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"35 Jahre lang hat’s gekribbelt"

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Von Birgit-Cathrin Duval Weil am Rhein. "Eigentlich bin ich ja viel zu alt für so was", scherzt Tilmann Waldthalter. Mit "so was" ist seine letzte große Reise gemeint. Nach Neuseeland. Dort, wo vor 35 Jahren das große Abenteuer begonnen hatte. Seitdem ist er über 430 000 Kilometer auf dem Fahrrad um die Welt gefahren. In einem Jahr will er ankommen und absatteln – für immer.Da ist er. Tilmann Waldthaler sticht aus der Masse heraus: grauer Rauschebart, Baseballkappe, das kurzärmelige T-Shirt und Sponsoren-Weste entblößen drahtige, braungebrannte Arme. Sein Händedruck ist lang und fest, die grauen Augen strahlen, trotz abgedunkelter Brille, eine fröhliche Zufriedenheit aus, im rechten Ohr steckt ein großer goldener Ring. Tilmann Waldthaler ist erstaunlich klein, fast zierlich. Und das ist der Globetrotter, der bei Wind und Regen fast jedes Land der Erde durchquert hat? Ich stelle mir vor, wie er mit seinem vollgepackten Rad bei einem Stamm in Afrika auftaucht. Ein kleines Wichtelmännchen auf einem Fahrrad. Wie aus einem Märchen.

Es mag an dieser Mischung liegen, die dem gebürtigen Südtiroler so viele Türen in den unterschiedlichsten Kulturen geöffnet hat. Wache Augen, Neugierde und die Lust, immerzu von anderen dazuzulernen.

Von der Antarktis bis ans Nordkap: "Solo zwischen den Polen"

Tilmann Waldthaler ist viel herumgekommen in der Welt. Arbeitete als Koch und Konditor an den schönsten und ungewöhnlichsten Orten. In Südafrika, in Australien, sogar in der Antarktis – für die US-Armee. Dennoch verspürte er eine "unkonkrete Unzufriedenheit", wie er es nennt.

Mitte der 70er-Jahre trifft er auf einen Radfahrer – mitten in der australischen Wüste. Waldthaler hält ihn für verrückt. Doch die Begegnung bleibt nicht ohne Folgen. 1977, mit 36 Jahren, fällt er seinen Entschluss, eine Radexpedition zu wagen. "Solo zwischen den Polen" nennt er sie. Von der Antarktis bis ans Nordkap von Spitzbergen. Vier Jahre und 55 000 Kilometer verbringt er auf dem Fahrrad. "Dabei habe ich eine Zufriedenheit gefunden, die war wichtiger als Geld oder Glück", erzählt Waldthaler.

Danach beginnt sein alternatives Leben auf der Straße. Es folgten viele weitere Reisen. Nebenbei arbeitet er in seinem Beruf, sobald genügend Geld auf der Seite ist, steigt er wieder in den Sattel. "Dieser Lebensstil wurde mir nicht in die Wiege gelegt, den habe ich mir erarbeitet", betont er.

Nach und nach werden Sponsoren auf den bunten Globetrotter mit der langen Mähne und dem wuscheligen Bart aufmerksam. Er beginnt, seine Abenteuer in Büchern zu veröffentlichen, hält Diavorträge, testet Material für Firmen. "Ich wollte nie mit dem Radfahren Geld verdienen, das hat sich alles ergeben." Da war er bereits 46 Jahre alt. Seit 1991 ist er Berufsradler, mit heute 69 Jahren vermutlich der älteste der Welt. Doch auch die Bedürfnisse eines Tilmann Waldthalers ändern sich.

Er radelt gemächlicher, ist auch mit 50 Tageskilometern zufrieden, nächtigt nach einer langen Woche auf der Straße statt im Zelt auch gerne einmal im Vier-Sterne-Hotel. Um sich dann über die seltsamen Blicke der Hotelgäste zu amüsieren.

"35 Jahre lang hat’s gekribbelt, jetzt ist genug". Mit 70 soll nun endgültig Schluss sein. "Irgendwann hören die schönsten Zeiten auf. Ich möchte aufhören, wenn ich aufhören will und nicht, wenn ich aufhören muss", schreibt Tilmann Waldthaler auf seiner Homepage. Zu Hause in Australien, wo er seit einigen Jahren lebt, warten seine deutsche Frau Renate, die er als Solo-Radreisende in Afrika kennenlernte, und ein "Mache-ich-später-Regal".

"Ich bin sehr zufrieden", sagt er rückblickend

Für die nächsten zehn Jahre hat er sich vorgenommen, viel Zeit mit seiner Frau zu verbringen. "Für meinen Lebensstil habe ich viele kleinere und größere Opfer gebracht", erzählt Tilmann Waldthaler. Statt um die Welt zu radeln, will er sich nun dem Geschichten-Schreiben widmen.

Doch davor will er sein Lebenswerk vollenden. Seine erste Reise führte von der Antarktis nach Neuseeland. Jetzt radelt er sie umgekehrt und will damit den Kreis schließen. Gestern Morgen ist er gestartet. In Weil am Rhein (Kreis Lörrach) im Dreiländereck, wo er im vergangenen Jahr den ersten Teil seiner Tour vom Nordkap beendete.

"Ich bin sehr zufrieden", sagt er rückblickend auf seine vergangenen 35 Jahre im Sattel, die ihn in fast jedes Land der Erde führten. "Ich bin gesund, und ich schaffe noch immer 130 Kilometer am Tag auf dem Rad." Unterwegs sein und Zeit haben, über sein Leben nachzudenken, das sei das Wichtige am Reisen, sagt Waldthaler. 35 Jahre hat er sich Zeit genommen. Das ist purer Luxus.

Weitere Informationen: Tilmann Waldthaler berichtet über seine Reise nach Neuseeland im Internet: www.tilmann.com

 
 
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