Birgit Pfersich wandert für Gerechtigkeit. Foto: Pfersich

Birgit Pfersich will diese Strecke etappenweise zu Fuß gehen, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das ihr persönlich nah am Herzen liegt.

Im Jahr 2023 tötete in Deutschland fast jeden Tag ein Mann seine Partnerin oder eine ehemalige Partnerin. Die Zahl der versuchten Femizide lag bei 938. Davon endeten 360 tödlich. Das geht aus dem Bericht des Bundeskriminalamts zu geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten hervor. Bevor es aber so weit kommt, leiden Opfer meist schon Monate wenn nicht Jahre unter dem Terror ihrer Partner.

 

„Ich will nicht aufgeben, sonst war alles umsonst“

Von solchen Erfahrungen berichtet auch Birgit Pfersich. „Ich habe das selbst erlebt“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mein Mann hat gesagt, dass er mich umbringen will.“ Pfersich zeigte ihn an, letztlich wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Das ist mittlerweile fast zehn Jahre her.

In dieser Zeit ist viel passiert, und gleichzeitig nur wenig, was Birgit Pfersich endlich einen Neuanfang ermöglichen würde. Denn: Sie ist noch immer mit dem Mann verheiratet, vor dem sie und ihre gemeinsamen Kinder vor vielen Jahren flüchtete. „Ich kämpfe seit Langem für eine gerechte Scheidung.“ Die Situation ist kompliziert, da die beiden gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb führten und Pfersich durch die Scheidung nicht ohne ihren gerechten Anteil an dem Hof dastehen will. „Ich will nicht aufgeben, sonst war alles umsonst.“

2500 Kilometer nach Santiago de Compostela

Seit Jahren leben sie und ihre Kinder in Angst. „Ich habe lange darauf gewartet, dass er irgendwann auftaucht und seine Drohung doch noch in die Tat umsetzt.“ Von dieser Angst will sich Birgit Pfersich aber nun Schritt für Schritt befreien. Und zwar im tatsächlichen Sinne: 2500 Kilometer will sie wandern. „Das tut mir gut“, sagt sie.

Bereits 2022 bestritt sie einen solchen Weg. Von ihrem jetzigen Wohnort im Zollernalbkreis bis zu ihrem Hof. Für sie eine Art der Befreiung. Dieses Jahr will sie etappenweise 2500 Kilometer nach Santiago de Compostela laufen.

Los ging’s in Hossingen

Gestartet ist Pfersich in ihrem Heimatort Hossingen und wanderte im Februar die ersten fünf Etappen bis zur französischen Grenze. Nach jeder Etappe fährt sie dann mit dem Zug wieder nach Hause, wie sie es bereits 2022 gemacht hatte. Für den März war der Plan bis Vasselay kommen. „Das war schon ziemlich weit in Frankreich, sagt Pfersich. Die ersten Tage habe es viel geregnet. „Das war die reinste Schlammschlacht“ meint Pfersich. „Einmal bin ich ausgerutscht und voll in den Matsch gefallen“, erzählt sie. „Aber das tat irgendwie gut. Das hat sowieso keiner gesehen. Ich bin einfach wieder aufgestanden und weitergegangen.“

„Der Weg gibt einem was man braucht“

„Der Weg gibt einem was man braucht“, meint die Pilgerin. „Anfangs habe ich viel über das nachgedacht, was alles passiert ist“, erzählt sie. „Da hat der Regen ganz gut gepasst. Irgendwann rücken diese Gedanken jedoch in den Hintergrund.“ Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. „Dann denkt man vor allem daran, ob man in die richtige Richtung läuft, wo sich die nächste Unterkunft befindet und wann man etwas essen kann.“ Denn: Bei täglich etwa 24 Kilometern und einem elf Kilo schweren Rucksack – Wasser und Verpflegung nicht mitgerechnet – ist man schnell mal gezwungen, sich mit dem Hier und Jetzt zu beschäftigen.

Wein und nette Gespräche

Viele andere Pilger waren so früh im Jahr noch nicht unterwegs, nette Bekanntschaften machte sie aber trotzdem. „Einmal habe ich in einer alten Schmiede eines Bauern übernachtet“, erzählt sie. „Wir haben es uns vor dem Kamin gemütlich gemacht und uns lange unterhalten.“ Stolz fügt sie hinzu: „Und das nur auf Französisch“. Auch in einem Kloster und einer Pilgerkirche kam sie auf ihrer Reise durch Frankreich unter.

Birgit Pfersich ist mit ihrer Geschichte nicht allein

Mit der Zeit kommt Pfersich auch über vieles anderes ins Grübeln. Wer hat alles diesen Weg schon bestritten und mit welcher Motivation? „Jeder Pilger hat schließlich seinen eigenen Grund für seine Reise“, sagt sie. Welche Sorgen, Wünsche und Hoffnungen andere wohl in sich tragen?

Aufmerksamkeit für die langwierigen Folgen von häuslicher Gewalt

Über ihre eigenen Motivationen ist sie sich im Klaren. Aber sie bestreitet den Weg nicht nur für sich selbst. „Damit will ich auch auf die Lage von Frauen aufmerksam machen, die von häuslicher Gewalt noch lange nach der Trennung betroffen sind“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Auch wenn man es da raus schafft, braucht man meistens noch viele Jahre lang Unterstützung.“

Nach zehn Jahren trifft das auch auf Pfersich selbst noch zu. „Ich will für eine gerechte Scheidung kämpfen, finde aber keinen Anwalt, der sich der Sache annimmt.“ Denn ihre Situation ist kompliziert. Aufgeben möchte sie aber nicht. „Jetzt mache ich erst mal was mit guttut. Wer mich auf meinem Weg begleiten will, ist eingeladen.“