Herr des Wissens: Jimmi Wales, Schöpfer der Internet-Enzyklopädie Wikipedia Foto: dpa/dpaweb

Vor 25 Jahren startete das Onlinelexikon Wikipedia. Es offeriert Wissen in mehr als 350 Sprachen und Dialekten. Gräbt KI ihm das Wasser ab?

Was es über Wikipedia zu sagen gibt, füllt in der deutschen Ausgabe von Wikipedia 53 DIN-A-4-Seiten. In der englischen sind es nur 44, in der französischen 41 Seiten – was erste Fragen aufwirft. Jedenfalls ist das größte Onlinelexikon weltweit inzwischen 25 Jahre alt. Täglich wird es sieben bis neun Millionen Mal angeklickt.

 

Wie entstand Wikipedia?

Die Idee dazu hatten der Internetunternehmer Jimmy Wales und der damalige Doktorand der Philosophie Larry Sanger im Jahr 2000. Seit dem 15. Januar 2001 ist ihr digitaler Wissensspeicher online. Zwei Monate später war auch eine deutsche Version verfügbar. Bei dem Namen handelt es sich um ein Schachtelwort. „Wiki“ geht (laut Wikipedia) auf das hawaiische Wort für „schnell“ zurück. Die zweite Worthälfte verweist auf den englischen Begriff für Enzyklopädie. Der „Zeit“ zufolge handelt es sich um „das erfolgreichste dezentrale Projekt des Internets – ohne jeglichen Profit“.

Was bietet Wikipedia?

Wikipedia offeriert nach eigenen Angaben Erklärungen zu mehr als 66 Millionen Stichwörtern in 356 Sprachen und Dialekten. Die deutschsprachige Version umfasst mehr als drei Millionen Einträge. Zum Vergleich: Die letzte Druckausgabe des Brockhaus-Lexikons enthielt 300 000 Stichwörter.

Die Bandbreite des bei Wikipedia versammelten Wissens reicht von dem Stichwort „Aabach“, einem Gewässer im Schweizer Mittelland, bis „Zyx“, was das historische Stammesgebiet der Zichi bezeichnet, einem Volk, das einst im Nordkaukasus heimisch war. Die Nutzer von Wikipedia verbringen laut eigener Darstellung jährlich 4,6 Milliarden Stunden mit dem Lesen dieser Einträge. Die Hälfte davon entfällt auf englische Stichwörter.

Weltweit zählt Wikipedia zu den am häufigste genutzten Websites. In der Hitliste der meistgenutzten Internetseiten lag Wikipedia laut Semrush, einem amerikanischen Unternehmen zur Analyse von Suchmaschinen, hinter Google (99 Milliarden Nutzer jährlich), Youtube (48,6 Milliarden), Facebook (neun Milliarden), ChatGPT, Instagram und Reddit auf Platz sieben. Nach eigenen Angaben handelt es sich um die einzige nicht kommerzielle Website unter den ersten 50 Einträgen auf dieser Liste. Bei der mobilen Nutzung mittels Smartphone, Tablet oder Laptop liegt Wikipedia sogar auf Platz fünf.

Wie funktioniert Wikipedia?

Das Onlinelexikon beruht auf dem Prinzip des kollaborativen Schreibens. Die Beiträge werden unentgeltlich von freiwilligen Autoren erstellt und auf ihre Korrektheit überprüft. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben nahezu 250 000 Mitarbeiter. Sie haben im vergangenen Jahr 79 Millionen Änderungen und Ergänzungen am Informationsbestand vorgenommen. Zur sogenannten Wikiquette, den Verhaltensvorschriften für Mitarbeiter, gehört es, dass Beiträge von einem neutralen Standpunkt aus verfasst werden sollen, Wertungen belegt und Tatsachenbehauptungen nachprüfbar sein müssen. Zudem soll „keine Theoriefindung“ betrieben werden, keine originäre Forschung. Ein wichtiges Prinzip ist es, Mitautoren zu respektieren und in Diskussionen über Beiträge niemanden zu beleidigen oder persönlich anzugreifen. Die Mitarbeiter arbeiten überwiegend unter Pseudonym. Die wechselseitige Kontrolle von Einträgen führe dazu, „dass Manipulationsversuche früher oder später eigentlich immer auffallen“, so einer der 160 gewählten Wikipedia-Verwalter in Deutschland.

Wie zuverlässig ist Wikipedia?

Von Beginn an haben Nutzer kritisiert, Wikipedia biete im Unterschied zu herkömmlichen Enzyklopädien keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Artikel – diese werden allerdings erst nach intensiver Überprüfung veröffentlicht, fortlaufend ergänzt und bei Bedarf korrigiert. Robert McHenry, früher Chefredakteur der Encyclopædia Britannica, bezweifelt den Anspruch von Wikipedia, eine Enzyklopädie zu sein. Dies würde einen Grad von persönlicher Verantwortlichkeit und Zuverlässigkeit erfordern, der bei einer offen veränderlichen Quelle nicht erreicht werde. „Während beim Brockhaus Doktoren und Professoren über das urteilen, was man weiß oder wissen sollte, sind die Wikipedia-Autoren oft engagierte Laien“, schrieb der „Spiegel“. Dem Magazin zufolge „stößt man bei Wikipedia immer mal wieder auf Beiträge minderer Qualität“. Diese Kritik findet sich übrigens bei Wikipedia selbst. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ hat 2025 mehr als 1000 zufällig ausgewählte Wikipedia-Artikel überprüft. Ihr Fazit: „Probleme gibt es auf mehr als jeder dritten Seite. Mindestens 20 Prozent der Seiten enthalten Informationen, die nicht mehr aktuell sind.“ Die „Zeit“ schreibt in einem insgesamt sehr wohlwollenden Text über Wikipedia zu dessen Inhalten: „Es hat Lücken, unterliegt Verzerrungen, und manchmal steht auch grober Unfug auf den Seiten.“

Wer finanziert Wikipedia?

Das Projekt finanziert sich vor allem durch Spenden. Dabei handle es sich bei einem Großteil um Beträge um die 20 Dollar, so Wikipedia-Gründer Wales. Unter den bisherigen Spendern waren aber auch Amazon (2018: eine Million Dollar) und der US-Investor George Soros (2019: mehr als drei Millionen Dollar). Für das Geschäftsjahr 2022/23 – das sind die aktuellsten veröffentlichten Zahlen – weist die Wikimedia-Stiftung Erträge von insgesamt 180 Millionen Dollar und ein Nettovermögen von 254 Millionen Dollar aus.

Welche Alternativen gibt es?

Ähnlich wie klassische Nachrichtenmedien sei auch Wikipedia konfrontiert mit einer „veränderten Art und Weise, wie Wissen konsumiert wird“, sagt Nina Leseberg von Wikimedia Deutschland, der Stiftung, die das Projekt mitträgt. Sie meint damit einen Trend, der wegführt von eigenständiger Recherche und hin zur automatisierten Beantwortung ganz konkreter Fragen, wie sie etwa Chatbots bieten: digitale Auskunfteien, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Die KI bedient sich dabei häufig auch der Inhalte von Wikipedia. Laut Medienberichten entfallen inzwischen zwei Drittel der Seitenaufrufe bei Wikipedia auf KI-Tools. Die Zahl der Menschen, die auf das Onlinelexikon zugreifen, schrumpft hingegen fortlaufend.

Zur Konkurrenz zählt neuerdings das von Elon Musk bereitgestellte „Grokipedia“, das sich nicht auf freie Mitarbeiter, sondern auf KI stützt. „Ob man Elon Musks Ziel, ,das Universum zu verstehen’, damit näher kommt, darf bezweifelt werden“, schreibt die österreichische Tageszeitung „Standard“ dazu. „Eher hilft Grokipedia dabei, Elon Musk zu verstehen.“ Nach einer Auswertung nahezu des kompletten Textbestandes von Grokipedia handelte es sich bei mehr als der Hälfte aller Texte der Startausgabe um komplett oder nahezu unverändert übernommene Artikel aus der englischsprachigen Wikipedia – so steht zumindest bei Wikipedia zu lesen.