Gut ambulant versorgt zuhause: Wer möchte das nicht sein? Foto: imago/U. Grabowsky

Mehr Bedürftige – weniger Pfleger. Das wird 2030 die Lage in Baden-Württemberg sein. Laut einer Studie brauchen dann deutlich mehr Senioren Pflege als angenommen.

Stuttgart - – Wissenschaftler der Universität Bremen kommen in einer Studie für die Barmer-Krankenkasse zu dem Schluss, dass dem Land Baden-Württemberg in wenigen Jahren eine gravierende Pflegelücke droht. Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag stellte Winfried Plötze, der Landesgeschäftsführer der Barmer in Baden-Württemberg, die wichtigsten Daten des sogenannten Barmer-Pflegereports vor: Demnach werden in acht Jahren 710 000 Menschen in Baden-Württemberg auf Pflege angewiesen sein werden. Das sind 127 000 Pflegebedürftige mehr als bisher angenommen. Gleichzeitig werden 4000 Pflegekräfte fehlen, um diese Menschen zu versorgen.

 

Der Beruf hat ein Imageproblem

„Die Situation in der Pflege wird sich verschärfen“, sagte Plötze. Schon jetzt habe die Branche mit Personalmangel, Arbeitsverdichtung und einer hohen gesundheitlichen Belastung der Beschäftigten zu kämpfen, nun werde auch noch ein höherer Mitarbeiterbedarf hinzu kommen, so Plötze. Um Pflegekräfte zu halten und neue zu gewinnen müsse die Gesundheit der Mitarbeiter besser gefördert werden und der Pflegeberuf müsse attraktiver werden. Diese Aufgabe liege sowohl in der Politik, die die Rahmenbedingungen verbessern müsse, als auch bei den Arbeitgebern, die mehr Eigeninitiative entwickeln müssten: „Die Pflege hat auch ein Imageproblem. Das zu ändern, liegt auch in der Verantwortung der Arbeitgeber.“

Caritas hat ein Erfolgsrezept

Gewissermaßen als Kronzeugen für die Lage der Pflege hatte die Barmer Verantwortliche der Caritas Konstanz eingeladen, die in drei Heimen und einem ambulanten Pflegedienst rund 400 Frauen und Männer beschäftigt, außerdem 30 Auszubildende. Noch gebe es kein gravierendes Personalproblem, so Andreas Hoffmann, der Geschäftsführer des Caritas-Verbandes Konstanz: „Wir bezahlen nach Tarif. Eine examinierte Pflegekraft verdient rund 3600 Euro brutto. Und wir erleichtern den Alltag unserer Beschäftigten. Das ist mindestens so wichtig wie eine fairer Lohn“, sagt Hoffmann. So gebe es eine Kinderbetreuung, zum Selbstkostenpreis könnten die Beschäftigten ihre Kleidung bei der Caritas waschen lassen und Essen „in Bioqualität“ mit nach Hause nehmen. Zudem setze die Caritas in ihren Heimen und im mobilen Pflegedienst auf die Digitalisierung.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Impfpflicht-Debatte belastet Heime und Kliniken

Hoher Krankenstand in der Altenpflege

Alarmierend ist laut Pflegereport die gesundheitliche Belastung der Altenpflegekräfte im Land. So waren im Jahr 2020 die Altenpflegekräfte in Baden-Württemberg 26,6 Tage krankgeschrieben. Das sind 11,5 Tage mehr als im landesweiten Durchschnitt. Der hohe Krankenstand von 7,3 Prozent – der Landesdurchschnitt liegt bei 4,1 Prozent – erhöht die Arbeitsbelastung für die verbliebenen Pflegekräfte. Dessen Erkrankungsrisiko steige dann wieder, sagt Winfried Plötze: „Das ist ein Teufelskreis. Um ihn zu durchbrechen, brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen.“

Migranten sind keine Lösung des Problems

Ausländische Pflegekräfte lösen nach Ansicht der Barmer das Personalproblem nicht. „Zum einen ist es ethisch nicht akzeptabel, wenn wir unseren Personalmangel ins Ausland exportieren. Zum anderen steigt der Pflegebedarf auch in anderen Ländern. In 20 Jahren werden wir mit China um Pflegekräfte konkurrieren“, so Plötze. Andreas Hoffmann von der Caritas rekrutiert keine Pflegekräfte mehr aus anderen Ländern. Kosten und Aufwand seien hoch, der Erfolg sei gering. „Die Sprachbarrieren sind enorm, viele bekommen Heimweh. Nach kurzer Zeit brechen sie ihrer Zelte ab und kehren trotz guter Betreuung nach Hause zurück.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: In Baden-Württemberg sind Pflegeheime teuer