Sachlich und engagiert trägt Wolfgang Kessler im Saal der Taborgemeinde seine Thesen über eine Wirtschaft in Krisenzeiten vor. Foto: B. Schwarz

Volles Haus war beim Vortrag von Wolfgang Kessler zum 40. Geburtstag des Weltladens in Freudenstadt. Darin sprach er unter anderem darüber, dass unser bisheriges Wirtschaftsmodell nicht mehr funktioniere, es ein neues Modell aber noch nicht gebe.

Ein rappelvoller Saal der Taborgemeinde war dem Weltladen Freudenstadt beschert, der zu seinem 40-jährigen Bestehen zu einem Vortragsabend eingeladen hatte.

Als Gastredner sprach Wolfgang Kessler über „Fair wirtschaften in Krisenzeiten – was wir lernen können, wenn wir uns trauen“. Der Referent ist promovierter, weitgereister Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Autor von Fachbüchern unter anderem „Macht Wirtschaft“ und das erst in diesem Jahr herausgekommene „Das Ende des billigen Wachstums“.

Ende des gegenwärtigen Wohlstands erreicht

Kessler sah die Gesellschaft derzeit in einer Übergangsphase, in der sie die Hypothek einer 30-jährigen „entfesselten globalisierten Wirtschaft“ zu tragen habe und sich damit schwer tue. „Das bisherige Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr, aber ein neues Modell, ein neuer Lebensentwurf, ist noch nicht da.“ Diese Lücke, so Kessler, führe zu Aggressionen und Konfrontationen, und das präge die Stimmung im Land.

Das Ende des gegenwärtigen Wohlstands sei erreicht, die Lage in Deutschland sei „generell dramatisch“. Krisenzeiten brächten dazu noch kritische Themen wie Klimawandel, Armut, Inflation, Wohnungsnot, ein marodes Gesundheitssystem und andere mehr verstärkt ans Tageslicht.

Auf der Suche nach dem Neuen, dem Nachhaltigen und Gerechten führte Kessler eine ganze Reihe von Themen, Vorschlägen und Möglichkeiten für eine bessere und sicherere Zukunft an. Dazu zählten unter anderem, den „Sozialstaat vom Diktat der Rendite“ zu befreien, ein Grundeinkommen für alle Bürger oder ein gerechteres Gesundheitssystem. Weitere Forderungen und Vorschläge zum „Schließen der Gerechtigkeitslücke“ waren, die Verschwendungswirtschaft in eine Kreislaufwirtschaft zu überführen, Steuern auf Krisengewinne, Besteuerung von Spitzeneinkommen oder die Verstaatlichung von Grundbedingungen wie Bahn, Wasser, Wohnen oder gar Digitalisierung.

Immer mehr Wertschöpfung vor Ort

Dazu aber müsse die Politik nicht weiterhin „von der Wirtschaft her denken, sondern vom Menschen her“, meint der Referent. Die Politik, so Kessler weiter, müsse die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft ändern, und die Bürger müssten diese Veränderungen mittragen. Dies sei eine Aufgabe für die Gemeinschaft.

Schließlich sprach sich der Redner für einen weltweit fairen Welthandel mit immer mehr Wertschöpfung vor Ort aus. Zollfreiheit dürfe es nur für Bio-Waren geben, die nachhaltig produziert und fair gehandelt werden. Auch dazu erwartete Kessler „den Druck von unten“.

Viele Visionen, viele Anregungen, viele Herausforderungen für die Gesellschaft alle auf einmal also? Kessler empfahl dazu: „Wir sollten so tun, als hätten wir Zeit.“ Starker Beifall und zahlreiche Fragen zeigten, dass er den Nerv der Zuhörer getroffen und Fragen aufgeworfen hatte, die die Gesellschaft bewegen.