Die Narrenzunft Rottenburg sieht den 9. Januar 1930 als ihr offizielles Gründungsdatum. Die Fasnetstraditionen in der Stadt sind aber um Jahrhunderte älter als die Zunft. Foto: Narrenzunft

Die Fasnetstraditionen in Rottenburg reichen mehr als 600 Jahre zurück. In ihren Anfängen zelebrierte die damals junge Gräfin Mechthild in der Stadt die Fasnet. Später beeinflusste die Französische Revolution die Art und Weise, wie die Narren noch bis heute feiern.

Rottenburg - Das Jahr 1410 ist für die Geschichte der Fasnet in Rottenburg ein besonderes. Denn in diesem Jahr, soll in Rottenburg "Vassnach" gefeiert worden sein. Von dem Chronisten Graf von Zimmern ist in der "Zimmersche Chronik", einem deutschen Geschichtswerk aus dem 16. Jahrhundert, überliefert, dass "ein groß rennen und stechen uf dem Markt gewesen" sei. Der Begriff Fasnacht taucht auch in den Jahren 1412 und 1413 In herrschaftlichen Jahresrechnungen auf. In ihnen steht die Notiz: "De Bürgern zur Fasnacht, als sie Gabel hatten". Die Ausdrucksweise "Gabel haben" stand für Fastnachtspossen und Tanz.

Bild in St. Moriz-Kirche

Eines der ersten bildlichen Zeugnisse eines Rottenburger Narren stammt aus dem Jahr 1420. Die Narrenzunft Rottenburg schreibt auf ihrer Internetseite über die Geschichte der Fasnet: "Auch die Figur des Narren scheint in diesem Zeitraum in Rottenburg in kirchlichem Kontext bereits bekannt zu sein, da sich am Obergaden der St. Moriz-Kirche ein Fresko einer solchen Gestalt befindet, für die der Experte für Rottenburger Stadtgeschichte Dieter Manz vermutet, dass es sich um einen ›Repräsentanten der Gaukler und Spielleut‹ handelt."

Gräfin Mechthild feiert Fasnet

Die Grundlagen für die wohl bedeutsamste Figur der Fasnet waren also schon gelegt, als 1419 Gräfin Mechthild geboren wurde. Sie ist als Schirmherrin des fastnächtlichen Feierns bis heute eine Hauptfigur und Inspirationsquelle der Rottenburger Fasnet. Es ist bekannt, dass die junge Frau als Gemahlin ihres zweiten Mannes, Erzherzog Albrecht VI. von Österreich, nach Rottenburg kam. Dort richtete sie sich einen "Musenhof" ein und zeichnete sich als Förderin von Kunst und Literatur aus. An ihrem Hof in Rottenburg, so schildert die "Zimmersche Chronik", soll die damals 33-jährige Erzherzogin von Österreich im Jahr 1452 "große höf, auch cöstliche vasnachten" gehalten haben. In der Chronik steht auch, dass sie "ainsmals ein fasnacht zu Rotenburg hielt, und war ain groß rennen und stechen uf dem Mark".

Auch aus Mechthilds erster Ehe mit dem württembergischen Grafen Ludwig ging eine Figur der Rottenburger Fasnet hervor: Ihr Sohn Eberhard im Bart, später erster württembergischer Herzog, ist eine Fasnetsgestalt.

Glücksfall für die Fasnet

Dass Rottenburg im Mittelalter zum katholischen Vorderösterreich und nicht zum benachbarten Württemberg gehörte, erweist sich für die Fasnet als Glücksfall. "Während das württembergische Umland sich ab 1534 unter Herzog Ulrich dem neuen Glauben anschloss, der sich fastnächtlichen Bräuchen gegenüber kritisch entwickeln sollte, blieb Rottenburg katholisch", berichtet die Narrenzunft aus historischen Quellen.

Doch auch Rottenburgs Fasnet erlebte schwierige Epochen. Als ein Zentrum der Hexenverfolgung in Süddeutschland schrieb Rottenburg im 16. Jahrhundert unrühmliche Geschichte. "Etwa 5 Prozent der damaligen Hinrichtungen wegen Hexerei sollen hier stattgefunden haben", zitiert die Narrenzunft eine historische Quelle. Im Jahr 1616 soll die Obrigkeit der Stadt angekündigt haben: "nit in Butzen weiß gehen. Item (auch) es soll keiner mit Teufels Klaidern oder sonsten in Butzenweiß gehen bey Poen eines Hellers Pfund".

Maskenbälle kommen auf

Im ausgehenden 18. Jahrhundert brachte die Französische Revolution den Fasnetsfeiern in Rottenburg einen neuen Glanz. Die Narrenzunft erklärt die Veränderungen: "Nach der Französischen Revolution, die wichtige Impulse für das gesellschaftliche Leben und das nun langsam aufstrebende Bürgertum mit sich brachte, entstand auch für Rottenburg eine neues Kapitel Fastnachtsbrauchtum: Jetzt begann die Zeit der Maskenbälle. Für das Jahr 1793 ist vermerkt, dass dem ›Kaiserwirt Fidelis Camesaska gestattet ist, einen Faschingsball im oberen Rathaussaal abzuhalten‹".

Als 1805 der Kaiser von Österreich mit dem "Friede von Pressburg" mit Napoleon die Grafschaft Hohenberg an Württemberg abtrat, war die Stadt Rottenburg jetzt nicht mehr Teil des katholischen Vorderösterreich, sondern gehörte einem zuvor mehrheitlich protestantischen Land an. "In der Folgezeit entwickelte sich allerdings die Fastnacht in der neuen Form der Maskenbälle weiter. Hier tat sich vor allem das Bürgertum hervor und schuf letztendlich eine standesorientierte närrische Abgrenzung zu den ärmeren Schichten, welche den ›Fastnachtstanz in den Kneipen feierten‹", zitiert die Narrenzunft historische Quellen.

Ein Maskenumzug

Als weiteres wichtiges Jahr für die Rottenburger Fasnet gilt 1844. Die Narrenzunft berichtet aus historischen Quellen: "Das Jahr 1844 schließlich kann als Startjahr einer weiteren bis heute zentralen Komponente der Fasnet hier angesehen werden. So fand im Anschluss an eine Veranstaltung auf dem Marktplatz ein Maskenumzug durch die Stadt statt, ehe zum Abschluss ein Ball im dekorierten Saal des ›Waldhorn‹ begangen wurde."

Gründung der Narrenzunft

Im Jahr 1925 wurde schließlich die Narrenzunft Rottenburg gegründet. "Hier kann vermutlich noch nicht von einem eingetragenen Verein gesprochen werden, sodass der 9. Januar 1930 als offizielles Gründungsdatum angesehen werden muss. Schon ein Jahr zuvor wurde die Zunft in den erlauchten Kreis der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aufgenommen", schreibt die Zunft.