleme zu lösen. Doch zu oft mangelt es an der Bereitschaft der Verbände und Sportbünde, ihre landsmannschaftlichen Befindlichkeiten zugunsten des großen Ganzen über Bord zu kippen.
Konzentration bringt Synergien
„Eine Konzentration der Kräfte ergibt Sinn, weil es Synergieeffekte bringt und diejenigen profitieren, um die es in der Sache geht“, sagt Hans Artschwager, der Präsident des Handballverbandes Württemberg. „Die Sportvereine und Mitglieder haben es verdient, dass ihre Belange mit einer mächtigen Stimme vertreten werden. So wie andere gesellschaftliche Bereiche auch.“
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Handballer mit klarem Plan
53 regionale Sportverbände gibt es im Bundesland. 32 weitere haben in einem gemeinsamen baden-württembergischen Verband ihre Kräfte gebündelt. Zuletzt kamen im Tischtennis Württemberg und Südbaden zusammen (aber ohne Nordbaden), zudem die Golfer. Auch im Judo steht der Zusammenschluss auf der Agenda, die Handballer wollen 2025 folgen. „Zu viele Gliederungen sind oft zeitraubend und umständlich. Konkret auf den Handball bezogen, können wir verschiedene Dinge wie zum Beispiel den Spielbetrieb ökonomischer und ökologischer gestalten und die Gebührenordnung harmonisieren. Das alles bringt auch einen Benefit für die Vereine“, erklärt Artschwager. Besitzstandsdenken sei ihm fremd. Ob die Zentrale in Stuttgart liegt oder nicht, sei nicht wichtig. „Mir schweben acht Servicezentren in Baden-Württemberg vor, nah dran an den Vereinen“, sagt Artschwager. „Zentral steuern, dezentral agieren, dies ist eine überfällige Entwicklung“, ergänzt Uli Derad, der Geschäftsführer des Landessportverbandes (LSV).
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Landsmannschaftliche Animositäten
Immer mehr Sport-Fachverbände erkennen die Zeichen der Zeit. Aber viele tun sich nach wie vor schwer. Woran das liegt? Zum Teil an der Tradition. Von landsmannschaftlichen Animositäten befeuerte Rivalitäten, die von eifersüchtigen Funktionären über ein halbes Jahrhundert lang innig gepflegt wurden, hinterlassen Gräben, über die niemand so ohne Weiteres springt. Andreas Felchle, der Präsident des Württembergischen Landessportbundes (WLSB), plädierte gleich bei seinem Amtsantritt 2017 für einen neuen Anlauf zur Einheit des Sports. „Objektiv betrachtet, ist es völlig unverständlich, warum es diesen einheitlichen Landessportbund noch nicht gibt. Er wäre eine riesige Organisation mit entsprechendem Anspruch gehört zu werden“, sagte Felchle schon damals, „wenn sich eine Chance auftun würde, den Sport im Land zu vereinigen, wäre ich ganz vorne dabei.“
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Selten Einigkeit
Aber die Funktionäre aus den Landesteilen demonstrieren selbst in den Zeiten höchster (Corona-)Not zu selten Einigkeit. Statt mit Macht für die 3,7 Millionen Vereinsmitglieder zu sprechen, gab es in der Vergangenheit zwischen den Lobbyisten aus den Sportbünden in Baden und Württemberg und der Dachorganisation des gemeinsamen LSV immer wieder Kommunikationsprobleme, was auch in der Struktur begründet liegt: Denn die Vereine sind nicht im LSV Mitglied. Ihre Belange schlagen bei den Sportbünden auf und die müssen dann in den Dachverband getragen werden. Heraus kommt nicht selten der kleinste gemeinsame Nenner. Oft rächte sich die wenig effiziente Organisationsstruktur, die auch darin begründet ist, dass der Proporz nach Landesteilen Teil der LSV-Satzung ist und damit die Machtgelüste einiger Funktionäre mehr berücksichtigt als das berechtigte Interesse der Sportsfreunde im Land nach unbürokratischer und schneller Hilfe.
Scholz wirft Hut in Ring
Der Mann, der am 16. Juli für das höchste Funktionärsamt, das der Sport im Land bereithält, seinen Hut in den Ring wirft, sieht das genauso: „Eine Bündelung der Kräfte würde Sinn ergeben“, sagt Jürgen Scholz, der bisher einzige Kandidat für die Nachfolge von Elvira Menzer-Haasis als Präsident des LSV. Dort werden wichtige Fragen des Leistungssports geregelt, Netzwerke in Politik und Wirtschaft gepflegt sowie die Landeszuschüsse verteilt – ab diesem Jahr sind das durch den Solidarpakt IV Sportfördermittel von deutlich über 100 Millionen Euro. Scholz steht seit 16 Jahren als Präsident an der Spitze des Württembergischen Leichtathletikverbandes: „Wir leben in einer friedlichen Koexistenz mit dem badischen Verband und organisieren den Leistungssport, die Aus- und Fortbildung gemeinsam“, sagt der 61-Jährige. Doch zu einem Zusammenschluss auf allen Ebenen ist es eben auch bei den Leichtathleten noch nicht gekommen. Wie hat Hermann Bausinger so schön gesagt: „Konflikte können auch als Kitt wirken – man nimmt so den anderen wenigstens wahr.“ Bisweilen ein schwacher Trost für die Sportlandschaft in Baden-Württemberg.
Struktur der Sportverbände im Land
Baden-württembergische Sportfachverbände
Aikido, American Football und Cheerleading, Baseball- und Softball, Badminton, Bergsport, Dart, Gewichtheben, Golf, Sportakrobatik, Triathlon, Basketball, Billard, Bogensport, Boule und Boccia und Pétanque, Boxen, Eissport, Hockey, Kanu, Karate, Rudern, Segeln, Motorbootsport, Motorsportverband, Rugby, Squash, Taekwondo, Tanzsport, Tischtennis (ohne Nordbaden), Moderner Fünfkampf, Pferdesport, Luftfahrt, Bob- und Schlittensport.
Fachverbände, die in Württemberg, Nord- und Südbaden unterteilt sind
Bahnengolf, Behinderten- und Rehabilitationssport, Fechten, Fußball, Handball, Judo, Ju-Jutsu, Kegeln und Bowling, Leichtathletik, Radsport, Rasenkraftsport- und Tauziehen, Ringen, Roll- und Inlinesport, Schach, Schießsport, Schwimmen, Skisport, Tauchen, Tennis, Turnen (Württemberg und Baden, das nicht unterteilt ist in Süd- und Nord), Volleyball. (red)