Zwischen Urban Brass und virtuosem Mainstream – mit „Moop Mama x Älice“ und dem Joshua Redman Quartet verabschiedet sich das Festival für dieses Jahr aus dem Rottweiler Stall.
Ein echter Doppelschlag zum Finale: Das letzte Konzertwochenende des 38. Rottweiler Jazzfests hatte es nochmal in sich: „Moop Mama x Älice“ und das Joshua Redman Quartet geben in der Alten Stallhalle noch einmal eine Idee der Bandbreite, die Jazz liefern kann – und die entsprechend von ganz unterschiedlichen Besuchergruppen gefeiert wird.
Mit ihrem einmaligen Mix aus HipHop, Brass, Marching-Band-Musik und Deutschrap hat die Münchner Brass-Formation „Moop Mama“, die seit 2023 durch die charismatische Frontfrau Älice aus Hamburg verstärkt wird, am Freitagabend in der rappelvollen Alten Stallhalle ein musikalisches Beben entfacht.
Klangwellen rollen durch die Halle
Es war eng und laut, die Temperatur in der Halle schnellte in die Höhe. Besucher zogen Pullover aus – und das lag nicht nur an den vielen Besuchern. Schnell geriet das bunt gemischte Publikum in Bewegung.
Fette Bläsersätze rollten wie Klangwellen durch die Halle. Dazu erklang die markante Stimme des Energiebündels Älice, die mühelos zwischen Rap und Gesang wechselte. Das minimalistische Schlagwerk mit kleiner und großer Trommel sorgte für einen treibenden Rhythmus, der keinen Fuß mehr stillstehen ließ.
Mitten im Publikum
„Moop Mama“ begeisterte mit Urban Brass in seiner intensivsten Form. Mal brachial, mal verspielt, stets präzise. Virtuose Soli wechselten sich mit wuchtigen Bläser-Arrangements ab. Die Texte waren dabei nicht immer vollständig zu verstehen – doch das störte kaum. Viele im Publikum kannten die Songs ohnehin und sangen lautstark mit.
Ein besonderes Highlight folgte kurz vor Ende des 100-minütigen Konzertes: Die Musiker verließen die Bühne und zogen als Marching Band spielend durch die Menge: Plötzlich war das Publikum mittendrin statt nur dabei. Danach folgte noch eine lange Aftershow-Party.
Redman und seine Solisten
Zum Finale hat das Jazzfest noch einmal eine Perle für Jazzfans im Angebot: Das Joshua Redman Quartet, das sich mit Paul Cornish am Klavier, Philip Norris am Bass und Schlagzeuger Nazir Ebo in Rottweil als echtes Solistenensemble präsentiert, bringt eine Reihe ganz unterschiedlicher Farben in die Alte Stallhalle – und scheint selbst durchaus angetan. Rund eineinhalb Stunden ohne an Spannung zu verlieren – und das Publikum immer wieder auf neue Wege mitzunehmen, denen es fasziniert folgt –, ist schon eine Ansage.
Natürlich liegt der Fokus auf dem Saxofonvirtuosen Joshua Redman, der natürlich auch mit seinen schmeichelnden Moderationen – „Rottweil steht auf der ‚Bucket-List‘ für jeden amerikanischen Jazzmusiker“ – punktet, sogar einen kleinen politischen Kommentar fallen lässt, vor allem aber als exzellenter Musiker punktet. Redman inszeniert sein Spiel nicht, sondern akzentuiert es subtil. Mal als launiges oder auch diskursives Parlando, mal in einer förmlich gesungenen Melodie, die etwa in dem sehr beredten „Borrowed Eyes“ auch losgelöst erscheinen kann.
Er weiß, was er an Können in seinem Ensemble zeigen kann. „Words Fall Short“ ist dabei nicht nur der Titel seines 2025 im Kern in dieser Besetzung eingespielten, aktuellen Albums, sondern auch in zweifacher Hinsicht Beschreibung des Inhalts. Da sind literarische Qualitäten – schon beim Opener „A Message to Unsend“ –, da ist aber auch die Schwierigkeit, das Spektrum zu beschreiben, das Cornish, Norris und Ebo auszufüllen vermögen. Sie sind, wie Redman, profunde Virtuosen mit Allround-Qualitäten.
Diese dürfen sie auch in Rottweil ausspielen. Und so ausgiebig das geschieht, es spielt nie die Musiker in den Vordergrund, sondern dient der Musik, die mitunter auch einfach unterhalten darf. Das in einem einzigen Konzert in solcher Vielfalt und gleichzeitiger Stringenz zu hören, ist schlicht ein Erlebnis.