Die Begegnung von Walther Groz und Alfred Hagenlocher hat Kai Hohenfeld, Direktor des Kunstmuseum Albstadt, beleuchtet. Es ist ein dunkler Schatten auf Albstadts Geschichte.
Einem dunklen Kapitel der städtischen Kunstgeschichte hat sich am Internationalen Museumstag im Jubiläumsjahr „50 Jahre Albstadt“ der Vortrag mit bemerkenswertem Verantwortungsbewusstsein gewidmet.
Direktor Kai Hohenfeld nahm sich der Gründungsgeschichte des Kunstmuseums an und bettete seinen eindringlichen, reich bebilderten Vortrag ein in die Reihe „Albstadt lebt Demokratie“. Einer der Hauptakteure war der integere, politisch unbelastete Walther Groz, fleißiger Bürgermeister und großzügiger Mäzen, dessen Leidenschaft für Kunst einst Basis für das Museum und den städtischen Kunstbesitz waren.
Sein langjähriger Weggefährte Alfred Hagenlocher, der ihn dabei beriet, belesener, aber durchaus zwiespältiger Gründungsdirektor des Museums, wirft mit seiner Biografie einen dunklen Schatten auf das kulturelle Vermächtnis. Hagenlocher war – das wurde vor einigen Jahren bekannt – ab seinem 17. Lebensjahr NSDAP-Mitglied gewesen, unter anderem als Gestapo-Kommissar tätig. Laut Hohenfeld war er „ein unentdeckter NS-Täter, der sich in der Nachkriegszeit als Künstler und Kurator“ neu erfunden habe. Gewissermaßen ein Hochstapler, befand Hohenfeld, der als Grundlagenforschung zu Hagenlochers Täterschaft im Nationalsozialismus auf die historische Forschung von Friedemann Rincke verwies.
Rincke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Als Kurator am Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart setzt er sich seit 2011 mit Hagenlochers Tätigkeit bei SS und Gestapo auseinander. Der Museumsleiter dankte unter anderem Hagenlochers Familie, die seine eigene Forschungsarbeit in hohem Maße unterstützt habe.
Walther Groz, Industrieller und Politiker gleichermaßen, galt seit jeher als Kunstfreund. Beispielsweise schützte er eine Vielzahl Werke von Maria Caspar-Filser und Karl Caspar vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Deren expressionistische Malerei, so Kai Hohenfeld, sei als „entartet“ verfemt worden. „Um dem befreundeten Paar zu helfen, brachte er 47 ihrer Werke aus München nach Ebingen und versteckte sie auf dem eigenen Grundstück“, so Hohenfeld.
Aus dem Provisorium wurde ein Erfolg
Am 5. Dezember 1948 wurde Groz, der nie der NSDAP angehört hatte, als CDU-Kandidat zum Ebinger Bürgermeister gewählt. Was laut Hohenfeld als Übergang geplant war, wurde zu einer Amtszeit von zwölf Jahren. Groz meisterte viele Herausforderungen wie den Wiederaufbau der Stadt, die Wohnungsnot, der Mangel an Nahrung und an Finanzmitteln sowie die Aufnahme von Geflüchteten.
Von Bombern schwer zerstöhrt
Hohenfeld zeigte ein Foto des späteren Kunstmuseums, das von amerikanischen Bombern im Juli 1944 schwer zerstört worden war. Er zog beeindruckt Resümee: „Angesichts dieser Ausgangslage erscheint es umso bemerkenswerter, dass es Groz ein wichtiges Anliegen war, seinen Mitmenschen auch im Bereich von Kultur und Sport ein möglichst erfülltes Leben zu bieten.“
Ende 1960 beantragte das Stadtoberhaupt seine Entlassung, um sich wieder ganz seinem Unternehmen zu widmen. Groz‘ Liebe zur Kunst blieb.
Alfred Hagenlocher, geboren 1914 in Ludwigsburg, identifizierte sich laut Hohenfeld bereits als junger Mann mit dem Nationalsozialismus. Bei der Hitlerjugend stieg er 1930 ein, wurde im Jahr darauf NSDAP-Mitglied und beantragte die SS-Mitgliedschaft.
Kurz vor dem Abitur brach Hagenlocher die Schule ab und widmete sich fortan seiner Parteikarriere, arbeitete ab 1937 für die Geheime Staatspolizei, tauchte nach Kriegsende unter, so Hohenfeld: mit falschen Papieren. Sein Weg in die Kunst? Hohenfeld beschrieb ihn als „eine Art von Ersatz-Ideologie“.
Schwer erschüttert durch den Zusammenbruch
Der Zusammenbruch des Nationalsozialismus hatte Hagenlocher schwer erschüttert. Hohenfeld spann einen weiten Bogen und beschrieb detailreich, wie Groz und Hagenlocher zueinander fanden und die Kunst in Albstadt etablierten. Er blickte auf die ersten Jahre der Museumsarbeit zurück und betonte immer wieder das beispiellose Engagement von Walther Groz und seiner Familie.
Schon 1926 ein Museum
Was viele der Besucher nicht wussten: Im Dachgeschoss des Ebinger Rathauses, und damit im heutigen Sitzungssaal, war bereits 1926 ein Heimatmuseum eingerichtet worden.
Hagenlocher und Groz begegneten sich 1954 zum ersten Mal: im Kontext einer Ausstellung mit grafischer Kunst in jenem Heimatmuseum.
Die spannende kulturhistorische Ausarbeitung Hohenfelds ist im Katalog der aktuellen Dix-Ausstellung nachzulesen.
Noch mehr Programm
Am Internationalen Museumstag
war überall in Albstadt ein vielfältiges Programm geboten. Tim Delle führte die Besucher durch die Gedenkstätte und über das Areal des Stauffenbergschlosses in Lautlingen. Karl Eugen Conzelmann nahm die Gäste im Maschenmuseum Tailfingen mit auf die Suche nach dem sprichwörtlich „Roten Faden“. Carina Rosenlehner widmete sich Mythen und Märchen rund ums Spinnen und die Spindeln. Annika Güldner gab im Depot des Kunstmuseums Albstadt in Ebingen bei Führungen einen Einblick in die Schätze der Grafischen Sammlung.