Edle Dinge, kostbare Zeugnisse ihrer Zeit – konnten Sammler beim Großtauschtag der Briefmarkenfreunde Hechingen in der Stadthalle „Museum“ entdecken. Mit dem Andrang früherer Jahre ließ sich das Aufkommen jedoch kaum vergleichen. Die Veranstalter zeigten sich dennoch hochzufrieden. Foto: Badura

Der Großtauschtag in der Hechinger Stadthalle „Museum“ stellte einmal wieder die Faszination des Sammelns unter Beweis. Doch das Interesse an den Wertzeichen lässt nach.

Ich gehe jetzt, ich werde immer kleiner, wenn ich das hier sehe“, klagte Franz Hauko, Briefmarkensammler aus Burladingen, als er in der Hechinger Stadthalle „Museum“ vor einem weiteren Stand eines von rund 30 Händlern stehenblieb. Nicht das Angebot bekümmerte ihn. Es ist der Preisverfall – der davon kündet, wie sehr sein Hobby an Anziehungskraft verloren hat. In ganzen Packen, in Plastiktüten und Schuhschachteln wurden Marken für einen Euro angeboten. Mehr noch: Beispielsweise war etwa ein neuwertiges Album mit den kompletten Briefmarken-Jahrgängen der Deutschen Bundespost 1974 bis 1984 für 15 Euro zu haben. Ein Spottpreis, verglichen mit dem, was das Album und die Wertzeichen einmal kosteten. Die Liebhaber, die solche Dinge einst anlegten, haben teils viel Geld, Mühe und Liebe in ihre Schätze gesteckt.

 

Es geht nicht um das Geld​

Es geht allerdings nicht allein ums Geld, es geht um die Wertschätzung, die seit den 1980er Jahren für die bedruckten Rechtecke stark nachgelassen hat. Was soll aus den Schätzen, die zu Hause lagern, einmal werden? Wer nimmt sich ihrer an? Es gibt, auch das zeigte der Tauschtag der Briefmarkenfreunde Hechingen am vergangenen Sonntag, kaum noch Sammlernachwuchs. Selbst die jüngsten Besucher im „Museum“ dürften über 50 Jahre alt gewesen sein. Etwa Hubert Kienzle. Aber halt! Er sammelt ja gar nicht, er ist an diesem Morgen als Chauffeur für Vater Franz mitgekommen. Und gibt zu, Briefmarken seien nicht seine Welt. „Wenn ich nicht mehr da bin, fliegt bei meinen Kindern und Enkeln später alles raus“, kommentiert dazu ein anderer Besucher.

Wiederum Franz Hauko kann sich entgegen seiner Absicht, alsbald mit Tränen in den Augen davoneilen zu wollen, schließlich doch nicht von den Tischen trennen. Am Ende kauft er drei historische, frankierte Briefe, die er stolz präsentiert. Ein weiterer Besucher, der sein Dasein als Philatelist vor Jahrzehnten aufgegeben hat, konnte ebenfalls nicht widerstehen. Ihm geriet ein Richard-Wagner-Satz der Reichspost von 1933 vor die Augen. Wahlweise nahm er nicht den druckfrischen, ungestempelten. Der hätte laut Katalog 1500 Euro gekostet. Er entschied sich für einen gestempelten. „Damit wenigstens die Lücke im Album geschlossen ist.“

Wirkliche Kostbarkeiten

Das ist der andere Eindruck, den man beim Großtauschtag gewinnt: Es gibt herrliche, wunderschöne Dinge, ja, Kostbarkeiten in den Auslagen zu entdecken. Darunter Marken, Briefe und Postkarten aus aller Welt im besten Zustand. Jedes einzelne Stück erzählt eine Geschichte. Wer sich in ein solches Objekt vertieft, kann viel lernen: Über historische Ereignisse oder die Kultur und Verfasstheit einer Gesellschaft (DDR, UdSSR, die junge Bundesrepublik); desgleichen über Regionen, wie etwa die einstigen Kolonialgebiete. Teils vermitteln Feldpostbriefe oder Urlaubspostkarten zudem persönliche Schicksale und Erlebnisse. Einfach faszinierend.

Nein, ein Alt-Männer-Hobby ist das von seinem Charakter her nicht. Trotzdem: Die jüngere Generation zeigt derzeit kaum mehr Interesse. Da bildet die Veranstaltung des Hechinger Briefmarkenvereins in ihrem Aufkommen und der Altersstruktur der Interessenten keine Ausnahme. (Was vermutlich anders wäre, wenn hier Pokémon-Spielkarten gehandelt würden.)

Neue Mitglieder willkommen

Werner Zink, Vorsitzender der Briefmarkenfreunde ist trotzdem zufrieden: Der Anblick derer, die sich weiterhin für die Philatelie begeistern, bestärkt ihn darin, im kommenden Jahr wieder einen Großtauschtag anzubieten. „Sonst würde auch meinen Mitgliedern was fehlen“, lächelt er. In dem Zusammenhang bedankt er sich für die Unterstützung seiner Mitstreiter. „Das alles hier aufzubauen erfordert einen Mordsaufwand.“ Viel mehr Zeit für eine Plauderei bleibt Zink nicht. Ein Mann nähert sich: Er habe da ein Briefmarkenalbum, eine Erbgeschichte. Ob der Inhalt etwas wert sei, will er erfahren. Der Vorsitzende und seine Mitglieder beraten in solchen Angelegenheiten als Fachleute gern. Immer verbunden mit der Frage, ob der andere das Album anstatt es jemandem zu verkaufen, nicht lieber behalten und dem Klub beitreten möchte …?

Gegen Mittag verlässt Franz Hauko den Saal mit seinen drei Briefen. Und sein Sohn? Hubert trägt einen Bierkrug der untergegangenen Haigerlocher-Schlossbrauerei aus dem „Museum“.

Den hat er in einer kleineren Auslage am Eingang des Saales (Beiwerk der Veranstaltung) entdeckt. Da konnte wiederum er nicht widerstehen.