Der britische Architekt David Chipperfield feiert seinen 70. Geburtstag. Eines seiner gelungensten Projekte hat der Pritzker-Preisträger in Marbach am Neckar verwirklicht. Warum seine feine Architektur eine bestimmte Sehnsucht ausdrückt.
Stararchitekt ist ein recht fragwürdiger Begriff. In einer Welt, die nach Superlativen giert, müssen Topathleten, Spitzenkünstler und Überflieger aller Art Volk und Medien täglich bei Laune halten. Dass aber ausgerechnet David Chipperfield als Stararchitekt bezeichnet wird, scheint ein Mega-Missverständnis zu sein. Denn das Markenzeichen des gebürtigen Londoners ist eben nicht diese für Stararchitekten wie Frank O. Gehry, Jean Nouvel oder Norman Foster typische Selbstgefälligkeit, die ihren spektakulären Bauten bei aller Virtuosität innewohnt.
Nein, Chipperfield sei „radikal in seiner Zurückhaltung“ hieß es in der Begründung zum Pritzker-Preis, den der Brite erst kürzlich, im März dieses Jahres verliehen bekommen hat. Der Pritzker-Preis ist der Nobelpreis der Architektur. Dass die renommierte Auszeichnung an Chipperfield, der am 18. Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, gegangen ist, wundert kaum jemand.
Man könnte vielleicht behaupten: diese Wahl war längst überfällig. Als Architektin oder Architekt kann man ja einiges schlecht machen, an der eigenen Mittelmäßigkeit scheitern, sich von launischen Bauherrschaften und Bauämtern schikanieren lassen, den guten Ruf für megalomane Despoten und Diktatoren aufs Spiel setzen.
Schlichte Kulturtempel
David Chipperfield aber hatte stets ein gutes Gespür für politische Entwicklungen und Fallstricke, weshalb er gern die sensible wie kritische, aber im Grunde unverdächtige Kultur als Baustelle für seine Projekte wählt. Der Brite ist für seine meist großartig schlichten Kulturbauten berühmt, in West-Europa, und hier vor allem in Deutschland. Das mag wohl auch daran liegen, dass Chipperfields Vision die der Versöhnung ist. Seine repräsentativen Bauten, oft Museen, wollen das Vergangene mit der Gegenwart in Einklang bringen, auf möglichst elegante Weise konzilieren.
In Deutschland, das eine wahrlich komplizierte Erinnerungskultur besitzt, ist die Expertise von Sir David Alan Chipperfield also gefragt, der auch rhetorisch versiert seine Ideen zu verkaufen weiß. Im Jahr 2010 wurde der Architekt von Queen Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Der Mann spricht so wie er baut: distinguiert, höflich, klar strukturiert.
Seine Methode? Ein selbstbewusstes Sowohl-als-auch: modern, ohne radikal zu sein; konservativ, aber nie historisierend. Re- statt Dekonstruktion – mit einer gewissen Vorliebe für sehr schmale, hohe Säulen. Das kann man in Berlin bewundern, wo Chipperfield die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel entworfen hat. Ein minimalistischer, lang gestreckter, gleißendheller Tempel mit vielen hohen Pfeilern und einer Freitreppe. Als wäre er für die Ewigkeit errichtet. Und ebendort, nur einen Steinwurf entfernt, verantwortete der Meister den Wiederaufbau des Neuen Museums sowie die Instandsetzung der Neuen Nationalgalerie.
Chipperfields Büro projektierte auch das Museum Folkwang in Essen und das Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Letzteres erinnert schon ein klitzekleines bisschen an die James-Simon-Galerie in der Hauptstadt, weshalb ein Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung spöttelte: „Um mit London und Paris konkurrieren zu können, hätte man in Berlin Marbach am Neckar imitiert.“
Immerhin konnte in Berlin und anderswo vor einigen Jahren noch irgendetwas fertiggestellt werden, während dieser Tage so vieles auf der Kippe steht, nicht zuletzt der von Chipperfield und seinem Team konzipierte Elbtower in Hamburg, dessen Zukunft nach der Pleite der Signa-Holding von René Benko in den Sternen steht. Stararchitekten haben es in diesem Sinne auch nicht immer leicht.