Die beiden Oberbürgermeister Gerhard Gebauer (links, Schwenningen) und Severin Kern (Mitte, Villingen) vor dem damals neuen Ortsschild von Villingen-Schwenningen. Foto: Landeszentrale für politische Bildung

Hätte Villingen-Schwenningen wirklich einmal "Filbingen" heißen sollen? Und wieso legte man die beiden grundverschiedenen Städte vor fünfzig Jahren überhaupt zusammen? Diesen Fragen ging die Landeszentrale für politische Bildung nach.

Villingen-Schwenningen/Stuttgart - Die Festigung der Identität des in den Siebziger Jahren noch recht jungen Baden-Württemberg war eine spannende Zeit. Etwa die kommunale Gebietsreform, dank derer wir heute eben die Doppelstadt Villingen-Schwenningen haben, ließ Jahrhunderte-lang gehegte und gepflegte Eigenheiten der badischen Villinger und der württembergischen Schwenninger aufeinander prallen.

Die Herausforderungen vor denen das Bundesland damals auf politischer Ebene stand, werden in einem Buch der Historiker Philipp Gassert, Dekan der Universität Mannheim, und Reinhold Weber, Stellvertretender Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB), spannend und unterhaltsam dargestellt.

Der klangvolle Titel des online kostenlos verfügbaren Sammelbands lautet "Filbinger, Wyhl und die RAF – die Siebziger Jahre in Baden-Württemberg".

Die kommunale Gebietsreform

Der im vorigen Jahr verstorbene Historiker Hans-Georg Wehling (ebenfalls LpB) gab in einem Beitrag des Bandes auf süffisante Weise wieder, wie es zur Doppelstadt kam und wie weit VS heute wirklich zusammen gewachsen ist.

Von einem willkommenen "Projekt" für die große Koalition spricht Wehling auf Bundesebene, da man hier das "gebotene Widerspiel von Regierung und Opposition faktisch ausschalten konnte". Zudem habe am kriselnden Ende des Wirtschaftswunders ein "reformfreundliches Klima" geherrscht. Und überhaupt wollte man beweisen, dass diese Demokratie "reformfähig" ist.

Auch in Baden-Württemberg waren die kleinen, teils noch aus napoleonischer Zeit stammenden Verwaltungseinheiten einfach unhandlich geworden. So nahm man sich das Mammutprojekt vor, aus 63 Landkreisen 35 zu machen.

Das "Wagnis" VS

Von einem "Wagnis" spricht Wehling bei der Schaffung der Doppelstadt VS. Sogar ein ganzes Unterkapitel widmet er dem Oberzentrum Villingen-Schwenningen. Notwendig sei es gewesen dieses zu schaffen, denn andere Oberzentren wie Stuttgart, Tübingen-Reutlingen, Freiburg und Konstanz hätten bereits eine starke Sogwirkung gezeigt mit ihren Hochschulen, Kliniken und den Möglichkeiten der Versorgung und öffentlichen Verwaltung.

Darüber hinaus seien die politischen Umstände in Villingen und Schwenningen günstig gewesen: "Der Villinger Oberbürgermeister stand kurz vor dem Ruhestand, während der Schwenninger Oberbürgermeister noch jung, voller Tatendrang und zudem aus ähnlichem Holz geschnitzt war wie Innenminister Krause: Beide waren Technokraten und SPD-Mitglieder. Vor allem lockte das Land mit beträchtlichen finanziellen Hilfen, um die geplante Doppelstadt auf Oberzentrumsniveau zu hieven."

"Die eine schön, die andere fleißig"

Die Unterschiede der beiden Städte beschreibt Wehling wie folgt: "Villingen, eine Gründung des Adelsgeschlechts der Zähringer, planmäßig angelegt, dann österreichisch und katholisch, ist von hohem städtebaulichen Reiz. Schwenningen hingegen, ein altwürttembergisch-protestantisches Dorf, das durch den Fleiß seiner Bewohner zur Stadt aufgestiegen war, zeigt sich im Siedlungsbild mit Gewerbebetrieben und Wohnhäusern bunt (oder besser: grau) gemischt. Zwei Schwestern also, die eine schön, die andere fleißig, die sich traditionell den Rücken zukehren."

"Bindestrichstadt in einem Bindestrichland"

Auf die Frage: "Hat es denn geklappt mit dem geeinten Villingen-Schwenningen?" weiß Wehling nur nüchtern aufzuzählen: "Ein gemeinsames Rathaus gibt es bis heute nicht, wie überhaupt kein gemeinsames Stadtzentrum. Ein gemeinsames Stadtwappen ließ Jahrzehnte auf sich warten. Einen gemeinsamen Bahnhof gibt es nicht, man kann entweder nach ›Villingen (Schwarzwald)‹ oder nach ›Schwenningen (Neckar)‹ fahren. Die Telefonvorwahl ist unterschiedlich."

Charakteristisch sei laut Wehling, dass man für das neue Oberzentrum einen Doppelnamen fand: "eine Bindestrichstadt in einem Bindestrichland", wie Wehling treffend pointiert. Kolportiert werde, man habe die neue Stadt nach dem damaligen Ministerpräsidenten der Zeit der Gemeindereform benennen wollen: "Filbingen". Eine Fehlinformation gestreut von politikverdrossenen Reformgegnern jener Tage? Oder ein Indiz, dass die Siebziger hierzulande eben doch nicht so durch und durch "sozialdemokratisch" waren, wie man heute annimmt? Letzteres wird auf jeden Fall bei der weiteren Lektüre des Historiker-Buches deutlich.

Weitere Informationen

"Filbinger, Wyhl und die RAF – die Siebziger Jahre in Baden-Württemberg" (Stuttgart 2015 , 285 Seiten), herausgegeben von Philipp Gassert und Reinhold Weber, ist kostenlos bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg als E-Book und Mobil-Version erhältlich: www.lpb-bw.de.