60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch Crankos Muse Marcia Haydée.
Stuttgart - „Ich war beeindruckt und verstand, was er wollte“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Marcia Haydée interviewt hatten. Ausgangspunkt des Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt John Cranko in inniger Umarmung mit seiner Muse und Primaballerina.
Zurück ins Jahr 1961 mit Marcia Haydée
Marcia Haydée erinnert sich ohne Zögern an den Ort und die Situation dieser Aufnahme: „Das Foto zeigt mich mit John Cranko nach der allerersten Premiere, die ich in Stuttgart getanzt habe. Das war im November 1961, auf dem Programm standen „The Lady and The Fool“, „Katalyse“ zur Musik von Schostakowitsch und „Antigone“. Das letzte Stück war eigentlich für Helga Heinrich gedacht, eine der ersten Tänzerinnen der Kompanie, aber sie wurde krank. „Marcia, dann machst du es“, sagte John Cranko - und dann hat er „Antigone“, die 1959 für das Royal Ballet in London zu einer tollen Musik von Mikis Theodorakis entstanden war, für Stuttgart total verändert.
Wenn man dieses Bild sieht, dann meint man ein Liebespaar zu beobachten, eine Szene wie aus einem neorealistischen Film. Doch mein Verhältnis zu John war ein ganz anderes, er war der Schöpfer, ich seine Muse. Ich habe ihn verehrt, er hat so viel für mich getan. Schon bei meiner ersten Premiere in Stuttgart hat er mir zwei Stücke anvertraut. Ja, wir haben uns geliebt – aber auf einer anderen, einer künstlerischen Ebene. John war glücklich, weil er eine eigene Ballerina formen wollte – und mich gefunden hatte.
Er konnte auch laut werden
Diese Bewunderung habe ich immer gespürt und gleichfalls empfunden. Ich habe sie schon gespürt, als John „Cat’s Cradle“ für die Kompanie des Marquis de Cuevas in Paris machte: Obwohl ich nicht besetzt war, ließ ich keine Probe aus. Schon damals hat mich die Art, wie er im Ballettsaal arbeitete, fasziniert. Ich war tief beeindruckt von ihm und der menschlichen Wärme, die er ausstrahlte, bevor ich ihn persönlich kennen lernte. Er hatte eine ganz besondere Art, Bewegungen zusammenzustellen, obwohl er selbst kein großer Tänzer war; seine eigene Handschrift war unverkennbar.
Nie werde ich seine intensiven blauen Augen vergessen. Auch Rollen, die wie in „Nussknacker“ oder „Coppélia“ nicht für mich geeignet waren, wollte er unbedingt mit mir erarbeiten: „Marcia, ich brauche dich“, sagte er. Ich verstand, was er wollte, schon bei der kleinsten Handbewegung. Wir brauchten gar nicht darüber zu sprechen – das war eine Sache des Bauches, nicht des Kopfes. Die Verbindung zwischen ihm und mir war wie eine Autobahn. Als ich zur ersten Probe von „Romeo und Julia“ kam, da hat er mich schon als Julia gesehen und so behandelt. Für mich war es wichtig, das zu tun, was er haben wollte, nicht eigene Vorstellungen einzubringen. Mit anderen konnte er im Ballettsaal schnell laut werden, wenn jemand zum Beispiel nicht verstand, was er wollte. Er war eigentlich geduldig, doch wenn er den Eindruck hatte, nicht verstanden zu werden, brüllte er los.
Erster großer Erfolg mit „Romeo und Julia“
Ob es Neid über mein enges Verhältnis zu John in der Kompanie gab, weiß ich nicht. Die anderen haben gemerkt, dass ich seine bevorzugte Tänzerin war, aber sie haben es mich nie spüren lassen. Wer in der Kompanie bleiben wollte, musste akzeptieren, dass ich Crankos Liebling war. Er hat auch andere nach vorne gebracht: Susanne Hanke, Birgit Keil . . . Doch die großen Ballette wollte er nicht ohne mich angehen. Als ich in Zürich mit Nurejew „Raymonda“ machte, hat Cranko parallel in Stuttgart an „Initialen“ gearbeitet. Irgendwann kam dann der Anruf: „Marcia, ich brauche dich unbedingt für den dritten Satz!“ Und von da an bin ich nachts mit dem Auto zwischen Zürich und Stuttgart gependelt.
Meine erste Premiere mit John in Stuttgart war ein Erfolg, der erste große Erfolg kam mit „Romeo und Julia“, viele folgten. Buh-Rufe hat John nur für seinen letzten Abend in Stuttgart mit „Spuren“ und „Green“ bekommen, kurz bevor er gestorben ist. Diese Reaktion des Publikums hat ihn sehr belastet. Aber ich habe früh von ihm gelernt, dass man auch Kritik akzeptieren muss – und verdauen lernen.“
Tänzerin, Muse, Direktorin: Marcia Haydée
Marcia Haydée kam 1961 als John Crankos Primaballerina zum Stuttgarter Ballett. Der Choreograf gestaltete die großen Rollen seiner Handlungsballette mit ihr; sie war neben Richard Cragun, Birgit Keil und Egon Madsen eine von Crankos Initialen und Partner von Richard Cragun in vielen Balletten und unzähligen Aufführungen. Nach John Crankos Tod leitete sie die Kompanie bis 1996 und hinterließ mit „Dornröschen“ 1987 eine bis heute getanzte Klassikerinszenierung im Repertoire. Heute ist sie Direktorin des Ballet de San Diago de Chile.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.