Die Tür zur Kikripp in Villingen könnte sich bald schließen – aber viele Fragen rund um das Firmenkonstrukt dürften dann unbeantwortet bleiben. Foto: Marc Eich

In ein undurchsichtiges Firmengeflecht war die Villinger Kikripp eingebunden – „zum Zwecke der Selbstbereicherung“, wie nun Eltern scharf kritisieren. Ein Blick hinter die Fassade.

„Nicht mal Geld für Toilettenpapier“ – dieses Szenario hatten die Betreiber der insolventen Villinger Kindertagesstätte Kikripp immer wieder in der Öffentlichkeit gezeichnet, wenn es um die Auseinandersetzungen zwischen der Einrichtung und der Stadtverwaltung VS ging.

 

Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere Rückforderungen von bereits gezahlten Zuschüssen in Höhe von 1,3 Millionen Euro – aufgrund von Leistungen, die die Kita nach Aussagen der Stadtverwaltung unberechtigterweise abgerechnet hat. Die Folge war eine Reduzierung der städtischen Abschlagszahlungen, um Fehlbeträge abzustottern. Zeitweise hätten der Kikripp 20.000 Euro im Monat gefehlt.

Private Spender sprangen ein

Damit würde die Stadt die Existenzgrundlage der Kita berauben, warfen in der Folge Kikripp-Prokurist Marius Neininger und seine Frau Marisa Faißt-Neininger den Verantwortlichen der Stadt vor. Die Verwaltung dränge sie in die Insolvenz, hieß es. Mehr noch: In den sozialen Medien der Kindertagesstätte machten die Verantwortlichen deutlich: Der Rechtsstreit mache „100 Prozent manövrierunfähig“, es drohe „rasend schnell der Kollaps“ und „Toilettenpapier, Seife, Putzmittel, Küchenrollen, es fehlte an allem“. Zeitweise sprangen Eltern und private Spender ein, um zu unterstützen.

Was zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit nicht klar war: Die Betreiber hatten sich mit der Kikripp und angegliederten Firmen ein System von wirtschaftlichen Abhängigkeiten erschaffen – mit Verflechtungen, die nach unseren Recherchen allesamt auf das Ehepaar Neininger zurückzuführen sind. Hinter der Kita stehen mehrere miteinander verbundene Gesellschaften, zwischen denen nach den vorliegenden Abrechnungen mutmaßlich erhebliche Geldflüsse bestanden.

Eltern prangern Selbstbereicherung an

Diesen Schluss legen nicht nur öffentlich einsehbare Informationen aus der Firmendatenbank von Northdata nahe, sondern darüber hinaus Abschlussrechnungen der Betriebskosten, die unserer Redaktion vorliegen. Untermauert werden die massiven Vorwürfe von Aussagen betroffener Eltern. Nachdem sich die Geflechte auch innerhalb der Elternschaft immer deutlicher herauskristallisierten, zeigte man sich fassungslos. „Dieses ganze Konstrukt dient ausschließlich dem Zweck der Selbstbereicherung“, meint eine Familie und betont entrüstet: „Das ist an Niedertracht kaum zu überbieten.“

Wie kommen diese harten Aussagen zustande? Im Mittelpunkt stehen demnach insbesondere drei Firmen: Neben der mittlerweile insolventen Kikripp Betriebsgesellschaft gGmbH sind dies die KiKitas GmbH sowie die Kikripp GmbH. An der Spitze aller drei Gesellschaften steht laut Gesellschafterverträgen das Ehepaar Neininger. Informationen mehrerer Eltern zufolge zeige sich dabei deutlich die Abhängigkeit untereinander.

93.000 Euro für die Reinigung

Elternbeiträge werden demnach nicht direkt an die gGmbH gezahlt, sondern an die erst im Sommer 2025 gegründete KiKitas GmbH, die wiederum mit der gGmbH die vertraglichen Rahmenbedingungen für die Betreuung festgelegt hat. Unter anderem müsse auch die Verpflegung der Kinder und die Reinigung der Räume gewährleistet sein. Damit wiederum ist, das belegt auch die vorliegende Abschlussrechnung, die Kikripp GmbH beauftragt worden.

Die Summen lassen dabei aufhorchen: Im Jahr 2024 sind von der gGmbH mehr als 93.000 Euro an Personalkosten an die GmbH für die Reinigung des Gebäudes überwiesen worden – dafür hätten die Betreiber laut Eltern eine einzelne Kraft angestellt. Weitere 100.000 Euro fielen laut Abrechnung für Lebensmittel und Verpflegung an. Auch diese sind von der Kikripp GmbH vereinnahmt worden und blieben damit im System der Gesellschaften.

Keine Einigung mit Neiningers

Die beiden Positionen und insbesondere die Höhe der Kosten scheinen auch dem vorläufigen Insolvenzverwalter Dirk Pehl aufgefallen zu sein. Die daraufhin anberaumten Verhandlungen, um Kosten zu senken, brachten aber keinen Erfolg – Pehl musste daraufhin verkünden, dass er „keine Einigung über die Konditionen einer Weiterbeschäftigung des Dienstleisters erzielen“ konnte. Die Folge wäre damit ein Ende der Betreuung gewesen.

Dass es sich bei dem Dienstleister um eine Firma der Neiningers handelte, durfte er allerdings nicht kundtun. Auch auf Nachfrage unserer Redaktion hieß es, dass „wir zu Verfahrensinterna keine Angaben machen dürfen“. Bemerkenswert ist jedoch, dass die drohende Schließung der Kita ausgerechnet mit Leistungen zusammenhing, die zuvor innerhalb des Firmenverbunds der Betreiber erbracht worden waren. Vorwiegend dem Engagement der Eltern war es demnach zu verdanken, dass neue Dienstleister gefunden und so die Betreuung im Juni aufrechterhalten werden konnte.

Miete als größter Posten

Doch es gibt noch weit mehr Posten bei den Betriebskosten, die in das Neininger-Konglomerat wanderten. Denn die Kikripp GmbH forderte nach der vorliegenden Abrechnung zudem mehr als 45.000 Euro im Jahr für die „Personalgestellung Hauswirtschaft“ von der gGmbH. Mehr noch: Für den Gebäudeunterhalt, Winterdienst, Grünschnitt, Dienstleistungen für Post und Telefon, Geschäftsführerposten und Fahrzeug wurden jährlich weitere 47.000 Euro über Gesellschaften des Firmenverbunds abgerechnet.

Der größte Einzelposten ist jedoch die Miete. So wanderten jährlich mehr als 130.000 Euro an Mietkosten an ein weiteres Unternehmen im Geflecht der Neiningers. Das macht wiederum deutlich: Wesentliche Betriebsbereiche waren gar nicht bei der eigentlichen Kita angesiedelt, sind aber über das Firmenkonstrukt zur Verfügung gestellt worden. 

Neiningers schweigen

In Summe sind alleine im Jahr 2024 über 400.000 Euro über interne Gesellschaften abgerechnet worden – und das bei Gesamtausgaben im Jahr 2024 in Höhe von 1,6 Millionen Euro. Heißt: Jeder vierte Euro floss an Gesellschaften, die von denselben Personen geführt wurden. Aus Sicht der Eltern wirke es daher hämisch, dass die privaten Spenden zum Erhalt der Kita in einem Beitrag der sozialen Medien als „finanzieller Anker“ angesehen werden.

Unsere Redaktion konfrontierte die Betreiber mit den Recherchergebnissen und Aussagen der Eltern. Die mehrtätige Frist ließ das Ehepaar Neininger jedoch kommentarlos verstreichen. Und auch trotz der prekären Lage und der Insolvenz schweigen deren Kanäle in den sozialen Medien derzeit gänzlich.

Aufhebungsvereinbarungen kursieren

Das dürfte auch daran liegen, dass hinter den Kulissen bereits die Abwicklung der Kikripp vorbereitet wird. Noch den Juni über ist die Betreuung der Kinder über eine neue vertragliche Regelung mit der gGmbH und damit mit direktem Zugriff durch den Insolvenzverwalter gesichert. Der vorläufige Insolvenzverwalter hatte aber bereits deutlich gemacht, nur ein Investor könne die Einrichtung noch retten. Deshalb werde auch ein mögliches Ende der Kita bereits vorbereitet.

Und auch das Betreiber-Ehepaar sieht offenbar keine Zukunft mehr. Wie unsere Redaktion erfahren hat, kursieren mittlerweile Aufhebungsvereinbarungen, um den Betreuungsvertrag im beidseitigen Einvernehmen zu beenden. Schon jetzt haben sich offenbar viele Eltern um einen neuen Kita-Platz gekümmert – innerhalb der nächsten Wochen dürfte die Zahl nun noch weiter wachsen.

Sollte sich kein Investor finden, würde ausgerechnet jene Kita vom Markt verschwinden, deren Betreiber der Stadt lange vorgeworfen hatten, ihr die Existenzgrundlage zu entziehen. Die vorliegenden Abrechnungen werfen stattdessen die Frage auf, welchen Anteil das eigene Firmenkonstrukt an dieser Entwicklung hatte.

Anmerkung der Redaktion: Wegen der Prüfung juristischer Fragen haben wir aus der Ursprungsfassung des Textes eine kurze Passage entfernt.