Wikipedia-Erfinder Jimmy Wales Foto: dpa/dpaweb

Seit 25 Jahren können dank Wikipedia alle alles wissen. Doch schon läuft die nächste Revolution, schreibt unser Autor Armin Käfer.

Wissen Sie aus dem Stegreif, wie groß Grönland ist, wie viele Menschen in Teheran leben und wann Donald Trump 80 wird? Alle diese Fragen sind aktuell von Belang. Die Antworten lassen sich mit drei Klicks in Erfahrung bringen. Das verdanken wir einer Erfindung vor 25 Jahren: Wikipedia. Sie hat eine Kulturrevolution eingeleitet.

 

Dank Wikipedia ist das Wissen der Welt für jedermann und jede Frau binnen Sekunden verfügbar – zumindest für alle, die Zugang zum Internet haben. Wikipedia beschleunigte die Kollektivierung globaler Wissensschätze und die Demokratisierung der Information. Wie es fabriziert wird, kommt einer Selbstermächtigung der Wissbegierigen gleich: Wer will, kann mitschreiben, Beiträge überprüfen oder ergänzen.

Globaler Wissensschatz – mit blinden Flecken

Das Online-Lexikon ist längst die wichtigste Informationsquelle der Welt – und prägt damit deren Wahrnehmung. Die hat ungeachtet aller Wissensglobalisierung allerdings blinde Flecken. 300 Sprachen und Dialekte, in denen Wikipedia sein Wissen vermittelt, reichen nicht aus, um die Lücken zu schließen, die sich aus den ungleich verteilten Ressourcen bei der Nutzung von Computern und Smartphones ergeben.

Ungeachtet solcher Einwände ist Wikipedia das größte ehrenamtliche Projekt unserer Zeit: ein Unternehmen mit 250 000 Mitarbeitern, die dabei nichts verdienen und keinem ökonomische Kalkül unterliegen. Wenn Johannes Gutenberg, der den Buchdruck zur Serienreife brachte, lange als revolutionärster Erfinder der Geschichte galt, dann ist Jimmy Wales, der Erfinder von Wikipedia, ein würdiger Nachfolger. Seine digitale Wissensmaschine ist (meist) aktueller, umfänglicher und (über weite Strecken) so verlässlich wie der alte Brockhaus – zudem gratis.

Wikipedia spiegelt Fluch und Segen des Internets

Wikipedia hat die Idee der Enzyklopädie um Dimensionen erweitert, führt sie allerdings auch an ihre Grenzen. Es bietet Fast Food für Bildungshungrige, fördert aber auch ein Halbwissen, das wissenschaftlichen Standards nicht immer genügt und dem wissenschaftlichen Arbeiten bisweilen gar zuwider läuft. Warum Bücher lesen, wenn ein Destillat der dort offerierten Erkenntnisse per Daumenklick zu beschaffen ist?

In der Erfolgsgeschichte von Wikipedia spiegeln sich Fluch und Segen des Internets. Das Lexikon in der Hosentasche, das in jeder Sekunde weiter wächst, öffnet den Zugang zu ehedem exklusiver Information. Es beendet die Epoche der Expertokratie in der Wissensvermittlung. Wer für seine Vollständigkeit, seine Verlässlichkeit und seine Aktualität bürgt, bleibt indes ein Mysterium. Nicht ausgewiesene Experten entscheiden, was korrekt und wissenswert ist – sondern das anonyme Heer der Wikipedianer (in dem sich eventuell auch Fachleute finden).

Droht nun eine Entmündigung Wissbegieriger?

Auf die Ära der Perfektionierung und Beschleunigung der Wissensvermittlung folgt womöglich eine der Entmündigung Wissbegieriger. Wer Wikipedia nutzt, braucht immerhin eine Idee davon, was er gerne wissen würde. Wer sich damit begnügt, Assistenten der Künstlichen Intelligenz zu befragen, kann sich auch das Nachdenken darüber sparen – und damit letztlich alles eigenständige Denken. Wobei sich die KI zwar häufig auch nur bei Wikipedia bedient, dies und die Lieferanten ihrer vermeintlichen Klugheit aber vielfach verschweigt.

Der Informationskannibalismus mittels Künstlicher Intelligenz höhlt Wikipedia aus und führt das ihm zugrunde liegende Prinzip ad absurdum: Schwarmintelligenz ohne Profitinteresse. KI wird die durch Wikipedia revolutionierte Informationsinfrastruktur noch einmal umwälzen. Der wissbegierige Mensch spielt da nur noch eine Nebenrolle.