Ein Leben für die Bäckerei: Jutta und Alfred Schweizer. Über seine Frau sagt er: „Meine Frau ist eine große Stütze. Ohne sie würde das nicht gehen.“ Foto: Gern

Die Bäckerei Schweizer in Bisingen schließt und mit ihr die Filialen. Ein schwerer Schritt, es flossen Tränen – bei den Kunden, auch beim Chef. Alfred Schweizer blickt mit uns zurück.

Die Lichter sind aus im Ladengeschäft an diesem Montagmorgen, als wir die Hauptfiliale besuchen. Zum Wochenstart hat die Bäckerei geschlossen, erst ab Dienstag gehen Brote, Brötchen, Kuchen über die Ladentheke.

 

Hinten in der Backstube, da duftet es dennoch nach Backwaren, ein Ofen ist noch warm, Alfred Schweizer arbeitet im Büro. „Organisatorisches“, sagt er.

Die Bachstraße ohne Alfred Schweizer und dessen Bäckerei – das mögen sich viele Bisinger nicht so recht vorstellen. Doch zum Monatsende wird die Bäckerei nach sechs Jahrzehnten schließen.

Ein schwerer Schritt – für die Inhaber, für die Kunden. Alfred Schweizer atmet einmal tief durch und sagt: „Die Leute standen schon weinend im Laden – und sogar der Chef hat geheult in der Mitarbeiterversammlung.“

Der Laden

Das ist jenes Hauptgeschäft der Bäckerei, an dem die Kunden häufig Schlange standen bis auf die Treppen vor der Schiebetür. Die Brezeln beschreiben sie als typisch schwäbisch, die Brote als bekömmlich, die Schweizerle-Brötchen schön knusprig. „Wir verkaufen 1000 Schweizerle am Tag, am Wochenende oft das Doppelte“, erzählt der Bäckerei-Chef.

Ein Rückblick

Die Schweizer-Ära endet, weil innerhalb der Familie kein Nachfolger gefunden werden konnte. Sohn Florian Schweizer leidet an einer Mehlstauballergie. Am Ende übernimmt die Bäckerei Mahl. Nun also sitzt Alfred Schweizer in seinem Büro und blickt zurück, zeigt alte Fotos der Bäckerei

1964 war sie in Steinhofen von seinen Eltern, Alfred und Gertrud Schweizer, eröffnet worden. „Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wurde modernisiert, so dass mal wieder arbeiten konnte. Der Laden stand schon vorher, war ein Grundversorger“, erinnert er sich. „Es gab noch keine Supermärkte, gegenüber war der Sparladen. Große Teile Bisingens wurden so versorgt.“

1990 hat Schweizer den Betrieb mit seiner Frau Jutta übernommen, Backstube und Laden modernisiert, einen neuen Ofen eingebaut. „Wir hatten Erfolg damals, waren unsere Zeit voraus.“ Und er betont: „Meine Frau ist eine große Stütze. Ohne sie würde das nicht gehen.“

Damals habe es in Bisingen fünf backende Betriebe gegeben. „Die meisten haben aus Altersgründen aufgehört, der Markt hat sich verändert – auch zu unseren Gunsten.“ 2006 wurde nochmals groß investiert, angebaut „mit dem Blick auf eine gute Zukunft“. In Schweizers Stimme schwingt Wehmut mit.

Die Filialen

Mehrere Filialen hat die Familie betrieben: seit dem Jahr 1996 etwa in der Hohenlaienstraße in Bisingen. „Die Bevölkerung hatte sich zuvor beschwert, dass es dort keine Einkaufsmöglichkeit gebe.“ Im alten Sparladen wurde eröffnet.

Die Bäckerei in Steinhofen von außen: Hinter dem Laden schließt sich die Backstube an. Foto: Gern

Auch in Hechingen im Stockoch gingen Schweizerle, Kornknacker oder Winzerlaible über die Theke. Dort hatte vor Jahren ein anderer Bäckerei-Betrieb Insolvenz angemeldet. „Hechingen war für uns ein Glücksfall, es gab viel positive Resonanz“, sagt Schweizer. In Grosselfingen, Balingen und zeitweise in Albstadt-Onstmettingen wurden Standorte eröffnet.

Das Bäckerhandwerk

Sonntags und montags hatte die Bäckerei zuletzt schon geschlossen – wegen Personalmangels. „Wir haben uns auf fünf Tage beschränkt.“ Die Bäcker sind in der Nacht auf Montag dennoch im Einsatz, denn, was viele vermutlich nicht wissen: „Wir beliefern auch Schulen und Altenpflegeheime.“

Täglich 12 bis 14 Stunden lang war Alfred Schweizer in seinem Betrieb, all die Jahre. Er führt durch seine Backstube. Körbe stapeln sich, um die Ware in die Filialen zu bringen, graue Bleche liegen ordentlich in den Wägen, wenige Stunden später wird wieder gebacken werden.

Schweizerle frisch aus dem Ofen Foto: Gern

Welch harter Job das ist, lässt sich erahnen, wenn der Bäckerei-Chef von seinen Arbeitszeiten erzählt. „Um 0:20 Uhr stehe ich auf, um 1 Uhr bin ich in der Backstube, meine Mitarbeiter beginnen um 1:30 Uhr und sind bis 10 Uhr da. Ich mache die Restarbeit, Mittagspause und den Bäcker-Mittagsschlaf.“

Ab 16 Uhr starten unter anderem Vorbereitungen für Teige mit langen Teigführungen. „Früher war das Bäckereihandwerk Schwerstarbeit, heute hat man maschinelle Unterstützung.“ Um 19 Uhr isst Schweizer mit seiner Frau zu Abend. „Danach schlafe ich eine Weile. Mehr bleibt nicht übrig. So war es ein Leben lang.“

Die Zukunft

Nach dem letzten Verkaufstag am 28. Dezember wird die Bäckerei schließen. „Ich wollte meinen Betrieb versorgt wissen“, sagt der Bäckermeister. Das hat er geschafft. Die Bäckerei Mahl hat er in Stetten am kalten Markt – dort wird gebacken – besucht: „Wir haben uns die Produktion angeschaut. Es geht in Zukunft nicht anders mit dem schrumpfenden Arbeitnehmermarkt – mehr Leute werden an einer Arbeitsstelle arbeiten.“

Die Bäckerei Mahl übernehme die starken Standorte und investiere, „so wie wir es vor Corona geplant hatten. Der Laden soll modernisiert werden“, erklärt Schweizer mit Blick auf Steinhofen.

Knusprig und typisch schwäbisch: Brezeln aus der Bäckerei Schweizer Foto: Gern

Ob er der Schließung etwas Positives abgewinnen kann, mehr Zeit, mehr Ruhe, neuer Tagesablauf? Nein, sagt Schweizer: „Ich bin für mein Leben gerne in der Backstube. Deshalb freue ich mich nicht.“ Nachdenklich wirkt er und sagt: „Es tut mir wirklich sehr weh.“

Der Abschied

Einige Kunden haben nach Rezepten gefragt. Alfred Schweizer aber sagt: „Das beste Rezept ist es, mit Liebe an der Arbeit zu sein und Zeit zu haben. Die Teige müssen sich entwickeln können, an Rezepten muss man feilen.“ Letztmals werden die Produkte am 28. Dezember verkauft, danach schließen die Ladentüren für immer.

Zuvor laden Schweizers ihre Kunden ein, für den 27. und 28. Dezember ins Hauptgeschäft, zu Brezeln, Kaffee und Kuchen. Und vielleicht wird nochmals die ein oder andere Erinnerung ausgetauscht, eine Anekdote erzählt, bevor 60 Jahre Bäckertradition enden, bevor die Lichter in der Bäckerei Schweizer ausgehen.