Zucht und Ordnung, Schwertgeklirr und Marschmusik – so stellen sich die meisten Preußen vor. Doch Königin Luise gewann durch ihren Charme die Zuneigung ihrer Untertanen.
Im Sommer des Jahres 1810 bewegt sich ein Zug aus Reitern und mehreren Kutschen vom mecklenburgischen Hohenzieritz in Richtung Berlin. Luise von Preußen, die im Alter von 34 Jahren auf dem Landsitz ihres Vaters verstorben ist, wird in die Hauptstadt überführt. Zehntausende warten schweigend auf die Ankunft der „Königin der Herzen“, wie der Dichter August Wilhelm Schlegel sie schon 1798, rund 200 Jahre vor Lady Diana, genannt hat.
Wer war diese Frau, die keine politische Macht hatte und dennoch so entscheidend Einfluss auf das Schicksal Preußens nahm?
Liberalen Umgebung am Hof ihrer Großmutter
Luise Auguste Wilhelmine Amalie wurde am 10. März 1776 als sechstes Kind von Herzog Karl zu Mecklenburg und Frederike von Hessen-Darmstadt in Hannover geboren. Mit sechs Jahren verlor sie ihre leibliche Mutter und wuchs fortan in der liberalen Umgebung am Hof ihrer Großmutter in Darmstadt auf. Im Alten Palais der kleinen Residenzstadt, entfaltete sich ihr unbefangenes Wesen, das sie später beim Volk so beliebt machte.
1793 heiratete sie den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. in Berlin, der seinem Vater 1797 auf den Thron folgte. Ein Ereignis, das ihr Leben eng mit den dramatischen Ereignissen im Kampf Preußens gegen Napoleon Bonaparte verknüpfte.
Ihre Natürlichkeit überzeugt das Volk
Luise gewinnt sehr schnell die Zuneigung der Menschen. Ihre Natürlichkeit und die Tatsache, dass sie bei öffentlichen Auftritten auf ihre Untertanen zuging, ließen die Königin populär werden. Charakteristisch dafür ist die viel zitierte Szene des kleinen Mädchens, das ihr Unter den Linden einen Blumenstrauß überreicht. Luise nimmt das Kind auf den Arm und küsst es auf die Stirn. Das Volk merkt, dass ihre Unbekümmertheit von Herzen kommt.
Welch ein Unterschied zu ihrem introvertierten, recht spröde wirkenden Gatten, dem Repräsentationspflichten „höchst fatal“ sind. Da muss Luise helfen. Mit ihrer unkonventionellen Art durchbricht die anmutige junge Frau das steife Hofzeremoniell. Der preußische Hof bekommt durch sie ein „bürgerliches“ Antlitz.
Sanft renovierter Stil der Repräsentation
Tatsächlich prägte das Herrscherpaar einen sanft renovierten Stil der Repräsentation: Ins preußische Königshaus zieht eine neue Lockerheit ein; die Prunkentfaltung hielt sich in Grenzen; auch vor der höfischen Gesellschaft duzten sich die beiden. Ihre Privatkorrespondenz lässt den Schluss zu, dass sie einander stark verbunden waren.
Luise ist ihrem Ehemann zeitlebens eine wertvolle Stütze und Ratgeberin. Ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass Reformer wie Karl August von Hardenburg leitende Ministerposten bekamen.
Unsterblichen Ruhm erlangt die zehnfache Mutter in Preußens dunkelster Stunde. Obwohl sie als Frau in der damaligen Politik nichts zu sagen hat, warnt sie ihren unentschlossenen Gatten vor Napoleon. Lange hält der König von Preußen an seiner Neutralitätspolitik fest, obwohl Berater ihn drängen, dem Aggressor Einhalt zu gebieten. Auch Luise mahnt ihren zögerlichen Gatten zum Handeln „Gewalt gegen Gewalt, das ist meiner Meinung nach das einzig Richtige“.
Bettlägerig krank fährt die Königin nach Memel
Auch nach der Niederlage im Oktober 1806 in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt zeigt sich Luise entschlossen. Bevor Napoleon in Berlin einzieht, fliehen König und Königin in den äußersten Nordosten des Landes. Bettlägerig krank fährt die Königin drei Tage und drei Nächte in Schneegestöber und Sturm im offenen Wagen über die Kurische Nehrung nach Memel. „Ich will lieber in die Hände Gottes als dieses Menschen fallen“, sagt sie und nimmt alle Strapazen auf sich.
Selbst als Preußen in Trümmern liegt, stellt sich Luise in den Dienst des Landes. Als ihr Gatte sie bittet, die Friedensverhandlungen mit Napoleon zu führen, in der Hoffnung, den Sieger milde zu stimmen, zögert Luise nicht lange: „Ich eile, ich fliege nach Tilsit, wenn Sie es wünschen.“
Schicksalhaften Begegnung mit Napoleon
Am 6. Juli 1807 kommt es dann zu jener schicksalhaften Begegnung mit Napoleon im ostpreußischen Tilsit. Luise spricht als Ehefrau und Mutter und bittet um maßvolle Behandlung Preußens. Doch die Charmeoffensive findet bei dem Franzosenkaiser kein Gehör. Napoleon bleibt hart, Preußen verliert die Hälfte seines Territoriums.
Politisch hat Luise nichts erreicht, doch ihr mannhaftes Eintreten für Preußen ließ sie vor den Augen ihrer Untertanen noch heroischer erscheinen und beförderte ihren Ruf als nationale Heilsfigur. In Tilsit entstand ein Mythos, an dem noch zu ihren Lebzeiten gesponnen wurde. Als in den Befreiungskriegen 1813-1815 das französische Heer geschlagen wurde, war die „Rache für Luise“ perfekt.
Sie wird zum Symbol des Widerstands gegen Frankreich
Fortan wird die preußische Königin zum Symbol des Widerstands gegen Frankreich verklärt. Bevor ihr zweitältester Sohn Wilhelm 1870 gegen Frankreich in den Krieg zog, kniete er vor dem Sarkophag seiner Mutter in Schloss Charlottenburg nieder; ebenso als er als Sieger zurückkehrt.
In der Folgezeit nahmen Darstellungen der königlichen Mutter überhand. Gedenktage verstärkten die Bindung an das aufopferungsvolle Vorbild. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor der Luisen-Kult an Bedeutung.
Luise starb am 19. Juli 1810 im Alter von 34 Jahren auf dem väterlichen Schloss Hohenzieritz. Als Preußenkönigin war die „bürgerlich“ auftretende Landesmutter recht unpreußisch. Doch im Willen zum Dienst am Staat war die geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz dann doch eine echte Preußin.