Nach der Kriegszerstörung ging der Betrieb in einer Notapotheke in der Alten Kanzlei weiter Foto: Hof-Apotheke/Mack

Honigwein sollte die bitteren Mixturen aus Vogelschnäbeln, Spinnen und dergleichen versüßen. Das Stuttgart-Album, die Zeitreise in die Stadtgeschichte, erinnert heute an mittelalterliche Medizin und an die Hof-Apotheke, deren Ursprung 600 Jahre zurückliegt.

Stuttgart - Blattgold im Likör setzte man ein gegen Gicht und Unterleibskrankheiten. In einer mittelalterlichen Apotheke durfte Honigwein nie fehlen. Der flüssige Met oder auch Bier sollte den Geschmack des Gemischs verbessern, das mit getrockneten Tierteilen, Knochenpulver, Schleim, Bernstein und Kräutern zusammengekocht oder mit heißem Wasser überbrüht wurde.

Der erste Ort in Stuttgart, in dem dies geschah, ist der Ursprung der Hof-Apotheke, die heute am Schillerplatz mit dem Spruch „Wo einst der König Kunde war und jetzt der Kunde König ist“ wirbt und auf eine 600-jährige Tradition zurückblickt. Im Ostbau des Alten Schlosses befand sich die erste Arzneikammer, die Graf Eberhard IV. von Württemberg einrichten ließ. Eine Fünf-Schilling-Spende für den Altar der Leonhardskirche bezeugt, dass es diese Kammer bereits 1413 gegeben hat – vor über 600 Jahren. Aber nur die Herrschaften durften dort in den Genuss von Heilkräutern, Tinkturen und Salben kommen – öffentlich zugänglich war dieser heilende Ort damals noch nicht.

Es sollte noch 138 Jahre dauern, bis aus der gräflichen Privat-Apotheke eine Hilfsstelle für alle geworden war, besonders auch für Kranke, die arm waren und kein Geld für Medizin hatten. Im Jahr 1551 ließ Markgräfin Anna Maria von Brandenburg die Arzneikammer unter dem Namen Hof-Apotheke als Stiftung eintragen. Der damalige Apotheker Cyriakus Horn III. erhielt laut historischer Dokumente als Besoldung 16 Gulden jährlich, zwei Kleider und war mit seinem Haus befreit von jeglicher Steuer. Er musste aber geloben, sich um arme Menschen zu kümmern. Ebenso musste Apotheker Horn versprechen, „dass die Armen der Stadt unentgeltlich mit Arzneyen versehen werden, dass er allen Fleiss anwenden werde, dass er die einfachen Mittel, über die bisher viel geklagt worden sei, so erhalte, wie die visitierenden Ärzte diese angeben.“

Was plagte die Menschen damals? „Im Mittelalter waren Krankheiten wie Pest, ­Syphilis, Milzbrand, Malaria, Pocken und Ruhr verbreitet“, weiß Sabine Etzholz von der Hof-Apotheke. Im Kampf gegen den frühen Tod wurden allerlei, für uns heute abenteuerlich erscheinende Substanzen wie Schnäbel von Vögeln, Spinnen, Gewebeteile von Menschen, Kot und Schleim zerkleinert und verrieben. Mit Hilfe von Hefe, Honig oder Seife drehten die Apotheker ihre Pillen oder stellten ihre flüssigen, pastenartigen und pulvrigen Mittel her, die man schnupfen, kauen, trinken oder auch als Einlauf nehmen konnte. Wesentlichen Einfluss hatte Paracelsus, der gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine neue Denkart der Heilkunst entwickelte. „Er war im Grunde der erste ganzheitlich denkende Arzt“, sagt Sabine Etzholz, „und leitete viele Merkmale der Pflanzen auf bestehende Krankheiten ab.“

1820 zog die älteste Apotheke Stuttgarts in die Räume der Kapelle der Hofkirche um, und 1865 ging es in die renovierten Räume der Alten Kanzlei. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten das markante Gebäude, in dem sich einst die Schreiber des Grafen befanden. Mit einer Notapotheke in den provisorisch wiederhergestellten Räumen ging es weiter. 1951 zog man ins Kronprinzenpalais um, das nach langer öffentlicher Diskussion in den 1960ern abgerissen wurde und an dessen Stelle sich heute das Kunstmuseum befindet. 1955 konnte die Hofapotheke in die neu aufgebaute Alte Kanzlei zurückkehren, wo sie sich als homöopathische Vollapotheke einen Namen gemacht hat. Unter Leitung von Jan Tomsky steht den Kunden heute eine große Auswahl an Dilutionen und Globuli aus eigener Herstellung zur Verfügung. Das Arzneimittellager ­umfasst über 1000 homöopathische Einzelmittel sowie etwa 20 000 allopathische und pflanzliche Mittel.

Was ist von den Pillen, Salben und Tinkturen des Mittelalters übrig geblieben? Was hat sich bis heute bewährt? „Nur wenig“, sagt Sabine Etzholz, die Frau des Inhabers, „dies sind zum Beispiel Pflanzensäfte gegen Husten, alkoholische Auszüge und Tinkturen aus getrockneten Pflanzen gegen Herzprobleme, frische oder getrocknete Tiere in der Homöopathie und Theriak, in reduzierter Form als Bestand der Schwedenkräuter.“

Das Stuttgart-Album ist als Buch im Silberburg-Verlag erschienen. Im Internet finden Sie das Geschichtsprojekt unter

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